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StartseiteBüchermarktDas ungesühnte Verbrechen28.10.2015

Katyn 1940Das ungesühnte Verbrechen

In diesem Frühjahr jährte sich zum 75. Mal die Ermordung der polnischen Offiziere in Katyn, ein Verbrechen, das die Historiker und Journalisten immer wieder beschäftigt. Thomas Urban, langjähriger Osteuropa-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", rekonstruiert in seiner neuen Studie - teils auf neuen Quellen basierend - die Ereignisse von 1940 und untersucht deren Nachwirkungen.

Von Marta Kijowska

Gedenkstätte für die Opfer des Massenmords von Katyn. Eine polnische Flagge und eine rote Rose stecken an einer Mauer mit eingravierten Namen. (imago/stock&people/newspix)
Gedenkstätte für die Opfer des Massenmords von Katyn. (imago/stock&people/newspix)
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Die Ereignisse selbst sind schnell zusammengefasst: Im April 1943 wurde von den Deutschen eine schockierende Nachricht in die Welt gesetzt - einige Wochen zuvor hatten sie die Leichen der seit Frühjahr 1940 vermissten polnischen Offiziere entdeckt. Endlich kam man dem grausamen Massenmord auf die Spur, dem etwa 25.000 Menschen zum Opfer gefallen waren. Und der im Grunde durch einen einzigen Brief ausgelöst worden war: Am 5. März 1940 schrieb der sowjetische Innenminister Berija an Stalin, er würde empfehlen, die in russischen Gefangenenlagern befindlichen polnischen Offiziere und Mitglieder konterrevolutionärer Gruppen zu erschießen. Stalin stimmte seinem Vorschlag zu, und einen Monat später begannen die Exekutionen. Sie dauerten von Anfang April bis Mitte Mai und wurden an mehreren Orten durchgeführt. Einer dieser Orte war Katyn, das seitdem als Symbol des Verbrechens galt. - Es gibt viele Historiker und Publizisten die sich mit diesem Thema beschäftigt haben. Im Falle von Thomas Urban war es aber, wie sich herausstellt, eine fast lebenslange Beschäftigung.

"Ich kannte als Jugendlicher schon das Thema aus dem simplen Grunde, mein Vater war im Krieg in der Wehrmacht in der Gegend von Smolensk und gehörte zu den deutschen Soldaten, die an die Massengräber geführt worden sind. Dann, in meiner Zeit als Korrespondent in Warschau und Moskau, kam dieses Thema immer wieder auf. Ich habe an der ersten Reise des polnischen Regierungschefs nach Katyn teilgenommen im sehr kalten November 1989, und habe an vielen Konferenzen zu Katyn teilgenommen, habe auch mit Experten geredet, sowohl polnischen wie russischen. Das Thema war mir also gut vertraut."

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Dieses Thema ist allerdings mit dem Mord selbst und der Entdeckung der Leichen noch lange nicht ausgeschöpft. Beides hatte ein hochbrisantes Nachspiel: Die Deutschen lasteten das Massaker den Sowjets an, diese wiesen die Schuld den Deutschen zu, und die Polen tendierten dazu, die deutsche Version zu glauben. Kurz nach der Bekanntgabe des Fundes forderte die polnische Exilregierung in London eine Untersuchung durch das Internationale Rote Kreuz. Einen Tag früher hatten die Deutschen das Gleiche getan. Dieser plötzliche deutsch-polnische Schulterschluss wurde von Stalin zum Anlass genommen, die Polen der Zusammenarbeit mit den Nazis zu beschuldigen und die diplomatischen Beziehungen zu der polnischen Regierung abzubrechen. Deren Haltung sorgte aber auch für die Irritation der Briten und Amerikaner, für die, wie Urban schreibt, nichts wichtiger war als die Anti-Hitler-Koalition mit Stalin.

"Sowohl Churchill als auch Roosevelt haben sich für Realpolitik entschieden: Die Anti-Hitler-Koalition dürfe auf keinen Fall gefährdet werden, Sie ignorierten und isolierten folglich die Exilpolen. Im kollektiven Gedächtnis der Polen war dies zynisch und unmoralisch, ein Verrat, der dem noch größeren von Jalta vorausging, als die Westmächte noch vor dem Ende des Krieges die künftige Herrschaft Stalins über Osteuropa absegneten."

Viele unterschiedliche Zahlen

Was an Katyn bis heute verwundert, sind die sehr unterschiedlichen Zahlen, die in diesem Zusammenhang genannt werden. Mal ist von über 4.500 Ermordeten, mal von 22- oder gar 25.000 die Rede. Das liegt, wie Urban erklärt, an den verschiedenen Erschießungsorten, die es außer Katyn gab und die zum Teil erst Anfang der 90er-Jahre bekannt geworden sind.

"In Katyn selbst wurden erschossen etwa 4400 polnische Offiziere, Fähnriche und Beamte. Die Zahl, die auch im Umlauf ist, von insgesamt 15.000 bezieht sich auf alle drei ermittelten Orte zusammen - neben Katyn waren das noch die Stadt Kalinin, und es waren noch Charkow in der heutigen Ukraine - die Gefangenen aus diesen drei Lagern machten zusammen 15.000 aus. Die Zahl 22.000, die auch genannt wird, ist die Zahl die von sowjetischer Seite bestätigt wurde und wofür es Belege gibt. Die Zahl 25 ist die Gesamtzahl, die in dem allerersten Mordbefehl von 1940 auftaucht, aber wo die letzten 3000 genau geblieben sind, das weiß man bis heute nicht genau."

