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StartseiteBüchermarktKein Platz für Erbarmen17.04.2013

Kein Platz für Erbarmen

Christine Lavant: "Das Wechselbälgchen", Wallstein Verlag

Um ein Kind, das nicht reden kann und sich auf allen Vieren fortbewegt, kreist "Das Wechselbälgchen" der Kärtner Dichterin Christine Lavant. Es wird in einer kleinbäuerlichen, von Armut geprägten Welt Opfer eines tief verwurzelten Aberglaubens.

Von Angela Gutzeit

Durch die eigene Kindheitserfahrungen hatte Lavant ein ausgeprägtes Gespür für die Macht unheilvollen Volksglaubens. (Deutschlandradio)
Durch die eigene Kindheitserfahrungen hatte Lavant ein ausgeprägtes Gespür für die Macht unheilvollen Volksglaubens. (Deutschlandradio)
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Ländliche Geschichten von archaischer Wucht

Wrga, die Kuhmagd mit dem funkelnden Glasauge, hat ein uneheliches Kind, das nicht reden kann, sich auf allen Vieren fortbewegt und frisst wie ein Tier. Vielleicht wäre es in der Dorfgemeinschaft auch weiterhin geduldet worden, denn der Bauer schlägt es nicht, der Pfarrer belässt es bei der Ermahnung an die Mutter: "Geh hin und sündige nicht wieder" und die Kinder finden immer wieder Verwendung für das sprachlose Wesen bei ihren Rollenspielen. Aber das Leben in dieser kleinbäuerlichen Welt mit ihrer Armut, mit ihren scharfen Abgrenzungen zwischen oben und unten und den autoritären, katholisch geprägten Strukturen ist hart. Da kann der Platz fürs Erbarmen plötzlich sehr eng werden. Zumal, wenn das christliche Gebot der Nächstenliebe dem tief verwurzelten Aberglauben zum Opfer fällt. Da muss bloß einer kommen wie der Lenz, ein Knecht, der sich beim Bauern verdingt und es mit dem Teufelsglauben und der Hexenfurcht hält, - und schon heißt die Stumme nicht mehr Zita, sondern "der Wechselbalg". Und von da an nimmt das Unheil in Christine Lavants Erzählung "Das Wechselbälgchen" seinen Lauf.

Klaus Amann, der Herausgeber dieses Bandes, siedelt "Das Wechselbälgchen" im Kärnten der 20/30er-Jahre an. Aber geschrieben wurde es wohl zwischen 1945 und 1949. Die Vernichtung sogenannten "unwerten" Lebens durch die Nationalsozialisten hatte auch in Kärntner Anstalten stattgefunden. Es ist also naheliegend, dass das Morden, über das keiner sprach, über das aber wohl die meisten informiert waren, dieser Geschichte zugrunde liegt. Aber nicht zuletzt durch die eigene Erfahrung von Krankheit, Versehrtheit und sozialer Stigmatisierung in der Kindheit hatte Lavant ein ausgeprägtes Gespür für die Macht und Dauerhaftigkeit unheilvollen Volksglaubens und seiner immer wiederkehrenden Motive entwickelt. Zu deren ältesten Motiven zählt das vom missgebildeten Kind, das dank teuflischer Kräfte gegen ein gesundes ausgetauscht wurde und dann sein Unwesen treibt. Der Lyriker Thomas Kling hat in seinem Aufsatz "Sprachkörpersprache", sehr genau analysiert, wie stark Lavant aus dem mittelalterlichen Begriffskosmos des Glaubens, Glaubenszweifels, des Un- und Aberglaubens geschöpft hat und wie sprachmächtig die Autorin den Ängsten, die es zu bannen galt, in ihrer eigenen Zeit Ausdruck verlieh.

Überhaupt die Sprache! Sie kommt im "Wechselbälgchen" einfach, fast naiv daher, durchsetzt mit Idiomen dieser bäuerlichen Welt. Die Erzählstimme ist immer ganz nah bei den Figuren, manchmal nimmt sie vorsichtig Abstand, dann wieder verschmilzt sie mit ihnen, wenn wir zum Beispiel Ausrufe lesen wie "Himmelherrgott, war das Weibsbild vernagelt!" oder "Ach, diese schreckliche, nie aufhörende Furcht!" Spärlich kommen die Wrga, der Lenz, der Pfarrer oder der Bauer selbst zu Wort. Aber dann spürt man die Begrenztheit dieser einfachen Seelen mit doppelter Wucht - wenn Wut, Angst oder die rare Freude mühsam nach einer sprachlichen Form suchen. Aber gerade diese Befangenheit, dieses Sprachgefängnis, eröffnet für den Leser einen Raum für Mitleid und Erkenntnis. Auch zeigt Lavant mit ihrer Muttergestalt Wrga, dass Aberglaube und Not nicht zwingend in Unmenschlichkeit münden müssen. Wrgas Herzensbildung kann zwar gegen den dumpfen Vernichtungswillen von Lenz nichts ausrichten. Aber der Opfertod des von Lenz ins Wasser gelockten geschmähten Kindes für ein anderes, das zu ertrinken droht, setzt in dieser Erzählung ein geradezu religiöses Hoffnungs- und Erlösungszeichen.

Es lohnt sich, Christine Lavant wieder zu entdecken - diese großartige Dichterin aus dem Lavanttal, nach dem sie sich benannte. Der Anfang ist gemacht mit dieser vorzüglich von Klaus Ammann kommentierten Erzählung, die nun in der Form des vor Jahren entdeckten Typoskripts mit den handschriftlichen Korrekturen der Autorin vorliegt. Vor allen Dingen darf man gespannt sein auf die Lyrikbände innerhalb der vom Wallstein Verlag angekündigten Werkausgabe Christine Lavants. Ein großer Teil ihrer Gedichte liegt nämlich noch unpubliziert im Robert-Musil-Archiv der Universität Klagenfurth.

Christine Lavant: Das Wechselbälgchen.
Erzählung
Wallstein Verlag, 104 Seiten, 16.90 Euro

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