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StartseiteBüchermarktKein Helden im Klassenkampf15.09.2013

Kein Helden im Klassenkampf

Buch der Woche: Jürgen Theobaldy: "Aus nächster Nähe", Verlag Das Wunderhorn

Jürgen Theobaldys aktueller Roman spielt im Berlin der Wendejahre. "Aus nächster Nähe" ist dabei als Erzählhaltung wörtlich zu nehmen - es geht um eine teilnehmende Beobachtung, um die kleinen sprechenden Details, aus denen eine ganze Haltung zum Leben herausschauen kann.

Vorgestellt von Michael Schmitt

Der Roman spielt kurz nach dem Mauerfall in Westberlin. (AP)
Der Roman spielt kurz nach dem Mauerfall in Westberlin. (AP)

Berlin, Nähe Savigny-Platz, kurz nach dem Mauerfall. Eine Gegend, die ein paar Jahre später als alter Westen bezeichnet werden wird, jetzt aber noch der selbstverständliche Mittelpunkt eines Biotops von in der Wolle gefärbten Linken, vage-linksgerichteten Bohemiens und intellektuell beschlagenen Lebenskünstlern ist. Auf der einen Seite der Straße liegt die Kneipe, in der ein Aushilfslektor sein Bier trinkt, auf der anderen liegt das etwas edlere Etablissement, in dem der Leiter eines kleinen Verlages die Welt erklärt.

Bei Betriebsfeiern wird auf das alte Jahr angestoßen, und der Chef erläutert die absehbaren nationalen Konflikte in den auseinanderbrechenden Ländern des Ostens. Das Recht der DDR auf Fortbestehen wird verfochten - vermutlich auch, weil das den Status quo am Savigny-Platz sichert. Die kritischen Geister diskutieren über das Verhältnis von medial vermittelten Bildern zur Wirklichkeit hinter den Nachrichten. Ein Lebenslauf kann nun kurzgefasst und mit schönster Selbstverständlichkeit als Weg vom "radikalen Demokraten über den proletarischen Internationalisten zum libertären Europäer" beschrieben werden - als nicht minder folgerichtig wie der Verlauf der Geschichte selbst.

Und als Leser ahnt man aus der Distanz eines Vierteljahrhunderts: An diesem Ort und in solchen Gedanken kehrt der Hegel'sche Weltgeist zurück, hier vollzieht sich gerade die Revision von Karl Marx' einstigem Versuch, die Hegelsche Philosophie vom Kopf auf die Füße zu stellen. Es droht ein Umbruch mitten in Deutschland, gerade auch für eine Denkungsart, deren heroische Tage im Wendejahr schon zwei Jahrzehnte zurückliegen.

Altersprozess einer Generation

"Aus nächster Nähe" heißt Jürgen Theobaldys aktueller Roman, der sich einige eingefleischte Mitglieder dieser Gesellschaft genauer anschaut und eine kleine Rückschau auf den Alterungsprozess einer Generation inszeniert, der er selbst, weil etwas früher geboren, zwar nahe steht, aber nicht wirklich angehört. Deren ideologische Koordinaten in seinen literarischen Werken, in Gedichten, Prosa, Erzählungen und Romanen auch niemals ungebrochenen Eingang gefunden haben. "Aus nächster Nähe" ist dabei als Erzählhaltung wörtlich zu nehmen - es geht um eine teilnehmende Beobachtung, um die kleinen sprechenden Details, aus denen eine ganze Haltung zum Leben herausschauen kann, wenn sie in die richtigen Sätze gekleidet werden. Thesenhafte Zuspitzungen oder gar Urteile braucht Theobaldy dafür nicht.

Im Nachwort zu einer programmatischen Lyrikanthologie, "Und ich bewege mich doch … Gedichte vor und nach 1968" hat er 1977 erklärt, es gehe in den Gedichten, die er als Herausgeber von Freunden und Altersgenossen zusammengetragen hat, nicht um den Wunsch, "das eigene Innenleben als eine exotische Landschaft zu präsentieren". Dieser Satz hat auch für den neuen Roman seine Gültigkeit.

