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Kein schönes Leben, trotz zahlreicher Privilegien

Ruth Hoffmann: "Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat". Propyläen Verlag

Von Sabine Pamperrien

Ausweise des MfS: Wer dort arbeitete, gehörte zu den Überzeugten.
Ausweise des MfS: Wer dort arbeitete, gehörte zu den Überzeugten. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Zu den Opfern der Staatssicherheit gehörten nicht nur diejenigen, auf die es das Ministerium direkt abgesehen hatte. Das Umfeld der hauptamtlichen Mitarbeiter hatte ebenso unter der ständigen Überwachung zu leiden, besonders die Kinder dieser Mitarbeiter. Die Hamburger Journalistin Ruth Hoffmann hat eine hervorragende Studie geliefert.

Eigentlich wollte Ruth Hoffmann eine Reportage über die Wohnsiedlungen in Berlin schreiben, die eigens für hauptamtliche Mitarbeiter des MfS gebaut worden waren. Doch als sie mit ehemaligen Schülern einer Schule für Kinder von Stasi-Mitarbeitern sprach, stellte sich ihr eine Frage: Wie ging es eigentlich Kindern, deren Eltern hauptamtlich für das Ministerium für Staatssicherheit tätig waren? Hoffmann verarbeitete für ihr Buch zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen. Schön war das Leben im Dunstkreis der Geheimpolizei nicht – und das trotz zahlreicher Privilegien. Kinder von Stasi-Hauptamtlichen lebten in einem erdrückenden Korsett von Vorschriften, Kontrollen und Maßregelungen.

"Sie unterlagen sozusagen auf Gedeih und Verderb indirekt auch den Regeln, denen ihre Eltern unterlagen. Oder man muss wirklich sagen, meistens waren es die Väter. 84 Prozent der hauptamtlichen Mitarbeiter waren Männer. Und zwar waren die hauptamtlichen Mitarbeiter ganz stark kontrolliert, unterlagen strengen Regeln, was die Westkontakte betrifft zum Beispiel, die verboten waren. Die Kinder durften also auch keine Freunde im Westen haben, keine Freunde haben, deren Eltern wiederum Westkontakte hatten. Die Familien mussten einfach funktionieren. Wenn die Kinder sich nicht systemkonform verhielten, hatte das Konsequenzen für die Väter."

Jede Regelabweichung hatte für die Kinder zuweilen drastische Folgen. Die Gewalt in den Familien, mit der Anpassung, Gehorsam und schulische Höchstleistungen erzwungen werden sollten, erinnert an die schwarze Pädagogik. Vertrauen, Wärme und Fürsorge waren Fremdworte in diesen Familien, Drill, Gefühlskälte und Engstirnigkeit die Regel. Wissenschaftlich erforscht und in einen Kontext mit den Folgen der DDR-Diktatur gebracht, wurde das Phänomen bisher nicht.

"Ja, ich war sehr überrascht, als ich dann eben meine ersten Interviews führte, dass es tatsächlich überhaupt nichts dazu gibt, also noch nicht mal ein Forum im Internet. Und ich glaube auch, das ist symptomatisch für die Situation dieser Kinder. Dass sie eigentlich schweigen, sich alleine mit ihren Fragen herumschlagen müssen. Es gibt keine wissenschaftliche Untersuchung dazu, ganz, ganz wenig sozusagen eigene Zeugnisse, aber dann eher so aus prominenter Ecke. Also zum Beispiel der Sohn von Günter Guillaume, der Willy Brandt bespitzelt hat im Auftrag des MfS, der hat ein Buch geschrieben. Es gibt vereinzelt autobiografische Zeugnisse von einer kleinen Handvoll dieser Kinder. Aber eine übergeordnete Studie oder wissenschaftliche Einordnung oder psychologische Untersuchung oder soziologische Studie: nichts dergleichen."

Hoffmann lässt in ihrer Reportage dreizehn Menschen über ihr Leben in Stasi-Familien erzählen. Viele von ihnen bemühten sich über Jahre, die Anforderungen des Apparats zu erfüllen. Viele wurden dazu gezwungen. Die meisten der von Hoffmann befragten Zeitzeugen rebellierten irgendwann und erlebten Haft, Entwürdigung und Ausgrenzung. Trotzdem sind alle eher von der Scham über ihre Herkunft geprägt. Die Autorin hat diese Härte mit sich selbst bei den Protagonisten ihres Buchs vielfach wahrgenommen.

