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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin starkes Zeichen10.06.2017

Kein Totengebet für islamistische AttentäterEin starkes Zeichen

130 Imame in Großbritannien haben sich öffentlich geweigert, islamistische Attentäter zu bestatten. Ein richtiges Zeichen, meint Christiane Florin. Dennoch sei es falsch, daraus nun eine Totengebets-Verweigerungspflicht abzuleiten. Zeichen seien nur dann stark, wenn sie nicht zum Standard würden.

Von Christiane Florin

Trauernde haben Blumen in der Nähe der London Bridge abgelegt. (afp / Niklas Halle'n)
Nach dem Terroranschlag an der London Bridge haben Trauernde Blumen abgelegt - 130 Imame haben in Großbritannien öffentlich erklärt, warum sie den Attentätern von London das Totengebet verweigern. (afp / Niklas Halle'n)
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Es ist ein starkes Zeichen, trotz der eher schwachen Medienresonanz: 130 Imame haben in Großbritannien öffentlich erklärt, warum sie den Attentätern von London das Totengebet verweigern. Solche unvertretbaren Handlungen wie ein Anschlag seien nicht mit den "edlen Lehren" des Islam zu vereinen, schrieben sie als Begründung. Die Stellungnahme klingt fast so wie die Standard-Beteuerung: Das hat nichts mit dem Islam zu tun.

Distanzieren von der Distanz-Routine

Jede Religion kennt den Pilatus-Reflex. Aber die Imame meinen das Gegenteil: Diese 130 distanzieren sich von der Distanz-Routine, indem sie ihre besondere Macht nutzen, ihre geistliche Autorität. Strafe, Schande, Schuld – das hat viel mit Religion zu tun. Wer im Namen Allahs mordet, ist kein Held, wer Attentate begeht, lädt schwere Schuld auf sich und bringt Schande über seine Familie. Das ist die eine Botschaft.

Die andere lautet: Wir Imame sagen, was Sünde ist und nicht der sogenannte Islamische Staat und auch nicht die Islamhasser dieser Welt. Die Geistlichen, die sich da zu Wort gemeldet haben, wollen auch die Deutungshoheit über den Glauben zurückgewinnen.

Ein Floskel-Fasten auferlegen

130 Imame – und was ist mit den vielen anderen? In Köln soll am kommenden Samstag eine Großdemonstration stattfinden. Auch sie ist ein Distanzierungsangebot: "Nicht mit uns – Muslime und Freunde gegen Terror und Gewalt", steht auf der Einladung. Und was ist mit denen, die nicht mitdemonstrieren? Schweigen sie, weil sie Anschläge für vereinbar halten mit dem Islam? Wohl kaum. Schweigen sie, weil sie es leid sind, sich ständig von Islamisten distanzieren zu müssen? Schon eher. Es gibt nur vorsichtige Antworten, keine, die mit Statistiken und Studien zu belegen wären.

Krachend treten dagegen die Thesenritter auf, die den Islam abschaffen wollen, entweder ganz oder wenigstens in Deutschland. Sie haben nicht das leiseste Interesse daran, die Stille nach dem Schuss differenziert zu deuten. Katrin Göring-Eckardt, die Grünen-Fraktionsvorsitzende, bemüht sich da schon mehr. Sie hat Imame in Deutschland aufgefordert, entschieden aufzutreten. Sie sollten klar machen, dass solche Taten nichts mit ihrer Religion zu tun hätten, sagte sie in einem Zeitungsinterview. Da ist sie wieder, die Formulierung: nichts mit der Religion. Es wäre auch ein starkes Zeichen, wenn sich wenigstens 130 Politikerinnen und Politiker ein Floskel-Fasten auferlegen könnten. Kein "Hat nichts mit dem Islam zu tun" und kein "Hat allein mit dem Islam zu tun", wenigstens ein paar Wochen lang.

Religion ist, was Gläubige daraus machen. Auch wenn sie nicht alles erklärt, hat alles mit allem zu tun. Das ist ja gerade das Problem.

Das hat mit Religion zu tun

So wie Islamdebatten in Deutschland meistens verlaufen, ist abzusehen, dass hier fortan nur jene Imame als gute Geister angesehen werden, die Attentätern das Totengebet verweigern. Der Blick in die eigene, jüngere Geschichte lehrt, dass es so einfach nicht ist. In den 1970er-Jahren mordete die RAF, nicht im Namen Gottes, nicht im Namen Allahs. Zur RAF gehörte unter anderem Gudrun Ensslin, eine Pastorentochter. Als sie sich im Herbst 1977 in der Haft das Leben genommen hatte, sagte der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel: "Nach dem Tod muss die Feindschaft enden." Rommel sorgte dem Volkszorn zum Trotz dafür, dass tote Täter ein Grab bekamen. Ein Pfarrer, ein Kollege von Ensslins Vater, hielt eine Trauerrede. Ein Grab, eine Trauerzeremonie – das war eine Zumutung für die Hinterbliebenen der Opfer. Aber es war auch ein starkes Zeichen, das mit Religion zu tun hatte.

Die Liste der Anschlagsorte in Europa wird länger und länger. Und immer wieder wird sich die ebenso theologische wie politische Frage nach der Bestattung, nach der Strafe und der Schande stellen. Anis Amri, der erschossene Attentäter vom Berliner Breitscheid-Platz, zum Beispiel ist noch immer nicht beerdigt, aus ermittlungstechnischen Gründen.

Es ist richtig, dass Imame sich öffentlich weigern, das Totengebet zu sprechen. Und dennoch wäre es falsch, daraus eine Totengebets-Verweigerungspflicht abzuleiten. Einen Bestattungs-Bekenntniszwang darf es nicht geben. Imame oder Pfarrer können sich auch die Freiheit nehmen zu einer Barmherzigkeit, die kaum jemand versteht. Nur dadurch bleiben Ausnahmen wie im Fall der RAF möglich. Auch das hat mit Religion zu tun. Alles oder nichts, alle oder keiner – das sind falsche Alternativen. Zeichen sind dann stark, wenn sie nicht Standard sind.

Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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