Als Lyriker wie auch als Erzähler hat Jürgen Theobaldy seit seinen literarischen Anfängen im Kreis um Walter Höllerer in den frühen siebziger Jahren das Alltägliche, das Unscheinbare aufgesucht, hat dafür geworben, zur Beschreibung eine einfache Sprache zu nutzen, das Pathos und den vornehmen hohen Ton aufzugeben. Er war ein Weggefährte und Freund von Nicolas Born, der ein vergleichbares literarisches Ziel verfolgte und auch eine vergleichbare Vita mit windungsreichem Bildungsweg hinter sich hatte. "Neue Subjektivität" oder "neue Innerlichkeit" waren seinerzeit Begriffe für diese Erzählhaltung - das Politische in der Literatur wurde nicht abgelehnt, Dichtung und Prosa aber sollten sich vom politisch-belehrenden Engagement der Mitglieder der Gruppe 47 genauso abgrenzen wie von der abstrakt-revolutionären Gestik der 68er. Die Welt sollte nicht mehr erklärt werden, Erlebnisse rangierten höher als Ideen, die Umgangssprache sollte die Chiffren ersetzen:

Hinter den geschlossenen Augen wusste Richard das ungeheizte Zimmer, das seinen ersten Buden ähnelte, die Kleider verstreut auf dem Boden, Wäsche genau genommen, eine leere Tasse, die auf dem Schreibtisch angetrocknet war, zwischen Broschüren, Teilen von Zeitungen und beschriebenen Blättern Papier. Die beiden 2-Wege-Boxen, von einem bekannten, der auf größere umgestiegen war, fast geschenkt, waren auf das Bett ausgerichtet, die Regale standen eher behelfsmäßig da, unbehandelt und verstaubt, sie knarzten wie ein müdes Baugerüst, wenn Richard ihnen zu nahe kam. Eine Sitzecke gab es nicht, kein Polster oder so etwas, damit Richard oder eine Besucherin den Gemeinschaftsraum meiden konnten, kein Gar nichts, worauf er und sie zueinander rücken konnten, im rechten Moment.

Richard blickt auf eine fast vierzigjährige Jugend zurück

Dieser Richard ist die zentrale Gestalt in Theobaldys neuem Roman, ein Mann, der auf eine fast vierzigjährige Jugend zurückblicken kann, auch auf eine Liebschaft, die ihn im Innersten niemals losgelassen hat; weiterhin auf ein paar mehr oder weniger glücklose Beziehungen sowie auf eine perspektivlose Berufstätigkeit in einem kleinen Verlag, der unter anderem soziologisch-politische Bücher mit deutlichem Gegenwartsbezug veröffentlicht. Richard ist erschütterbar aber zäh in seiner Bindung an die erworbenen Lebensweisen und haust fast noch wie ein Student; in einem gewissen Sinne ist er seiner Sozialisation treu, aber er wirkt auch schon ein bisschen abgehängt und kultiviert eine Intensität der Selbstbespiegelung, die derjenigen in nichts nachsteht, die heute oft den Dreißigjährigen oder der ebenfalls nicht mehr ganz jungen Prenzlauer-Berg-Kultur nachgesagt wird. Unsympathisch macht ihn das nicht.

Richard ist ein Antiheld, die liebevolle Ironisierung einer Spielart jener Geburtsjahrgänge, die sich und ihre glamouröse Rolle in der bundesrepublikanischen Geschichte bislang meist selbst und in eigener Sache beschreiben durften - mal als Literatur, mal als Autobiographie oder Biographie. Vor wenigen Monaten hat etwa Ulrike Edschmid mit viel Resonanz an die Anfänge des Terrorismus der RAF erinnert. Auch Bernd Cailloux, der erste erfolgreiche deutsche Hippie-Unternehmer, hat in bislang zwei Büchern, stets mit einiger Selbstgefälligkeit, seine Generation porträtiert. Und die Handlungsmächtigeren unter den Genossen haben spät aber nachhaltig den Weg von der Rebellion zum politischen Tagesgeschäft und beispielsweise unter Rot/Grün auch zum Umbau der Sozialsysteme und zum militärischen Engagement des wieder geeinten Deutschlands gefunden - und sich dafür feiern lassen.

