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Seit 20:10 Uhr Hörspiel
StartseiteBüchermarktKeine Angst vor großen Gefühlen06.06.2004

Keine Angst vor großen Gefühlen

Sylvie Schenk: Heute ist auch noch ein Tag

Halb acht in der Severinstrasse, irgendwo in Deutschland: Ein Kater wird von einem alten VW-Käfer überfahren; Am Abend desselben Tages eskaliert ein Konzert im Jugendheim in eine Prügelei. An diesem einen Tag werden sich die Lebenswege Dutzender Figuren episodenhaft kreuzen und ineinander verschlingen, in einer Kettenreaktion, die sie aufeinander- und auseinanderlaufen lässt. Ein Roman des Alltäglichen als Theatrum Mundi, so Sylvie Schenk.

Von Dominique Vogel

Ich mag Theater, und ich wollte aus diesem Roman, also kein Theaterstück machen, ich wollte einen Roman schreiben, aber ein bisschen wie ein Theaterstück, mit dieser Zeiteinheit und Ortseinheit, weil ich fand da ein Spannungselement, eine Dramaturgie, die mir gut gefiel, ja die das Ganze spannender machen konnte, und es ist eine Art, die Komödie der Gesellschaft zu zeigen, also zu inszenieren. Es ist ja nicht umsonst, dass ich den Roman zuerst Die Vorstellung genannt habe, weil das Ganze auch eine Vorstellung ist der Personen und ihres Lebens.

Eine Vorstellung, bei der die Figuren sich etwas vorspielen, oder im falschen Film sind. Eine Vorstellung, bei der aus dem Nebeneinander ein Zusammen wird, ein Reigen, in dem alle Lebensalter vertreten sind. Da gibt es die kleine Türkin Amina, ein hochbegabtes Kind, das zum ersten Mal die Schule schwänzt; Paula, die Teenagerin, die für ein Experiment als Zigeunerin verkleidet durch die Stadt läuft, um Tischdecken zu verkaufen; die vierzigjährige Angela, eine etwas ungeschickte Femme fatale, und ihr Liebhaber Himmelreich, Frührentner und Hobby-Meteorologe, den nur die Wetterfroschperspektive interessiert. Und die alternde Ruth, die ihren Kater Farinelli begräbt und von der Vergangenheit erdrückt wird.

"Heute ist auch noch ein Tag", aber was für einer? Diesen Roman sollte man mit genau soviel Neugierde und Nostalgie aufklappen wie Ruth, wenn sie morgens die Rolläden hochzieht, leider gibt es ja keine richtigen Holzläden mehr, die man aufklappen könnte...

Das mit den Fensterläden entspricht einfach meiner eigenen Sehnsucht nach Fensterläden und nach der Kindheit. Ich mochte einfach mal Läden aufmachen, und ja, man ist direkt in dem Tag, das ist eine wunderbare Bewegung, so eine Schwimmbewegung, wenn man die Läden aufmacht. Das gibt’s ja gar nicht mehr, also das ist meine eigene Nostalgie als ältere Frau, dass man nicht diese komische... "les stores", die Rollläden aufmacht –mag ich nicht, gut. Und dann natürlich der Vergleich mit einem Roman, man fängt hier den Roman an, man fängt an zu lesen, und ich fand es einfach passend. Aber jeder Roman ist ein Fenster, das man auch aufmacht, und erlaubt eine neue Sicht des Lebens, der Dinge, der Menschen.