Für die Westalliierten war der Mord von Katyn trotz seiner Grausamkeit nur eine Episode, für die Polen aber alles andere als das. Schon die Okkupation durch die Deutschen war mehr als sie verkraften konnten. Dass sich aber zu dem einen Besatzer nach kurzer Zeit noch ein zweiter gesellte und innerhalb von wenigen Wochen über zwanzigtausend Männer - und eine Frau - ermordete, die fast ausnahmslos dem polnischen Bildungsbürgertum angehörten, war ein Schlag, unter dem das Land jahrzehntelang zu leiden hatte.

"Nach Zivilberufen aufgeschlüsselt waren unter den Toten rund 800 Ärzte, darunter mehrere Dutzend Professoren, etwa 300 Ingenieure, ein Großteil von ihnen Experten der polnischen Rüstungsindustrie, 200 Juristen. Auch waren mehrere Hundert Hochschullehrer anderer Fachrichtungen darunter."

Katyn - ein Tabu

Das Massaker von Katyn wurde auch nach dem Krieg jahrzehntelang tabuisiert. Ende der 50er-Jahre wurden die Personalakten der Ermordeten vom KGB vernichtet, und der Name Katyn durfte im ganzen Ostblock nicht einmal erwähnt werden. - Heute, nach 75 Jahren, liegen zu dem Thema so viele Publikationen vor, dass man meinen könnte, es sei inzwischen wirklich alles gesagt worden. Dieser Ansicht war auch Thomas Urban, bis er auf ganz neue Aspekte gestoßen ist. Vor allem darauf, welche Rolle die deutschen Widerstandskämpfer gegen Hitler bei den Nürnberger Prozessen gespielt haben, bei denen die Sowjetunion Katyn auf die Liste der deutschen Kriegsverbrechen setzen wollte.

"Der Zufall wollte es, dass zu den Überlebenden des Attentates auf Hitler vom 20. Juli 1944 der Jurist und frühere Oberleutnant Fabian von Schlabrendorff gehörte. Dieser wurde nach dem Krieg von dem amerikanischen Geheimdienst OSS befragt, zum Widerstand in der Wehrmacht, zum Widerstand in der Kirche. Und Schlabrendorff erfuhr, dass die Sowjets Katyn auf die Liste der deutschen Verbrechen setzten wollte. Schlabrendorff war aber sehr gut über den Fall informiert, weil er nämlich im Krieg, 1943, als die Gräber entdeckt worden sind bei Smolensk, im Wald von Katyn, genau dort stationiert war. Und er kannte genau die Ergebnisse der Exhumierungsarbeiten und hatte keinen Zweifel, das war ein Verbrechen des sowjetischen Geheimdienstes. Und weil Schlabrendorff zum Widerstand gehörte, weil er vorher KZ-Häftling war, war er für die Amerikaner glaubwürdig. Und hinter den Kulissen wurde dann der amerikanische Hauptankläger Robert Jackson überzeugt, dass Katyn aus der Anklageschrift entfernt werden sollte. Und ich bin zufällig darauf gestoßen."

Es hat 50 Jahre gedauert, bis die Vorgänge von Katyn von den Sowjets bestätigt wurden. Und noch weitere 20 Jahre, bis ein russischer Regierungschef erstmals nach Katyn kam: Am 7. April 2010 trafen am Ort des Verbrechens zwei Delegation zusammen: eine polnische mit Ministerpräsident Donald Tusk an der Spitze, und eine sowjetische, die von Wladimir Putin angeführt wurde.

"Doch Putin sprach allgemein von Opfern eines "totalitären Regimes". In Katyn lägen viel mehr Russen als Polen, auch Offiziere der Armee des Zaren, Kosaken, orthodoxe Priester, Intellektuelle."

Ein Flugzeugabsturz als Wendepunkt

Erst der Flugzeugabsturz bei Smolensk, bei dem drei Tage später der polnische Präsident Lech Kaczynski und 95 weitere Personen ums Leben kamen, brachte einen neuen Durchbruch: Der russische Staatspräsident Medwedew ließ 67 Aktenbände zu dem Mord an Warschau übergeben, und das russische Fernsehpublikum bekam Andrzej Wajdas Film "Das Massaker von Katyn" zu sehen. - Dennoch gilt Katyn in Polen immer noch als eine offene Wunde und ein ungesühntes Verbrechen. So sieht es auch Thomas Urban, der nach seinem gut recherchierten und flüssig geschriebenen Buch nun an dessen polnischer, viel umfangreicherer Ausgabe arbeitet.

"Es ist über Katyn noch nicht alles gesagt. Die Dokumente des amerikanischen Geheimdienstes CIC sind erst vor wenigen Monaten bekannt gegeben worden. Es sind auch britische Dokumente unter Verschluss. Ganz viele sowjetische Dokumente sind noch unter Verschluss. Also die Fragen sind noch nicht beantwortet. Und auch bei der Gesamtzahl der Toten ist noch nicht klar, wo alle liegen und wo alle zu Tode gekommen sind. Wir wissen das wohl von dem Ort Katyn selbst, aber wissen das nicht von einem Teil der anderen Orte, wo gleich zur selben Zeit die polnische Elite erschossen worden ist."

Thomas Urban: "Katyn 1940. Geschichte eines Verbrechens"
Verlag C.H.Beck, München 2015. 249 Seiten, 12.95 Euro.

 

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