Jürgen Theobaldys Richard ist von ganz anderem Zuschnitt - er ist kein Held im Klassenkampf und allenfalls ein mittlerer Held der Liebe, er ist die unscheinbare Verkörperung einer moderaten Erneuerung der Lebensformen bei gleichzeitiger Verwirrung der Rollenmuster. Ein Mensch, durch den Geschichte hindurchfließt, wie es im Roman einmal heißt; die Inkarnation einer Erfahrung, die eigentlich jeder Mensch macht - ihn aber ganz anders trifft, weil die Jahrgänge, denen er angehört, die Geschichte nicht erleiden, sondern gestalten wollten. Und er erkennt das auch und trägt seine Zweifel an sich selbst recht offen vor sich her. Das ist immerhin eine Errungenschaft. Und es ist auch nicht untypisch, denn 1988 haben die 68er sich anlässlich ihres zwanzigjährigen Dienstjubiläums meist noch kollektiv als Generation im Wartestand und mit Durchsetzungsschwächen wahrgenommen:

Richard sah seine Generation mit vielerlei Skrupeln vor der Führerschaft zögern, und das mochte etwas Lauteres haben, war letztlich aber kindisch, ein Verzagen statt ein Verweigern, war also ein Versagen, ein Verlust des Augenmaßes für das Kreative an dem, was sie (…) und Tausende um sie herum einmal begrenzte Regelverletzungen genannt hatten.

Klima in der WG wird kritisch

Richard ist vor allem, so scheint es, ein etwas antriebsloses Menschenkind, das seinen Lebensumkreis in einer Männer-WG mit dem ungefähr gleichaltrigen Freund Gunter kultiviert, weil ihm sonst wenig einfällt. Er passt zu Gunter, solange dieser noch einem Taxikollektiv angehört, das auf den ehemaligen Idealen aufbaut. Kritisch wird das Klima in der WG, als Gunter davon zu träumen beginnt, statt der Rundfahrten mit Touristen lieber eine kleinen Restaurantbetrieb aufzumachen, sich weiter zu entwickeln, womöglich hin zu mehr Geld und mehr Stil:

Seit dem Besuch seines Vaters spürte Gunter Nudelmaschinen nach, ebenso Teigwaren in vielerlei Formen und Formaten. Ein ausgesuchter Imbissladen schwebte ihm vor, ein halb privater Tortelloni-Club, in dem er selbst kochen und nur Hausgemachtes anbieten würde, während an der nächsten Ecke die Schlange vor dem Discountladen langsam vorrückte und in den Eingängen der Häuser daneben gewiefte Handelspioniere ihre Kartons umpackten, damit sie, von ihren Lasten kaum behindert, zurück zu den Bussen unter der Hochbahn des zentralen Bahnhofs zwischen Minsk und Mailand fanden. Obwohl die Grenze löchrig bis zur Oder-Neiße geworden war, schien sich das östliche Ausland dahinter nur zu vergrößern und mehr und mehr irgend erleichterte Menschen freizugeben. Ihnen allen, die von dorther bei ihm vorbeikämen, würde Gunter mit seiner überschaubaren, so kleinen wie noblen Speisekarte die Stirn bieten: Sie würden lernen müssen, auf den Geschmack zu kommen, und dann wäre Gunter der Letzte, der nicht auch sie willkommen hieße.

Hier - wie an vielen anderen Stellen des Romans auch - greifen das Private und das Politische in ganz neuer Weise ineinander. Die Erosion des real existierenden Sozialismus beflügelt den kapitalistischen Geist ehemaliger Rebellen. Gunter kann bei seinen Plänen sogar mit der Unterstützung seines Vaters rechnen, der in Bonn als Anwalt ein sehr auskömmliches Leben führt und seinem Sohn die früheren, meist nur verhalten geführten Debatten um die Schuld der Väter am nationalsozialistischen Terror nicht weiter nachzutragen scheint.

Auch Richard hat nie allzu energisch mit seinem Erzeuger über dieses Thema gestritten - nur: Sein Vater hätte kein Geld, wenn Richard vergleichbare Pläne wie Gunter machen würde. Dem Umbruch, der sich im Kleinen in Gunters Idee von einer veredelten Imbissbude ausdrückt, begegnet Richard weniger handgreiflich, dafür aber soziologisch geschliffen stattdessen in den Manuskripten, die er im Verlag abholt, um sie zuhause zu bearbeiten:

Die Arbeit versprach eine Art pulverisierten Sinn, Korrekturen sollte Richard sofort eintragen, sofort löslich und innerhalb eines Tags zum Abschluss bestimmt, sonst Geschmackseinbuße. In den Fahnen, die er im Verlag abgeholt hatte, ging es um den Wandel des Sozialcharakters, ein Prozess, der Osteuropa erst bevorstehe, den die Menschen dort schneller durchlaufen müssten, als alle im Westen es getan hatten, solange die Wirtschaft und mit ihr alle gewachsen waren oder umgekehrt. Heute übernahmen die Einzelnen nur noch schwach umrissene soziale Rollen und damit verbundene Werte, sie fühlten sich sich weniger krass und selten endgültig an einen bestimmten Platz in der Gesellschaft gestellt.
(…)
Scheitern und Erfolg wurden mehr und mehr aus aus den kollektiven Bindungen gelöst, das ganze machte beide Größen zum rein privaten Risiko, was dem Ganzen vorderhand nur zu bekommen schien, abzulesen am DAX, am Dow Jones oder am Konjunkturbarometer.
(…)
Authentizität, das war ein Rückstand aus einem vergangenen Jahrzehnt.


