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StartseiteEuropa heuteKein Grund zum Feiern07.05.2007

Kein Grund zum Feiern

Französische Einwanderer verärgert über Wahl Sarkozys

Kurz nachdem die Fernsehsender das Ergebnis der Präsidentschaftswahl meldeten, kam es in mehreren französischen Städten zu gewaltsamen Protesten. In Pariser Vororten wurden Autos in Brand gesteckt, allerdings blieb es ruhiger, als die Sicherheitskräfte befürchtet hatten. In den Einwanderervierteln aber sitzt die Enttäuschung über den Wahlausgang tief. Martina Zimmermann berichtet.

Ségolène Royal hat ihr Ziel verpasst. (AP)
Ségolène Royal hat ihr Ziel verpasst. (AP)
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Europa setzt auf Sarkozy

Im Vereinshaus Saint Exupéry warten ein Dutzend junge Leute mit Spannung auf das Ergebnis der Wahl. Manche tragen T-Shirts, auf denen steht: "Wer wählt, zählt!" Sami, Ludovic, Sana und Nicolas haben am Morgen Ségolène Royal gewählt.

"Eigentlich wollten wir auf die Champs Elysees, das wäre gewesen wie die Weltmeisterschaft 1998. Aber das Frankreich von Sarkozy ist nicht das gemischte Frankreich, schwarz-weiß-beur. Es ist ein Frankreich, in dem alles möglich ist, wenn du reich bist."

"Nun ist er Präsident, nun muss er seine Reden sanfter gestalten. Das Problem ist dass er die Araber, die Schwarzen, die Türken, alle beleidigt. Es gab bisher keinen einzigen Präsidenten in einem freien westlichen Land, der so schlecht von den im Land lebenden Minderheiten redet."

"Ich bin sehr enttäuscht. Ich glaube, meine Zukunft gestalten zu können. Ich habe Sarkozy nicht gewählt wegen seiner Einwanderer- und Wirtschaftspolitik. Ich habe Angst vor der Zukunft, für die anderen."

"Obwohl mich das Ergebnis nicht erstaunt, es ist hart zu akzeptieren. Ich habe zum Glück meine Papiere. Jetzt habe ich Angst für die, die keine haben. Nun werden wir solidarisch sein müssen. Wir müssen gemeinsam Widerstand leisten mit sinnvollen Reden und Aktionen."

Fünf Minuten später verlassen einige schon den Raum. Sie wollen schauen, was in der benachbarten Siedlung los ist, La Grande Borne, ein Vorortsiedlung mit 35.000 Einwohnern. Sami will da nicht hin. Er erklärt:

"La Grande Borne ist der gefährlichste Ort in der gesamten Pariser Region, alle zwei Monate gibt es da Aufstände. 2005 wurde auf die Polizei geschossen, ein Polizist wurde dabei leider verletzt. Ein junger Mann aus unserem Viertel lieferte dort im letzten Jahr eine Pizza. Ein Bus brannte, die Straße wurde abgesperrt. Er wartete. Als die Polizei kam, rannte er nicht weg, weil er sich nichts vorzuwerfen hatte. Er wurde verhaftet und aufs Kommissariat gebracht, und der Busfahrer behauptete, er sei der Brandstifter. Obwohl seine Eltern die Kundin gefunden haben, der er die Pizza lieferte, sitzt er seit sechs Monaten im Gefängnis und wartet auf seine Verhandlung. Verstehen Sie, dass ich nicht in dieses Viertel will?"

In La Grande Borne stehen Menschen unter den vierstöckigen Häusern in den Straßen. "Wir sind für Ségolène Royal!", rufen zwei junge Schwarze aus einem Auto, aus dem laute Rapmusik dringt.

"Diese Musik wurde für Sarkozy und Le Pen geschaffen","

erklärt der 20jährige Malik.

""Wenn sie es schaffen, dann sorgt für Chaos!"

Malik hat Ségolène Royal gewählt.

"Heute Abend wird es in den schwierigen Vierteln Frankreichs vielleicht gewalttätige Auseinandersetzungen geben. Aber ich glaube, hier haben die Leute begriffen, dass Gewalt ins Gefängnis führt. Das hier ist eine Bombe mit Verzögerungseffekt."

Die 18-jährige Verena mischt sich ein:

"Nun haben wir das Schlamassel. Ich hoffe, Grigny wird nicht durchknallen. Last mich vorher umziehen, Brüder, Ihr lasst mich nicht umziehen? Ihr legt sofort Feuer?"

Eine Frau öffnet das Fenster und jubelt. Sie ist froh über das Ergebnis der Wahl. Verena meint:

"Ich werde heimgehen, weil ich keinen Ärger will. Das ist bereits das fünfte Polizeiauto, das vorbeifährt."

In der Straße fahren Polizeiminnas und auch Zivilwagen mit Polizisten. Mario, 46 Jahre alt, arbeitet als Techniker beim Fernsehen. Er ist portugiesischer Herkunft und steht mit zwei Freunden vor dem Parkplatz.

"Ich will sehen, wo ich mein Auto hinstelle. Ich wäre schon im Bett, aber ich sorge mich um mein Auto. Ich muss morgen zur Arbeit. Normal kommt die Polizei von da, und die jungen Leute von der anderen Seite, und hier in der Mitte ist der Parkplatz. Da fliegen dann die Steine."

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