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Seit 19:05 Uhr Kommentar
StartseiteForschung aktuell"Kein Ersatz für Präimplantationsdiagnostik"15.10.2010

"Kein Ersatz für Präimplantationsdiagnostik"

Neuer Gentest erfolgreich bei künstlichen Befruchtungen eingesetzt

Reproduktionsmedizin. - In Deutschland und Italien sind drei Kinder nach künstlicher Befruchtung geboren worden, deren mütterliche Eizellen zuvor genetisch getestet worden waren. Das Verfahren haben Reproduktionsmediziner aus Bologna und aus Bonn entwickelt. Der Wissenschaftsjournalist Michael Lange erklärt die Hintergründe im Gespräch mit Uli Blumenthal.

In die Ägide der Bundesforschungsministerin Annette Schavan könnte die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland fallen. (AP)
In die Ägide der Bundesforschungsministerin Annette Schavan könnte die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland fallen. (AP)

Blumenthal: Herr Lange, was ist das für ein genetisches Testverfahren, mit dem diese Eizellen überprüft worden sind?

Lange: Das Verfahren heißt CHG, das steht für vergleichende Genomhybridisierung. Und das bedeutet, dass die Chromosomen mit einem Vergleichsgenom verglichen worden sind. Das heißt, man nimmt die 23 Chromosomen des Menschen und lagert die Testchromosomen an diese an. Durch Markierungen, Farbstoffmarkierungen, kann man dann relativ einfach sehen, ob Chromosomen zuviel da sind, ob Stücke fehlen, oder ob ganze Chromosomen fehlen.

Blumenthal: Wie gelingt es das Erbmaterial der Eizellen zu testen, ohne die Eizellen selbst zu zerstören oder zu schädigen?

Lange: Da haben die Wissenschaftler der Universität Bonn ein besonderes Verfahren entwickelt: Sie benutzen die so genannten Polkörper. Wenn eine Eizelle entsteht, da muss sich die Vorläufereizelle teilen, und zwar deshalb, weil aus einem doppelten Chromosomensatz, der Mensch hat normalerweise zwei Chromosomensätze, ein einfacher Chromosomensatz entstehen muss. Der verbindet sich dann mit dem Spermium wieder zu einem doppelten Chromosomensatz. Und damit die Eizelle einen solchen einfachen Chromosomensatz erhält, muss sie sich sozusagen teilen. Dann entstehen Polkörper. Und diese Polkörper werden eigentlich gar nicht mehr gebraucht, das sind ganz kleine, winzige Zellen, aber diese Zellen haben ein vollständiges Erbgut, genau wie eine Eizelle einen einzelnen Chromosomensatz, und den kann man testen, ohne dass die Eizelle dadurch beschädigt oder gar zerstört wird.

Blumenthal: Und wie testet man, und welche genetischen Fehler lassen sich mit diesen Tests ausschließen?

Lange: Dieser Test ist im Grunde genommen genetisch gesehen ein eher grober Test. Das heißt, man kann grobe Fehler erkennen, zum Beispiel wenn ein Chromosom doppelt vorliegt. Wenn ein Chromosom doppelt vorliegt, da kann das zum Beispiel zur Krankheit Down-Syndrom führen, sie ist auch bekannt als Trisomie-21, das heißt das Chromosom mit der Nummer 21 liegt bei den Kindern dreifach vor, und deshalb, weil die Eizelle einen doppelten Satz gebracht hat. Und das lässt sich hier sehr früh erkennen. Andere Trisomien, die führen allerdings dazu, dass der Embryo sich überhaupt nicht entwickeln kann. Das sind dann Totgeburten, oder das sind eben Embryonen, die gar nicht erst sich einnisten, dass es gar nicht erst zur Schwangerschaft kommt.

Blumenthal: Der Test, so ist jetzt in den ersten Artikel zu lesen, soll vor allen Dingen bei den Müttern über 40 zum Einsatz kommen. Warum diese Altersfrage?

Lange: Ja, es geht darum, eine möglichst hohe Erfolgsquote zu erreichen. Wenn die künstliche Befruchtung bei relativ jungen Müttern zum Einsatz kommt, ist die Erfolgsquote höher. Und ab 35 schon sinkt die Erfolgsquote. Das heißt, man muss irgendetwas machen, um die besten Eizellen zu finden und um schädliche Eizellen, um irgendwie nicht vollständige Eizellen auszusortieren. Das ist tatsächlich ein Selektionsverfahren, und damit hofft man die Erfolgsquote auch bei Frauen über 40, die Erfolgsquote der künstlichen Befruchtung steigern zu können.

Blumenthal: Ist es ein Zufall, dass dieser Eizellentest aus zwei Ländern stammt, wo der Embryonenschutz besonders streng geregelt ist?

Lange: Nein, das ist kein Zufall. In den Ländern, wo Embryonen getestet werden können, wird es heute schon vielfach so gemacht, dass die Embryonen tatsächlich auf genetische Fehler untersucht werden. Dass solche einfachen Tests an einzelnen Embryozellen gemacht werden. Ein Embryo hat ja mehrere Zellen, da kann man eine nehmen. Aber der Embryo wird dabei geschädigt oder eben sogar zerstört, deshalb ist dieses Verfahren einfach zum Embryonentest in Deutschland nicht erlaubt, wird hier nicht durchgeführt. Man könnte jetzt einfach dieses umgehen, indem man einfach nicht Embryonen testet sondern Eizellen. Und damit hofft man eine ähnliche Erfolgsquote hinzubekommen, oder zu verhindern, wie es heute häufig ist, dass man zwei oder drei Embryonen einsetzt und dann Mehrlingsschwangerschaften entstehen. In Deutschland und Italien noch sehr häufig. Dadurch, dass man Embryonen selektieren kann, ist in den skandinavischen Ländern eine sehr viel geringere Quote als in Deutschland.

Blumenthal: Setzt jetzt dieser Test das so genannte PID-Verfahren, also die Präimplantationsdiagnostik?

Lange: Nein. Die PID kann einzelne Genfehler aufspüren, zum Beispiel für die Mukoviszidose. So genau ist der Test nicht. Die kann also nicht ersetzt werden. Außerdem hoffen natürlich die Reproduktionsmediziner in Deutschland, die PID nach dem Gerichtsverfahren vor einigen Wochen auch in Deutschland einsetzen zu können, ohne bestraft zu werden.

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