Alle Figuren im Roman kommen an jenem Tag zu einer wichtigen Erkenntnis, und sehen plötzlich ihr Leben mit ganz anderen Augen. Denn eins haben sie gemeinsam: Alle sind auf der Suche nach jemanden, nach der verwandten Seele und nach sich selbst. Das klingt alles sehr unprätentiös, und das sind diese Geschichten auch, aber sie strahlen viel Wärme aus. Und die Vertrauhtheit mit den Menschenschicksalen ist nicht nur auf die Erzählperspektive zurückzuführen, sondern vielmehr auf Sylvie Schenks Sinn für Empathie: Ihre Figuren sind für sie eine Art Familie. Das hat jedoch nichts mit Kitsch oder Gefühlsduselei zu tun. Ganz bewusst wird das Groschenheft-Motiv im Roman mehrmals thematisiert: In ihrer verschmitzten Art versteht Sylvie Schenk dieses Motiv sogar als diskrete Provokation:

Ich spiele gern mit diesem Begriff, weil darin steckt vielleicht Spott oder Ironie der deutschen Literatur gegenüber. Man hat in Deutschland unheimlich Angst, literarisch wenigstens, vielleicht auch sogar privat, vor großen Gefühlen. Ich habe es auch manchmal bei der Kritik anderer Arbeiten von mir festgestellt: "Oh, das klingt aber zu pathetisch!". Also die Deutschen haben manchmal sehr große Angst vor Pathos, vor eigenen Gefühlen, vor großen Gefühlen. Ja, nun bin ich vielleicht da mehr südländisch...

Eine Französin in Deutschland, das ist Sylvie Schenk jetzt schon seit fast 40 Jahren, aber es ist ihr sehr wichtig, ihre Romane auf Deutsch zu schreiben. Um aus der Isolation rauszukommen, aber auch weil diese Sprache ihr als Materie besonders geeignet scheint:

Ich finde, Deutsch ist eine wunderbare Sprache, also das möchte ich wirklich sagen, es ist eine sehr kreative Sprache, man kann also mit Vorsilben zum Beispiel unheimlich gut arbeiten, was man im Französischen überhaupt nicht kann... Man kann alle Wörter herumdrehen in einem Satz, das ist sehr spielerisch. Ich liebe diese Sprache, ich kann nicht sagen, dass ich sie perfekt spreche, so sie hören es, ich mache riesige Fehler, aber beim Schreiben kann man sich halt Zeit lassen, man kann kreativ damit umgehen, und das mach ich sehr gerne.

Eine spielerische, aber auch eine distanzierte Haltung, die es der Autorin ermöglicht, Redewendungen auf den Kopf zu stellen, ganz en passant das Selbstverständliche in Frage zu stellen. Durch Versprecher, Wortspiele, vorgetäuschte Naivität, Überlegungen über den Ursprung der alltäglichsten Wörter: Ein Bettler "sieht ganz schön mitgenommen aus", aber von wem und wohin? "Die Nase läuft, aber nicht die Beine", sagt der junge Mann im Rollstuhl. Und heruntergezogene Jalousien haben doch immer etwas mit Eifersucht zu tun.

Sylvie Schenks bildhafter Stil untermauert diese Vielschichtigkeit der Wirklichkeit: Wenn sie schreibt, müssen die Bilder immer als erste kommen. Das Nebeneinander von Tagträumen, Hirngespinsten und lebhaften Errinerungen lässt das Surreale durchschimmern: Die Nacht umhüllt den Glockenturm mit einem Negerkuß, das Stadtviertel sieht wie eine schlecht gekritzelte Beileidskarte aus, und die senkrechten Kippen in einem Zementbecher sind wie erstickte Taucher.

Eine gleichsam kaleidoskopische Vision des Unspektakulären, und ein Versuch, die "schützenden Umschläge der Wahrheit" hochzuziehen. Denn als Französin hat man in Deutschland des Öfteren mit hartnäckigen Klischees zu kämpfen...

Also ich werde – oder ich wurde – bei Lesungen zum Beispiel immer als die "charmante Französin" vorgestellt. Franzosen sind charmant, ja? Das nervt total, denn Franzosen sind wirklich nicht immer charmant!

Der Roman jedenfalls ist es - und darüber hinaus sehr tiefgründig... Der Autorin ist das gelungen, was eine ihrer Figuren sich zur Aufgabe gemacht hat: "Ein paar Fetzen aus dem Alltagsfluß retten, die farbigsten."

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