Rückschau auf die 80er und frühen 90er Jahre

Eine Rückschau auf die In diesen wenigen Zeilen verpackt Jürgen Theobaldy einen ganzen Abriss der Sozialgeschichte der Bundesrepublik. In der Rückschau auf die 80er und frühen 90er Jahre weiß der Leser heute, dass es nicht mehr weit ist bis zu Gerhard Schulzes Begriff von der "Erlebnisgesellschaft", mit dem seit 1992 alle zeitgeist-soziologischen Debatten ein neues Koordinatensystem erhalten, weil der Konsum über die Kritik als dominierende Haltung zu obsiegen scheint. Und noch ein Jahr später wird auch Botho Strauß in seinem "anschwellenden Bocksgesang" der alten Linken gewaltig die Leviten lesen. Mit diesem Vorwissen des Lesers spielt der Roman von Jürgen Theobaldy und bezieht daraus einen erheblichen Teil seines Reizes. Was Richard 1989/90 nur ahnen kann, ist mittlerweile selbst schon wieder zu "Geschichte" geronnen. Der Roman schickt seinen Helden wie eine Sonde zurück an einen Wendepunkt deutscher Befindlichkeit, lädt den Leser ohne große Worte zu einer Pendelbewegung zwischen damals und heute ein, nimmt nichts allzu ernst, diffamiert aber auch nichts und niemanden.

"Wie hatte es im Reich der Großen Proletarischen Kulturrevolution geheißen? Tunnel graben und Vorräte anlegen!", an diese Parole kann sich Richard noch erinnern - aber welche K-Gruppe sie einmal ausgegeben hat, das weiß er nicht mehr. Ohnehin ist er auch in jüngeren Jahren niemals ein verlässlicher Revolutionär gewesen und hat sich bei Demonstrationen zuletzt stets dort am wohlsten gefühlt:

(…) wo er dann auch an Gunter geraten war: bei einem spontan zusammengewürfelten, nahezu volkstümlichen Ensemble mit offenen Rändern, das mit Trommeln und Trompeten, mit Saxophonen und mit hausgemachten Instrumenten die Kundgebungen teils rhythmisch, teils melodisch untermalte, von Richards Chef neulich Spielmannszüge geheißen und ins Karnevalistische abgeschoben.
(…)
Überzeugen, das wusste schließlich jede und jeder, war unfruchtbar, es kam darauf an, sich selbst zu verändern und dies ohne Scheu nach außen zu zeigen.


Im Politischen könne man nicht aufgehen, versichern sich Menschen wie Richard mittlerweile, man könne es zwar eine Weile aushalten, aber aber nach zwei, drei oder fünf Jahren schlage dann eben die "Stunde der Diktatoren". Wem das nicht liegt, dem bleibt das Private - und daran leidet Richard gegen Ende seines vierten Lebensjahrzehnts erkennbar intensiver. Ist es milder Spott oder auch schon eine Diagnose, wie Jürgen Theobaldy seinen Richard nicht nur vor gesellschaftspolitischem Fragen, sondern auch vor den Forderungen der Liebe verzagen, manchmal auch versagen lässt? Es steht jedenfalls in der langen Tradition von Theobaldys früheren Romanen und Erzählungen, die ebenso wenig Sätze brauchen, wie dieser schmale neue Roman, wenn sie Milieus und Verhaltensweisen ausleuchten.

Verwirklichung der emotionalen Selbstbestimmung

In "Sonntags: Kino" von 1978 beschreibt er beispielsweise die Welt seiner Jugend in Mannheim in den Fünfzigern, Stickigkeit, Aufmüpfigkeit und verklemmte Sexualität in einem Milieu, das man heute neudeutsch mit dem Wort "bildungsfern" geißeln würde. Von solchen Verhältnissen, von unbeholfenen Knutschereien in Hausfluren oder Schlägereien unter Gleichaltrigen ist Richards Biotop weit entfernt - das immerhin ist ein Erfolg der angestrebten Befreiungen -, aber souverän ist er in Beziehungsfragen deswegen noch lange nicht.

