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Kein rechtsfreier Raum

Bundestag beschließt Gesetzesinitiative zu Beschneidungen

Von Dorothea Jung

Jüdische Beschneidungszeremonie
Jüdische Beschneidungszeremonie (picture alliance / dpa / Bea Kallos)

Mit breiter Mehrheit hat sich der Bundestag für die schnelle Legalisierung religiöser Beschneidungen stark gemacht. Gut, dass sich der Gesetzgeber nun vorgenommen hat, die Beschneidung rechtlich einzuordnen.

Als Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden, erklärte, er sehe für seine Religion in Deutschland keine Zukunft, wenn das Beschneidungsurteil Bestand hat, war ich erschrocken. Und als die Konferenz Europäischer Rabbiner die Gerichtsentscheidung sogar als den "schwersten Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust" bezeichnete, war ich regelrecht bestürzt. Denn ich selbst empfinde die Vorstellung, dass ein kleines Kind an der Vorhaut beschnitten wird, als unangenehm. Das Kind tut mir leid.

Aber dass ich mit dieser inneren Haltung dazu beitragen könnte, Juden aus der Bundesrepublik zu vertreiben, machte mich fassungslos. Ich freue mich doch über jüdisches Leben in Deutschland und will unbedingt, dass die Juden hier bleiben!

Auf das Urteil folgten viele detaillierte Stellungnahmen von Juden und auch von Muslimen. Sie haben klar gemacht: Nicht meine persönliche Haltung zur Beschneidung beeinträchtigt ihr religiöses Leben - sondern ein Gerichtsurteil. Was jemand individuell denkt und empfindet, kann immer im Dialog verändert werden und ist prinzipiell offen für Argumente.

Vielleicht bleiben nach dem Gespräch auch Meinungsunterschiede, die beide Seiten aushalten müssen - das gehört zur Demokratie. Aber ein Gerichtsurteil setzt Maßstäbe. Die Beschneidung ist eine in allen Ländern der Erde akzeptierte religiöse Tradition. Sie ist den Juden seit mehr als 4000 Jahren heilig. Sie erinnert an den Bund, den Gott mit ihrem Stammvater Abraham geschlossen hat und gilt als identitätsstiftend für ihre Religion.

Wenn nun das Landgericht Köln als erstes und einziges Gericht weltweit die Beschneidung von Jungen als strafbare Körperverletzung bewertet und auf eine Stufe mit der Prügelstrafe stellt - dann müssen sich jüdische Menschen in Deutschland diskriminiert fühlen. Das gilt im Großen und Ganzen auch für Muslime.

Das Gericht verlangte, mit der Beschneidung bis zur Religionsmündigkeit des Jungen zu warten. Wer sich dem nicht beuge, mache sich strafbar. Nach dem Glauben zahlreicher Juden wäre damit jedoch für viele Jahre der heilsbringende Bund des Jungen mit Gott verhindert. Und das ist ein Eingriff in die Freiheit der Religionsausübung.

Es kommt also nicht darauf an, ob mich persönlich die Beschneidung befremdet oder nicht. Es gibt auch Juden und Muslime, die eine Beschneidung ablehnen. Deshalb ist es aber trotzdem falsch, die Beschneidung zu kriminalisieren. Sie ist nicht das Gleiche wie die weibliche Genitalverstümmelung in zahlreichen islamischen Ländern.

Schwer zu ertragen ist auch der oberlehrerhafte Ton im öffentlichen Diskurs, wonach nur die Gegner der Beschneidung wahrhaft aufgeklärte Menschen sind. Da sich religiöse Bräuche in Deutschland aber nicht im rechtsfreien Raum bewegen, ist es gut, dass sich der Gesetzgeber nun vorgenommen hat, die Beschneidung rechtlich einzuordnen. Das Recht auf Religionsfreiheit, das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und das Recht der Eltern, ihre Kinder religiös zu erziehen, sind miteinander in Beziehung zu setzen. Das Kölner Landgericht hat diese Rechtsabwägungen nicht überzeugend geleistet. Seinem Urteil haftet etwas Kurzsichtiges, religiös Unsensibles und Selbstgefälliges an. Und deswegen darf es keinen Bestand haben.

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