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StartseiteBüchermarkt"Kein schwerer Migrationsroman"04.05.2012

"Kein schwerer Migrationsroman"

Katerina Poladjan: In einer Nacht, woanders. Rowohlt Verlag

Seit ihrer Kindheit schreibt die Schauspielerin und Performance-Künstlerin Katerina Poladjan Theaterstücke und Prosatexte. In ihrem Debütroman setzt sich die Autorin mit ihren russischen Wurzeln und Migrationserfahrungen auseinander.

Von Lerke von Saalfeld

Der Rote Platz in Moskau mit der Basilius-Kathedrale rechts im Bild (dradio.de)
Der Rote Platz in Moskau mit der Basilius-Kathedrale rechts im Bild (dradio.de)

Das Haus ausräumen. Ich soll das Haus ausräumen und verkaufen, denke ich. Wie soll das gehen? Ich habe keine Ahnung, wie man ein Haus verkauft .Ich lebe in einer kleinen Wohnung. Ich zahle jeden Monat meine Miete und habe sonst keine Verpflichtungen. Jetzt soll ich ein Haus ausräumen, in dem zwei Familien Platz hätten, wenn sie zusammen-rücken würden. Das Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht habe.

Die Ich-Erzählerin Mascha in Katerina Poladjans Debütroman sitzt im Flugzeug von Berlin nach Moskau. In Bykovo, unweit der russischen Hauptstadt, steht das Haus ihrer ge-storbenen Großmutter, bei der sie ihre Kindheit verbracht hat. Pjotr, der Vertraute der Großmutter, hat ihr geschrieben, sie solle so schnell wie möglich kommen, um das Haus zu verkaufen. Mascha lebt in Berlin, hat 1982 mit ihrer Familie die Sowjetunion verlassen und war seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Es gibt Ähnlichkeiten zur Biografie der Autorin, aber sie betont:

"Das Buch ist kein autobiografischer Roman. Die Figuren sind erfunden, und es war für mich auch sehr wichtig, die Distanz zu haben. Ich habe mich freier gefühlt beim Schreiben, aber natürlich gibt es sehr viele autobiografische Parallelen. Ich bin mit meinen Eltern 1979 ausgewandert über Rom und Wien, dann nach Deutschland. Als wir in Wien gelebt haben, haben wir ein Ausreisevisum nach Kanada gestellt und mein Vater hat dann Arbeit be-kommen in Deutschland, und ich bin rein zufällig in Deutschland gelandet. Auch das ist so eine Weggabelung, es hätte auch ganz anders kommen können. Ich stelle mir oft vor, wie wäre mein Leben in Kanada verlaufen. Diese Erfahrung des Kulturwechsels habe ich auch gemacht."

Die Romanfigur Mascha, die an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt, wird mit einer Welt der Erinnerung konfrontiert, ist konfrontiert mit Lücken in ihrem Gedächtnis, die sich langsam durch die Begegnung mit Pjotr schließen. Das sind auch Frage, die Katerina Poladjan um-treiben und die sie in ihren Roman eingearbeitet hat.

"Die Frage, wo komme ich her und wo gehöre ich hin, oder auch die Frage nach der Zuverlässigkeit der eigenen Erinnerung beschäftigt mich schon sehr lange und auch die Brüchigkeit in der eigenen Biografie, auch immer wieder die Frage, wie zuverlässig sind eigentlich die Geschichten und die Bilder, die wir in uns tragen, was ist eigentlich wahr von dem, was wir erinnern."

Und so ist der Roman auch kein Familienroman, obwohl es um die Beziehungen innerhalb einer Familie geht, sondern ein Roman, der subtil und feinfühlig, oft nur rein intuitiv, die dunklen Flecken der Vergangenheit in der Familie von Mascha aufhellt. Das alles erfährt der Leser in Rückblenden, in Traumphantasien, die Mascha beim Besuch des Hauses der Großmutter überwältigen und die der geheimnisvolle Pjotr leise anstößt. Es geht um die Vergewisserung, was war früher, was passierte in diesem Haus. Welche Rolle spielte die Großmutter Tamara, die eine Raumfahrtingenieurin in sowjetischen Diensten war, welche Rolle spielte die Mutter Lina, die mit der Wirklichkeit nie zurechtkam, ein wildes Kind war und plötzlich mit siebzehn Jahren schwanger wurde; wer ist der Vater von Mascha, der offizielle, mit dem die Mutter ausreist, oder vielleicht Pjotr, den die Mutter aus Eifersucht auf Tamara verführte, um ihrer Mutter den Vertrauten zu nehmen.

All diese Ahnungen und Vermutungen stürzen über Mascha herein und verwirren sie. Ei-gentlich soll das Haus der Großmutter verkauft werden, aber schnell wird offenbar, dieser Besuch "woanders", der nur zwei Nächte dauert, dann reist Mascha wieder ab, ist ein surreales Eintauchen in die Untiefen einer Kindheit, die etwas Beunruhigendes hatte, ohne dass Mascha als Kind gemerkt hätte, was um sie herum vorging. Jetzt erst beginnt sie zu begreifen, was das Verhalten ihrer Mutter bedeutet, die oft verwirrt und verstört war, sodass schließlich nur noch ein Leben in der Psychiatrie für sie möglich ist. In Moskau ließ die Mutter zum Beispiel eines Tages den Kinderwagen mit Mascha im Park stehen und ging nach Hause. Das ist der Grund, warum Mascha zur Großmutter Tamara in Obhut kam.