Die Verwirklichung der emotionalen Selbstbestimmung hinkt den Idealen und dem Verbrauch von Lebensabschnittspartnern deutlich hinterher, aus vielen guten Absichten und kräftigen Impulsen scheinen vor allem Liebesleid und eine gewisse Unverbindlichkeit im Alltagsleben hervorzugehen. In einem Roman von Michel Houellebecq würde das dramatisch zugespitzt - Jürgen Theobaldy skizziert das mit leichter Hand, in dem er einige der Formeln herbeizitiert, in denen diese Generation gelernt hat, sich selbst ihre Beziehungsmuster zu erklären.

Als junger Mann hat Richard Mona kennengelernt, sich an ihrer Freizügigkeit berauscht und eine kurze Zeit intensiver Zweisamkeit mit ihr erlebt. Aber schon nach zwei Sommern droht das Interesse aneinander nachzulassen, die Phasen des Schweigens zwischen den beiden bedeuten nicht mehr, dass die Nähe wächst, sondern dass die Distanz zunimmt- und in seinem eigenen Notizbuch kann Richard Jahrzehnte später nachlesen, dass das wohl auch an ihm gelegen hat:

Einmal wollte Mona wissen, was ich an ihr liebe, wenn ich schon nicht sagen könne, warum ich sie liebte, weil mir alles, was mit dazu einfiel, zu floskelhaft war. Und ich war erleichtert, dass sie sich von dem, was ich aufzählte, entzücken ließ.

Richard verklärt Mona

Sie gehen auseinander, Mona verlässt die Stadt und verschwindet im fernen Südamerika, Richard unternimmt keinen Versuch mehr, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Mona wird ihm zur Ikone - er hat ein einziges Foto von ihr, achtzehn Jahre alt, mit offener Bluse, das steht auch 1989/90 noch immer neben seinem Bett. Andere Bilder von Mona hat er nicht - seine Verklärung, seine immer wieder mal aufflammenden inneren Dialoge mit ihr, mit der fernen Frau, ranken sich um eine Gestalt, die nur mehr in seiner Imagination zu bestehen scheint. Gunter erklärt ihm, er solle endlich loslassen, denn das führe zu nichts. Richard aber wahrt eine seltsame Art von Treue im Geist, wenn auch nicht im Körperlichen. Ganz im Reinen ist er dabei mit sich selbst aber nicht:

Tatsächlich, räumte er ein, als er mit der Ofenklappe die schmauchende Luke schloss und Gunter hinten in der Küche die leere Tüte wegpackte, all die Jahre war er ohne sie, ich war, Mona, durchaus und ganz gut ohne dich ausgekommen. Jedes dieser Worte sprach er sich insgeheim vor, während er sich in sein Zimmer zurückzog und Gunter wohl eben die Reihe Gewürzdosen durchging. Aber es war dir nur scheinbar gut dabei gegangen, so flüsterte ihm die Gegenstimme zu, die auch nach seiner Stimme klang, und Richard kam sich überboten vor, ein verkannter Wohltäter, der im Keller eines Abbruchhauses hauste, sich selbst gut zuredete, solange er die Hände über dem Flämmchen einer mickrigen Kerze rieb. Dass sich die einmal mit Mona genossenen Freuden später mit anderen Frauen nicht bruchlos hatten fortsetzen, geschweige denn verfeinern lassen! So wenig hatte er gewusst von dem, worauf es ihm selbst vor allem ankam, er hatte nicht einmal erahnt, wie viel ihm damals schon zugekommen war. Dennoch hatte er, auch um seinen Empfindungen für Mona zu trotzen, nie an die eine einzige, ihm und allen vorbestimmte Liebe glauben wollen, die Liebe war nicht nur einmal zu durchleben, sie blieb das unwiederbringliche Abenteuer, das gegen alle soziologischen Erhebungen nicht in einer Zweckgemeinschaft mit erlöschenden Zwecken auslaufen musste.

Die wahren Empfindungen und die Ansprüche an die Selbstverwirklichung fern von aller bürgerlichen Routine kollidieren. Erst weht Richard sich gegen die Gefühle für Mona, die ihn zu überwältigen drohen, und als es mit der Liebe dann vorbei ist, verklärt er Mona so sehr, dass keine andere Frau neben dem Bild von ihr bestehen kann. Die Liebe wird in der Theorie ins Übermenschliche erhöht, in der Praxis schrumpfen die nachfolgenden Paarbildungen zu befristeten Arrangements.

