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StartseiteCampus & KarriereBundesfreiwilligendienst muss attraktiver werden22.05.2018

Katrin Werner (Linkspartei)Bundesfreiwilligendienst muss attraktiver werden

Den Bundesfreiwilligendienst als "Bildungs- und Orientierungsjahr" hält Katrin Werner von der Linkspartei grundsätzlich für sinnvoll. Doch angesichts der hohen Abbrecherquote müssten Arbeitsbedingungen und Qualität verbessert werden, sagte sie im Dlf.

Katrin Werner im Gespräch mit Benedikt Schulz

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(Patrick Pleul dpa/lbn)
Vor allem im Kranken- und Pflegebereich fehle sehr viel Personal, sodass Freiwilligendienstleistende eher als Hilfsarbeiter eingesetzt würden, kritisierte Katrin Werner von der Linkspartei im Dlf (Patrick Pleul dpa/lbn)
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Benedikt Schulz: Mit der Aussetzung der Wehrpflicht damals 2011 musste ja der Zivildienst ebenfalls dran glauben und der Bufdi war geboren, die etwas unschöne Abkürzung für die Bundesfreiwilligendienstleistenden, diesmal auch für Freiwillige jeden Alters. Schöne Idee, die offenbar Schönheitsfehler hat, denn anders ist es ja nicht zu erklären, dass in den bisher sieben Jahren, die es den Bufdi nun gibt, ziemlich viele vorzeitig das Handtuch geworfen haben. In konkreten Zahlen: Von über 300.000 Freiwilligen haben knapp 100.000 vor dem offiziellen Ende abgebrochen, interessanterweise in den alten Bundesländern deutlich mehr als in den neuen. Zahlen, die die Bundesregierung geliefert hat auf Anfrage der Linksfraktion. Darüber spreche ich jetzt mit Katrin Werner, für die Linkspartei im Bundestag und dort unter anderem Sprecherin für das Thema "Bürgerschaftliches Engagement". Ich grüße Sie, hallo!

Katrin Werner: Hallo!

Schulz: Also wir haben die Zahlen vorliegen, aber keine Gründe. Reden wir also darüber. Warum brechen die Freiwilligen ab?

Werner: Genau, wie Sie es sagen, kann ich natürlich auch nicht Gründe, die jetzt Tatsachen wären, einfach mal benennen, sondern es gibt hier keine Zahlen, keine Nachfragen, sondern aus vielen Gesprächen halt nur anbringen. Zum einen gibt es eine viel spontanere Lebensplanung, also gerade in den alten Bundesländern, dass man spontan sich entscheidet, noch ein Übergangsjahr zu machen, aber dann vielleicht auch eine Zusage zum Studium hat oder auch eine Zusage Ausbildung - das lässt die Zahl vermuten. Der andere Bereich sind natürlich auch die Arbeitsbedingungen oder die Qualität des Bundesfreiwilligendienstes.

"Die Wertigkeit ist schon gegeben "

Schulz: Lassen Sie uns mal ganz kurz über Lehrstellen und Studienplätze sprechen. Sie haben es gerade angedeutet: Wenn die jungen Leute abbrechen, weil sie eben einen Studienplatz bekommen haben - also den Zivildienst und erst recht nicht den Wehrdienst konnte man einfach mal eben so abbrechen, wenn man das wollte. Heißt das denn nicht, dass der Bundesfreiwilligendienst eigentlich gar nicht so eine große Wertigkeit hat, eigentlich nur Mittel zum Zweck ist, um irgendwie Zeit zu überbrücken?

Werner: Ich glaube, die Wertigkeit ist schon gegeben. Es soll ja ein Bildungs- und Orientierungsjahr sein und man kann natürlich auch vorher sagen, dass man verkürzen möchte. Aber ich glaube, das ist eben genau die Sache, dass man da einfach sieben Jahre danach drüber reden muss mit Verantwortlichen, mit denen, die Bundesfreiwilligendienst geleistet, also gemacht haben, einfach sagen, wie kann man es verbessern. Und man kann natürlich auch gerade bei Ausbildung oder Studienplatz sagen, so ein freiwilliges Jahr wird wie ein Wartesemester angerechnet.

"Arbeitsmarktneutralität ist nicht an allen Stellen gegeben"

Schulz: Dann lassen Sie uns mal übers Bildungsprogramm sprechen. Das pädagogische Begleitprogramm zum Bundesfreiwilligendienst entspricht immer noch mehr oder weniger dem Begleitprogramm des Zivildienstes. Ist das noch zeitgemäß oder muss das mal grundsätzlich überarbeitet werden?

Werner: Ich glaube, dass solche Bildungs- und Orientierungsprogramme definitiv zeitgemäß sind, gerade heutzutage, wo doch der eine oder andere zweite Studienrichtung, zweite Ausbildung macht. Ich glaube, das ist schon genau der richtige Ansatz. Aber man muss eben dann tatsächlich die eine oder andere Stellschraube wirklich noch mal nachbessern.