"Lina, die Mutter, war immer eine labile Person. Damals in der Sowjetunion gab es ja keine Geisteskrankheit, dafür gab es ja keinen Raum. Und insofern wurde das immer ab-gestempelt als, sie ist verrückt, sie ist unzurechnungsfähig, man darf ihr gar kein eigenes Leben zugestehen."

Die Tochter Mascha macht in dem verwunschenen Haus im Wald eine doppelte Erfahrung: Sie begibt sich auf die Spuren ihrer Kindheit und sie lernt ihre Mutter mit anderen Augen sehen. Das heißt, die Autorin lässt ihre Ich-Erzählerin Gefühle erleben, die die Autorin so nicht erlebt hat.

"Für mich ist Russland fremd. Ich beobachte zwar sehr aufmerksam das Chaos, was da so stattfindet, aber ich habe gar keinen Bezug mehr dazu. Ich nehme mir schon seit Jahren vor, dort mal hinzufahren, aber ich gestehe, ich habe auch ein wenig Angst davor. Das, was Mascha mir voraushat, ist die Erfahrung des Wiederkehrens. Das Ringen um den Verlust der Heimat wird ja im Augenblick der Rückkehr zum Zentrum der Reflektion und damit schließt sich der Kreis der Auseinandersetzung. Diese Erfahrung habe ich nicht gemacht Und für Mascha ist das in erster Linie eine Versöhnung mit der Mutter. Das war mir ganz wichtig. Ich bin sehr angerührt von der Figur der Mutter, weil sie so eine verlorene Seele für mich ist, die immer fremdbestimmt gelebt hat und nie die Möglichkeit hatte, ihr sehr vitales Wesen zu leben, sondern immer unter dem Einfluss stand der Großmutter, dann ihres Mannes und später dann auch der Klinikindustrie."

Es ist bewegend, wenn die Autorin erzählt, wie sie die Figur der Mutter emotional ergreift. Und dabei - das ist die Kunst von Katerina Poladjan - verfällt sie nie in Nostalgie oder falsche Idealisierung oder gar Verklärung. Vielleicht hat ihr dabei ihre Art zu schreiben ge-holfen:

"Ich schreibe so, wie ich auch den Schauspielerberuf verstehe. Ich befinde mich in einer ständig offenen Suchbewegung. Die Figuren entstehen auf der Bühne, ich habe kein fertiges Konzept. Ich setzte mich hin und lasse mich überraschen, was passiert. Ich schreibe sehr sehr viel an einem Tag und schmeiß die Hälfte wieder weg. So ist das. Überprüfe das, schreibe wieder ein Stück weiter, arbeite sehr eng mit meinem Mann zu-sammen, der liest gegen und auch laut, ich brauche das. Ich brauche die Komposition manchmal, um zu überprüfen, ob das für mich stimmt. Wenn Formulierungen ins Kitschige verfallen, merkt man es beim Lautlesen viel schneller."

Auf diese Weise ist ein sehr dichtes Gewebe von Realität, Traumsequenzen, Shortcuts der Erinnerungen entstanden. In einer wunderbaren Mischung aus Wirklichkeit und Phantasie setzt sich Mosaikstein für Mosaikstein, durchzogen von Wolkengebilden, eine neue Er-kenntnis und Lebensmöglichkeit für Mascha zusammen. Das Haus, dessentwegen sie angereist ist, will sie nicht mehr verkaufen, sie überlässt es Pjotr, der dorthin gehört. Für Mascha ist ihr Platz in Berlin. Dieses Ende deutet an, welche Idee die höchst talentierte und vielversprechende Debüt-Autorin im Sinn hatte beim Schreiben:

"Ja, das soll kein schwerer Migrationsroman werden, das war immer meine Absicht. Ich wollte immer Leichtigkeit bewahren, Humor, ja dieses Schwebende, was ich auch im Text versucht habe. Und was mich an Theater immer interessiert, das ist das Unmittelbare und das habe ich in diesem Text auch versucht. Für mich ist die Migrationserfahrung nicht nur negativ behaftet, auf keinen Fall, sondern ich bin sehr froh, dass ich nicht in einer mittel-deutschen Kleinstadt aufgewachsen bin, sondern diese Erfahrung machen durfte, auch der Fremde, ich finde das bereichernd. Ich spreche zwei Sprachen, mich hat das eher sehr er-weitert in meinem Geist. Ich hab anderthalb Jahre in einem Aufnahmelager, so wie Mascha auch, gelebt und dann habe ich dreizehn Mal die Schule gewechselt. Ich hab in Köln gelebt, in München, in Hamburg, in Rheinbach, in Bonn, ich glaub', ich hab alle deutschen Städte durch. Diese Erfahrung des Schulwechsels, die hätte ich nicht unbedingt haben müssen, aber jetzt bin ich sehr glücklich darüber."

Literaturhinweis:
Katerina Poladjan: In einer Nacht, woanders, Rowohlt Berlin, 173 S., 16,95 Euro

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