Als er dann aber hört, Mona sei nach Jahren in die Stadt zurückgekehrt, läuft er durch die Stadt als könne an jeder Ecke seines Kiezes ihr Gesicht wieder auftauchen, als müsse er sie überall suchen, wo sie - so hofft er - auch nach ihm suchen wird. Er sucht sie in Kneipen und lässt andere Frauen umstandslos fallen, er hofft auf ein Lebenszeichen von der fernen Mona, wenn er anonym einen kurzen Brief mit der Aufforderung zu einem Date erhält - und weiß nicht, was er denken soll, als er merkt, dass diese Nachricht nicht von der ihr, sondern von der sehr nahe gerückten Johanna stammt, die er als Freundin seines WG-Genossen schon ziemlich gut kennt:

Sicher war es romantischer Irrglaube, die Begehrte verspüre immer etwas von den Empfindungen, die sie im Begehrenden wecke, in sich selbst. Aber nicht nur darum hatte Richard fast nur dann einer Frau in die Augen geschaut, wenn er sich von ihr dazu ermuntert fühlte; er wollte niemanden belagern, nicht am Widerstand die eigene Lust an der Eroberung anstacheln und steigern (…). Er wollte weder verführen noch sich bestimmen lassen und suchte diese Spannung aufzulösen in einem Zusammensein mit gleichen Ansprüchen für beide, und so langsam schien das sogar mehrheitsfähig zu werden.

Richard müsste erst einmal sich selbst etwas abfordern

Klingt vernünftig, aber bestimmt nicht leidenschaftlich - und ist deshalb wohl als "Rationalisierung" einzustufen. Richard ist schon zufrieden, wenn er das Gefühl hat, dass er und eine aktuelle Freundin sich nicht nur "als Ersatz" für jemand anderen betrachten. Sein WG-Genosse Gunter überwirft sich dagegen meist schon im ersten Urlaub mit seinen Freundinnen, schimpft auf Frauen, die zu oft das Wort "Kind" im Gespräch fallen lassen, geht aber, so scheint es Richard, durch sein Leben, wie einer, der nichts bedauert, sich nicht langweilt und jederzeit Verantwortung übernehmen kann, wenn das gefordert ist. Was lässt sich daraus lernen? Lässt sich daraus etwas lernen?

Richard müsste erst einmal sich selbst etwas abfordern, auch wenn in ihm niemals ein Macher, sondern eher ein Künstler, ein Dichter, verborgen ist. Wie es dahin kommt, dass ihm das gelingt, soll nicht verraten werden - nur soviel: Es dauert. Und es sind viele kleine Schritte, die Jürgen Theobaldy schon in den Überschriften der kurzen Kapitel seines Romans in ihren Qualitäten deutlich macht. Sie reichen von "Winterlicht" bis zur "Mittagssonne" und setzen Richards Schicksal in ein freundliches Licht.

Am Ende lässt er ihn sogar mit einer der vielen Frauen, die in dem Buch eine Rolle spielen, glücklich vereint auf der "stadtabgewandten Seite des Tages" zurück. Wer will, darf darin einen Nachhall von Nicolas Borns hochgelobtem Roman von 1976, "Die erdabgewandte Seite der Geschichte" erkennen, damals einer äußerst bitteren Bilanz der Liebesunfähigkeit und der neuen Freiheiten der jüngeren Generation. "Aus nächster Nähe" wendet das gleiche Thema nun gnädig und sanft ins Positive und versöhnt den Helden mit all den Unzulänglichkeiten, die ihn ausmachen, und die er deshalb auch nie wird ablegen können:

Schluss mit Ausflüchteleien! Richard würde sich schon durchschlagen bis zum Bleibtreu, er war vielleicht gar nicht verwundbar auf diesem Weg, und ein Termin, der sich nicht hätte aufschieben lassen, stand weder heute noch morgen an. Mochte die Person, diese Frau, auch pokern, Richard wollte ihre Karten offen auf dem Tisch sehen. Er war vogelfrei, ha, wenngleich kein Prinz.

Jürgen Theobaldy: Aus nächster Nähe.
Roman, Verlag Das Wunderhorn, Juni 2013, 184 Seiten, Hardcover, 19,80 Euro

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