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StartseiteEine WeltKatar verzettelt sich mit seiner Außenpolitik04.05.2013

Katar verzettelt sich mit seiner Außenpolitik

Mit Geschick und Geld zur einflussreichen Macht am Persischen Golf

Die Liste der regionalen Konflikte ist lang, bei denen Katar in den letzten Jahren seine Mittlerdienste angeboten hat. Dabei werden der Emir und sein Ministerpräsident, Scheich Hamad bin Jassim Al-Thani, von der Vision getrieben, dass die Araber selbst ihre Angelegenheiten in Ordnung sollten.

Von Carsten Kühntopp

Scheich Hamad bin Chalifa Al-Thani, der Emir von Katar (dpa / picture alliance / Tim Brakemeier)
Scheich Hamad bin Chalifa Al-Thani, der Emir von Katar (dpa / picture alliance / Tim Brakemeier)

Wie kein anderes Land der arabischen Welt unterstützt Katar die Volksaufstände des Arabischen Frühlings. Ein konservatives Scheichtum will den Forderungen der Menschen nach Freiheit und Demokratie zum Durchbruch verhelfen. Doch dafür bekommt es nun weniger Lob vom sprichwörtlichen Mann auf der Straße, sondern erntet Spott und Hohn.

"Mein geliebtes Katar, kleiner Bruder, Tag um Tag wächst Dein Reichtum",

so sang es kürzlich ein Chor im ägyptischen Fernsehen. Der Satiriker Bassem Yousef dichtete dazu einen beliebten Song aus den 1960ern um. Seine Spitze ging auch gegen den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Ihn ließ Yousef als eine Marionette Katars erscheinen, der Grund: Seit dem Umsturz in Ägypten ist Katar der neuen Regierung mit etwa zehn Milliarden US-Dollar zur Hilfe gekommen; weitere 18 Milliarden Dollar will man in den kommenden fünf Jahren investieren.

Auf Dankbarkeit der Ägypter durfte Katars Emir, Scheich Hamad bin Khalifa Al-Thani, nicht hoffen. Dieser Passant in Kairo spricht aus, was viele denken:

"Katar versucht, die Region zu führen - mit Geld, mit allen Mitteln. Das akzeptieren wir nicht. Denn eigentlich hatte Ägypten immer diese Rolle. Was ist denn Katar? Das ist ja gerade mal wie ein kleiner Teil von Gizeh. Die ganze Welt lacht darüber, dass die Kataris groß sein wollen, aber in Wirklichkeit sind sie klein."

Aus Sicht wohl der meisten Ägypter ist die natürliche Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt: Es ist nicht mehr das 70-Millionen-Volk Ägypten, das die arabische Welt anführt; dies maßt sich nun ein Staat an, der gerade einmal etwa 250.000 Staatsbürger hat.

Viele Ägypter sehen die Unterstützung zudem nicht als willkommene Hilfe in ihrer schier ausweglos erscheinenden Wirtschaftskrise, sondern halten sie für eine Unterstützung der regierenden Muslimbruderschaft, der Mursi nahesteht. Michael Stephens arbeitet in Katar am Royal United Services Institute, einer britischen Denkfabrik:

"Der Emir hat entschieden, dass die Muslimbruderschaft demokratisch an die Macht kam und eine Mehrheit der Ägypter vertritt - und dass sie deshalb Unterstützung verdient. Allerdings sind 49 Prozent der Ägypter gegen die Muslimbrüder und glauben, dass Katar ihnen nun eine Regierung aufzwingen will - eine Regierung noch dazu, die zweifelsohne dabei ist, Freiheiten zu beschneiden."

Auch auf einem anderen Schauplatz des Arabischen Frühlings ist Katar zu einem der wichtigsten Spieler geworden: in Syrien. Und auch hier ist es die Demokratie, die Scheich Hamad, einen Alleinherrscher, bewegt. Seiner Ansicht nach sollen die Syrer selbst bestimmen können, wer sie regiert. Da dies nur ohne Baschar Al-Assad möglich sei, müsse dieser gestürzt werden. Und so unterstützt Katar die Rebellen - mit Geld und mit Waffen. Eine brandgefährliche Strategie, die schon längst Teile der arabischen Öffentlichkeit befremdet, sagt der Experte Michael Stephens:

"Die Kataris haben in Syrien Gruppen unterstützt, die religiös motivierte Gewaltakte begangen haben. Da wurden schiitische Moscheen niedergebrannt oder Alewiten umgebracht, die für Unterstützer Assads gehalten wurden. Weil Katar solchen Leuten in Syrien hilft, hat es den Anschein, dass man in der gesamten Region gegen Schiiten sei. Dazu kommt, dass Katar auch in Libyen und Tunesien Gruppen unterstützt hat, die sunnitische Hardliner sind. Katar scheint nun also eine Seite der muslimischen Welt zu fördern, aber nicht die andere."

Auch die Al-Nusra-Front, eine syrische Gruppe im Dunstkreis von Al-Kaida, erhielt ursprünglich Waffen aus Doha; dies - so Stephens - hätten die Kataris aber als Fehler erkannt und korrigiert.

Die Liste der regionalen Konflikte, in denen Katar in den letzten Jahren seine Mittlerdienste angeboten hat, ist lang. Dabei werden der Emir und sein Ministerpräsident, Scheich Hamad bin Jassim Al-Thani, von der Vision getrieben, dass es an den Arabern selbst sein muss, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, ohne Einmischung von außen. Beide Männer sind starke Persönlichkeiten und haben viel politische Fantasie. Sie glauben, dass der Sicherheit ihres Landes am besten gedient ist, wenn es über Kontakte zu allen Akteuren der Region verfügt: zu den USA und dem Iran, zum afghanischen Präsidenten Hamid Karzai und den Taliban, zu Israel und der Hamas.

Diese Offenheit und die schier unbegrenzte Fähigkeit, Dinge, die stocken, mit dem Schmiermittel Geld wieder zum Laufen zu bekommen, haben den Emir und seinen Regierungschef mittlerweile aber zu einer Außenpolitik verleitet, die hyperaktiv ist. Die Beispiele Ägypten und Syrien zeigen, dass sich die beiden Männer zu verzetteln drohen. Ihr Handicap: Ihr Land ist noch jung und unterentwickelt und schlicht zu klein, um ein gutausgebildetes Heer an Diplomaten und Politikexperten zu stellen, die die Strategie der Entscheidungsträger angemessen begleiten könnten. Zudem wirkt Katar aus Sicht des Experten Michael Stephens zunehmend unglaubwürdig:

"Eines der größten Probleme ist, dass Katar selbst keine Demokratie ist. Die Menschen verstehen nicht, dass solch ein Land außerhalb seiner Grenzen für Demokratie und Menschenrechte eintritt. Dem würden die Kataris entgegnen: 'Unseren Bürgern mangelt es an nichts, sie bekommen alles, wir sind das reichste Land der Welt, und unsere Bürger wollen keine Demokratie.' Und all das stimmt sogar. Doch andernorts in der arabischen Welt traut man dem nicht. Die Menschen glauben, dass ein Land, das selbst keine Demokratie ist, auch nicht dafür eintritt, dass anderswo demokratische Kräfte gewinnen."

Zwar gibt es keine entsprechenden Umfrageergebnisse, aber Stephens denkt, dass Katars Image in den vergangenen Monaten gelitten hat. Lange war der kometenhafte regionale Aufstieg des Landes eine Erfolgsstory; jetzt ist es interessant, zu beobachten, wie lange Katar die erreichte Position noch halten kann.

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