• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 16:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteTag für Tag"Die Kirche braucht eine Revolution von schwulen Männern"28.04.2017

Katholische Kirche"Die Kirche braucht eine Revolution von schwulen Männern"

Krzysztof Charamsa ist katholischer Priester. Er war Mitglied der Glaubenskongregation des Vatikans - bis er sich 2015 in einer Pressekonferenz outete. Die katholische Kirche brauche aber nicht nur ein Coming-out, sie brauche eine Revolution von schwulen Männern, sagte Charamsa im DLF. Man arbeite gegen homosexuelle Leute wie "eine fundamentalistische Sekte".

Krzysztof Charamsa im Gespräch mit Gerald Beyrodt

Der katholische Priester Krzysztof Charamsa steht bei einer Pressekonferenz in einem römischen Restaurant neben seinem Partner Edoardo. (picture alliance / dpa / Luciano Del Castillo)
Krzysztof Charamsa mit seinem Partner Edoardo (picture alliance / dpa / Luciano Del Castillo)
Mehr zum Thema

Homosexuelle Katholiken in Italien Unüberhörbares Rumoren

Islam und Homosexualität Hilfe für schwule und lesbische Einwanderer

20 Jahre Berliner Hospizdienst Tauwerk "Schwul, Aids, Nonnen, oh mein Gott"

Gerald Beyrodt: Das schwule Coming-out ist mit der kirchlichen Beichte verwandt. Es geht darum, etwas zu gestehen.  Doch klassisch im Beichtstuhl gestehen Gläubige ihre Sünden und geloben Besserung. Das Coming-out hört sich eher so an: "Ich bin schwul. Ich will es nicht mehr für mich behalten. Alle sollen es wissen."

Ein Coming-out-Buch, ein Bekenntnisbuch, hat der schwule Priester Krzysztof Charamsa geschrieben. Krzysztof Charamsa ist in Polen geboren, Jahrgang 1972, stand in der Hierarchie weit oben, er war Mitglied der Glaubenskongregation. Geoutet hat er sich  2015, einen Tag vor der Familiensynode, als die Weltpresse in Rom war. Krzysztof Charamsa trug noch den römischen Kragen, hielt aber seinen Lebenspartner im Arm, und lächelte in die Fernsehkameras. Vor der Sendung habe ich mit ihm telefoniert und ihn gefragt: Herr Charamsa, wie viel Kraft hat sie dieser Schritt gekostet?

Krzysztof Charamsa: Oh, sehr viel Kraft. Ein schwuler Priester weiß, dass, wenn er ein Coming-out macht, sein ganzes Leben in der Kirche vorbei ist. Er muss ein neues Leben beginnen. Ich glaube, dass diese Kraft von der Liebe kommt, von der Liebesgeschichte mit meinem Partner. Er war für mich ein Katalysator für diese Befreiung. Ich kann sagen - richtig als Priester: Ich glaube, das war eine große Kraft von Gott.  

"Die Kirche braucht eine Revolution von schwulen Männern"

Beyrodt: Aber Sie haben Ihren Job verloren, Ihr Gehalt, Sie kriegen kein Geld mehr von der Kirche, Sie können an keiner öffentlichen Universität mehr (als katholischer Theologe) unterrichten.

Charamsa: Nicht nur meine Arbeit, auch Freundschaften, meinen guten Namen, auch meine soziale Position. Ich habe eine Gemeinde verloren. Aber ich kann auch sagen, dass ich jetzt viele neue Personen gefunden haben, welche nicht nur sagen: "Dankeschön für das, was du gesagt hast, was du gemacht hast". Die katholische Kirche braucht nicht nur ein Coming-out, sie braucht eine Revolution von schwulen Männern. Wir fragen nach Respekt, nach Achtung, wir fragen nach einer richtigen Reflexion über unsere Identität.

Beyrodt: Sie wollen die katholische Kirche ändern. Haben Sie Hoffnungen, dass da so schnell Änderungen möglich sind?

Charamsa: Ich weiß nicht, wann eine neue Kenntnis über Homosexualität in der katholischen Kirche kommt. Aber das muss kommen. Wir sind in der katholischen Kirche in einer richtigen Dekadenz. Wir haben keine richtigen Argumente für unsere doktrinale Position, für unser Lehramt. Wir arbeiten gegen homosexuelle Leute ein bisschen wie eine Sekte, eine fundamentalistische Sekte. In der katholischen Kirche gibt es kein richtiges Studium über Sexualität. Wir haben viele propagandistische Positionen und keinen realen Dialog mit der Realität.