Schulz: Dann sagen Sie es mal konkret. Was muss verbessert, was muss nachgebessert werden?

Werner: Nehmen wir mal einen Bereich vielleicht auch raus: Viele machen das Freiwillige Jahr im Kranken- und Pflegebereich. Und wenn ich jetzt einfach sehe, dass im Kranken- und Pflegebereich sehr viel Personal fehlt, dann kann man ja eigentlich darauf schließen, dass Freiwilligendienstleistende eher als Hilfsarbeiter eingesetzt werden. Es gibt da wirklich auch Menschen, die erzählen, dass sie Medikamente verabreichen sollten, in der Nachtschicht als Helfer eingesetzt werden, aber auch eben in anderen Bereichen eher als Hilfsarbeiter. Diese Arbeitsmarktneutralität ist nicht an allen Stellen gegeben und ich glaube, da muss man ganz genau drauf gucken. Man hat auf Bundesebene 42 Berater, so ist die Angabe. Wie viele davon jetzt wirklich in Vollzeit, in Teilzeit arbeiten, wie wollen die diese Anzahl von Freiwilligendienstleistenden betreuen? Verträge schreiben, die Träger beraten und die einzelnen Personen beraten? Ich glaube, da gibt es viele, viele Baustellen.

Regional große Unterschiede bei Taschengeld und Kosten

Schulz: Was ist mit Geld? Bufdis bekommen kein Gehalt, aber ein sogenanntes Taschengeld, im Schnitt etwas mehr als 260 Euro im Monat. Da kommt jetzt natürlich auch noch Verpflegungs- und Kleidungsgeld et cetera hinzu - ist trotzdem nicht sehr viel. Vor allem ist es auch nicht sehr viel mehr als das, was Zivis vor zehn, 15, 20 Jahren bekommen haben. Ist das zu wenig?

Werner: Da muss man, glaube ich, auch definitiv drüber reden. Wir hatten letztens ein Treffen mit sehr vielen, also im Bundestag, die uns Abgeordnete eingeladen haben, die Sprecher im Bürgerschaftlichen Engagement sind in den Fraktionen, und dort wurden uns eben viele Aufgaben mit auf den Weg gegeben. Unter anderem wurde uns eben auch erzählt, dass regional - wir haben ja jetzt von der Bundesregierung nur Durchschnittszahlen -, aber dass es regional sogar sehr große Unterschiede gibt, einmal in der Taschengeldfrage, aber auch eben in der zusätzlichen Kostenfrage. Und ich glaube, darüber muss man definitiv reden. Hinzu kommt, in den neuen Bundesländern, die Zahlen, die ja da sehr unterschiedlich sind, dort wird scheinbar ja als Überbrückung - arbeitssuchend oder Hartz-IV - auch teilzeitmäßig gemacht. Also es gibt unterschiedliche Zahlen, wo man eben in der Tiefe aber nicht genug verlässlich sich drauf beziehen kann.

"Es ist zur Orientierung gedacht"

Schulz: Könnte man den Bundesfreiwilligendienst nicht möglicherweise attraktiver machen, indem man ihn mit zertifizierten berufsqualifizierenden Aspekten verbindet? Dass, wenn man einen solchen Freiwilligendienst gemacht hat, dass man danach eine Art - nicht eine Ausbildung im klassischen Sinn, aber doch zumindest Qualifikationen erworben hat, die einem später auf dem Arbeitsmarkt helfen?

Werner: Ja, natürlich. Wenn ich jetzt in einem bestimmten Bereich arbeite und da ein Jahr gearbeitet habe, dann sollte das natürlich wie eine Beurteilung schon sein. Aber es ist halt zur Orientierung gedacht. Das schlagen wir zumindest aber auch für Studienrichtungen vor, dass man es anerkennt. Man muss ein bisschen vorsichtig sein, weil wir natürlich auch Zuschriften hatten, die in die Richtung gingen, arbeite erst mal ein soziales Jahr bei uns und dann kriegst du den Arbeitsplatz. Also da muss man ein bisschen noch mal nachfassen und da wirklich aber mit den Betroffenen dann auch noch mal reden und gucken, wie man es am besten optimieren kann.

Schulz: Aber so eine Art Ausbildung light wollen Sie vermeiden?

Werner: Dann wäre es nicht mehr rein eine Orientierungsstufe.

Schulz: Sagt Katrin Werner, Mitglied der Fraktion der Linkspartei im Bundestag und dort unter anderem Sprecherin für das Thema Bürgerschaftliches Engagement, zum Thema Bundesfreiwilligendienst. Frau Werner, danke schön!

Werner: Ich danke auch, schönen Tag noch, tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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