"Es sind letztlich auch Opfer. Sie selber empfinden sich aber gar nicht so. Ich glaube, das ist auch symptomatisch für die Situation dieser Kinder. Ich glaube, sie wissen nicht so richtig, wo sie sich einordnen sollen. Sie sind ja keine klassischen Opfer des SED-Regimes."

Die geschilderte Lebenswirklichkeit erhellt erschütternde Normalitäten des DDR-Alltags. Was war das für ein soziales Gefüge, in dem eine Nachbarschaftskonferenz im Stasi-Wohnblock einberufen werden konnte, auf der Eltern sich rechtfertigen mussten für ihr Kind, wenn es einen Wohnungsschlüssel verbummelt hatte? Und was war das für eine Gesellschaft, in der Eltern solche Eingriffe ins Private nicht strikt zurückwiesen? Die Stasi rekrutierte nur Mitarbeiter, deren Linientreue erwiesen war.

"Die Leute, die zur Stasi gegangen sind, das waren wirklich hundert Prozent Überzeugte. Das muss man wohl schon so sagen. Und zwar konnte man sich für die Stasi nicht bewerben. Sondern man wurde ausgewählt. Da hat die Stasi eben auch gründlich vorrecherchiert. Wie ist der Leumund im Wohngebiet. Hat derjenige jetzt wirklich keine Westkontakte. Aber auch seine Frau nicht. Und wie sind seine Freunde politisch einzuordnen. Die Leute, die zum Mfs gegangen sind, haben schon hundertprozentig hinter der Sache gestanden."

Neben den Rebellen aus Stasi-Familien sprach Hoffmann auch mit Angepassten, die stolz in die Fußstapfen ihrer Eltern treten wollten und erst nach dem Mauerfall die vermeintliche Elite, in die sie hineingeboren wurden, kritisch zu hinterfragen lernten. In Exkursen beleuchtet die Autorin unter verschiedenen Aspekten, welchem umfassenden Diktat sich die Hauptamtlichen mit ihrem lebenslänglichen Eid unterwarfen. Die hauptamtlichen Mitarbeiter waren die Gruppe in der DDR, die am besten von der Stasi kontrolliert wurde, konstatiert Hoffmann. Das MfS konzentrierte seine Hauptamtlichen, wo immer es ging, in zusammenhängenden Wohngebieten und hat zu diesem Zweck 1958 eine eigene Verwaltung geschaffen, die allein in Berlin mit der Zeit ganze Straßenzüge und Viertel übernahm, erinnert die Autorin. Eigene Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen, Bahnhöfe und Sportvereine sagen zwar viel über die materielle Privilegiertheit der Stasi-Mitarbeiter aus, aber auch etwas über deren absolute Kontrolle. Jeder bespitzelte jeden. Der Sohn des Stasi-Obersten, der Kanzler-Spion Guillaume installiert hatte, fand in seiner Akte Protokolle von Gesprächen, die der Vater pflichteifrig für die Vorgesetzten angefertigt hatte, nachdem er seinen Sohn beim Hören eines Westsenders erwischt hatte. Alle Hauptamtlichen waren zur Rechtfertigung verpflichtet für alles, was ihre Familien betraf.

"Deshalb kriegten ganz normale Konflikte, wie sie in jeder Familie vorkommen, häufig in diesen Familien eine ganz andere Wucht."

Neben Schicksalen in DDR-Familien zeichnet Hoffmann auch die Erfahrungen von Kindern im Westen nach, die plötzlich in die DDR verpflanzt wurden, nachdem die Eltern als DDR-Agenten enttarnt worden waren. Nicht nur die ahnungslos gehaltenen Kinder, sondern auch die Eltern kamen nicht immer mit den realen Lebensbedingungen in der DDR zurecht. Die Geschichte der Familie Raufeisen mündet in vergebliche Ausreiseanträge, immer wagemutigere Fluchtversuche, lange Gefängnisstrafen für Eltern und Sohn und den ungeklärten Tod des Vaters.

Die psychosoziale Spätwirkung dieser Mixtur aus Getto, Parallelgesellschaft, Sekte und Elite ist längst noch nicht umfassend erforscht. Die betroffenen Kinder beginnen gerade erst, ihre Scham abzulegen. Hoffmanns bezwingend sachlich verfasstes Buch eröffnet tiefe Einsichten über die DDR – es ist hervorragend geschrieben und spannend von der ersten bis zur letzten Seite.

Ruth Hoffmann: "Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat". Es ist im Propyläen Verlag erschienen, füllt 318 Seiten und kostet 19,99 Euro.



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