Beyrodt: Wie sind Sie als schwuler Mann überhaupt in die Glaubenskongregation gekommen? Die Glaubenskongregation ist ja nicht irgendwas, sondern die Nachfolgeinstitution der Heiligen Inquisition. Wie kommt man dahin?

"Ich wollte immer für die Wahrheit arbeiten"

Charamsa: Das war immer mein Wunsch, in der Glaubenskongregation zur arbeiten. Ich wollte immer für die Wahrheit und für das katholische Lehramt arbeiten. Ich war ein guter Student und eines Tages kam der Ruf der Inquisition: "Wir brauchen dich." Das war ein wichtiger Moment in meinem Leben. Ich war sicher, dass dieses Büro nichts mit der alten Inquisition aus der Geschichte zu tun hat. Das war die Zeit von Joseph Ratzinger. Meine Meinung war, dass dieses ein Büro ist für ein rationales Studium über katholische Positionen, katholische Normen und Interpretationen, aber im Dialog mit wissenschaftlicher Kenntnis.

Beyrodt: Das sehen Sie heute offenbar sehr anders.

Charamsa: Ja, das war eine große Überraschung. Denn ich habe verstanden, dass zum Beispiel alle Dokumente über Homosexualität nicht mehr als ein Effekt von Homophobie sind und kein Studium. Ich habe gesehen, dass meine Kollegen, wenn sie über diese Themen arbeiten, keine Ahnung haben, welches die richtige Definition von Homosexualität ist, keine Vision, kein Kontakt mit wissenschaftlicher Kenntnis. Das war für mich so traurig. Das war eine Überraschung, aber auch ein Leid. Ich habe verstanden, dass meine Kirche viele propagandistische Positionen hat, die wir nicht mit der Realität konfrontieren. Jetzt wir wissen nicht nur über Homosexualität, auch über menschliche Sexualität allgemein viele Sachen, von denen unsere Großväter keine Ahnung hatten.

Beyrodt: Was werfen Sie der Kirche denn nun konkret vor? Zwei Vorwürfe habe ich schon gehört: Der eine ist Homophobie, der andere ist Realitätsverweigerung.

"Homophobie ist nur die andere Seite der Phobie vor Frauen"

Charamsa: Ich glaube, dass diese Gefühle von Angst vor homosexuellen Personen, also richtige Homophobie, nur die andere Seite der Phobie vor Frauen sind. Das hat keinen biblischen oder doktrinalen Grund. Das sind nur Gefühle und Instrumente eines kulturell-katholischen Systems der "Domination" von Personen.

Beyrodt: Also ein Herrschaftsinstrument.

Charamsa: Ja. Ich sage immer, dass unsere Kirche die Schlafzimmer von Leuten kontrolliert und keine Ahnung vom ganzen Leben der Leute hat.

Beyrodt: Aber das sind Thesen, die habe ich vor 30 Jahren schon von Uta Ranke-Heinemann hier in Deutschland gehört. So richtig viel geändert hat sich seitdem nicht mit dem Blick in die Schlafzimmer. Wie kommt das?

Charamsa: Meine Eindruck ist, dass wir in der katholischen Kirche während des Pontifikats von Johannes Paul II. und Ratzinger eine Selbstkontrolle entwickelt haben, unter Theologen, darüber, wie Katholiken denken, wie sie mit der Welt diskutieren. Wir sind in derselben Situation wie die Welt in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

"Kein Recht auf Respekt, auf Achtung, auf richtige Liebe"

Beyrodt: Bei ihrem spektakulären Coming-out haben Sie Papst Franziskus einen Brief geschrieben, der in Ihrem Buch abgedruckt ist. Der ist vom Stil her sehr anders als Ihr Buch, der Brief ist sehr moderat geschrieben. Aber auch dort fordern sie deutliche Veränderungen in der Kirche. Sie fordern, die katholische Kirche möge sich entschuldigen. Haben Sie jemals eine Antwort auf diesen Brief bekommen?

Charamsa: Nein. Aber ich glaube, das war eine  formale, offizielle, ein bisschen legalistische Antwort des Pressebüros des Papstes. Die Antwort war im selben Moment wie mein Coming-out: "Dieser Mann arbeitet nicht hier. Dieser Mann existiert nicht." Kein Dialog, keine Möglichkeit zum Hören, zum Erklären.  Das war die Antwort des kirchlichen Systems. Also Homosexualität muss ein Tabu sein, wir können nicht darüber sprechen. Und das ist unser homophobischer Krieg gegen homosexuelle Leute. Sie müssen in Stille sein. Sie haben kein Recht auf Respekt, auf Achtung, auf richtige Liebe.

Krzysztof Charamsa: "Der erste Stein. Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche"
C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 2017, 320 Seiten 19,99 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk