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StartseiteUmwelt und VerbraucherKeine dicke Luft mehr im Revier28.04.2011

Keine dicke Luft mehr im Revier

Umweltbundesamt-Präsident: Willy Brandt war seiner Zeit voraus

"Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden!", forderte Willy Brandt vor 50 Jahren. Eines der großen Probleme damals war der Smog. "Wir haben einen Rückgang des Schwefeldioxids um 97 Prozent seit den 60er-Jahren bis heute, das ist wirklich eine ganz große Erfolgsstory", sagt Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes.

Jochen Flasbarth im Gespräch mit Georg Ehring

Das Ruhrgebiet versinkt im Smog: Ein Blick vom Essener Rathaus am 17.1.1985 auf die Essener Innenstadt (AP)
Das Ruhrgebiet versinkt im Smog: Ein Blick vom Essener Rathaus am 17.1.1985 auf die Essener Innenstadt (AP)

Georg Ehring: "Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!" Die Forderung von Willy Brandt am 28. April 1961 gilt als ein früher Startpunkt der Umweltpolitik in Deutschland. In der Tat hat sich die Luftqualität nicht nur im Revier seitdem drastisch verbessert, auch wenn viele Menschen Anfang der 1960er-Jahre noch der Ansicht waren, dass Wirtschaftswachstum immer Vorrang haben müsse vor dem Schutz der Umwelt. Jochen Flasbarth ist in Duisburg-Rheinhausen aufgewachsen und geboren, heute ist er Präsident des Umweltbundesamtes in Dessau. Mit ihm habe ich vor dieser Sendung über die Folgen dieser Forderung gesprochen, und ich habe ihn auch gefragt, wie er die Qualität der Umwelt in seiner Kindheit und Jugend erlebt hat.

Jochen Flasbarth: Willy Brandt war ja seiner Zeit weit voraus. Ich habe das ja dann selber erst etliche Jahre, fast ein Jahrzehnt später als Kind wahrgenommen, und da war die Situation noch sehr dramatisch. Es gab enorme Schadstoffbelastung, die man auch schmecken, riechen, fühlen konnte, sehen konnte, es gab Smogalarm, auch alles Zeichen für eine wirklich ganz gewaltige Umweltbelastung.

Ehring: Wie machte sich das denn im Alltag bemerkbar?

Flasbarth: Ein Indiz, dafür, wie schlecht die Situation war, konnte man beispielsweise daran ablesen, dass es in manchen Wetterlagen nicht möglich war, die Wäsche zum Trocknen nach draußen aufzuhängen, weil der Staub, in dem Fall der Kupferhütte, der rote Staub der Kupferhütte so gegenwärtig war, so stark war, dass die Wäsche dabei stärker verschmutzt worden wäre, als sie vorher gewaschen worden ist. Es war schon sehr fühlbar und spürbar.

Ehring: Das ist ja seitdem in den letzten Jahrzehnten drastisch besser geworden, aber es sind auch Zechen und Kokereien beispielsweise verschwunden. War das ein Erfolg der Luftreinhaltepolitik oder war das eine logische Folge der Deindustrialisierung des Ruhrgebietes?

Flasbarth: Das war natürlich beides – und ich glaube, von Deindustrialisierung kann man in dem Sinne auch gar nicht sprechen, wir haben ja noch sehr viel Industrie im Ruhrgebiet, glücklicherweise, es sind auch Unternehmen, Betriebe geschlossen worden, die sind auch zum Teil ins Ausland abgewandert, aber jetzt die Verbesserung der Situation darauf allein zu reduzieren, wäre sicherlich falsch. Wir haben in den Unternehmen enorme Anstrengungen, wir haben Schadstoffreinigung, wir haben integrierte Prozesse, die zu sehr viel besseren Umweltsituationen führen, sodass dieses gesamte Programm am Ende auch ein Modernisierungsprogramm für die Industrie war, und das Ruhrgebiet ja heute auch wirtschaftlich durchaus gut dasteht.

Ehring: Gibt es denn da wichtige Meilensteine, zum Beispiel Verordnungen, die da besonders stark gewirkt haben, bestimmte Schadstoffe besonders stark reduziert haben?

Flasbarth: Ja, das ist ganz sicherlich überhaupt die Einführung der Emissionsschutzgesetzgebung, also der Luftreinhaltegesetzgebung, beginnend in den 60er-Jahren, ein ganz enormen Schub hat es dann noch mal später gegeben mit der Großfeuerungsanlagenverordnung, die zur Entschwefelung der Industrieprozesse beigetragen hat. Eines der großen Probleme war ja beispielsweise der Smog, sehr stark auf Staub, aber eben auch auf Schwefeldioxid zurückzuführen, da gibt es eine Entwicklung, die kann man fast kaum glauben, oder damals hätte man sie sich jedenfalls nicht vorstellen können: Wir haben einen Rückgang des Schwefeldioxids um 97 Prozent seit den 60er-Jahren bis heute, es sind nur noch drei Prozent der damaligen Belastung übrig geblieben, und ich glaube, das ist wirklich eine ganz große Erfolgsstory.

Ehring: Richtig sauber ist die Luft im Ruhrgebiet allerdings noch nicht. Wo gibt es den größten Handlungsbedarf derzeit?

Flasbarth: Ja, das teilt das Ruhrgebiet mit vielen anderen Regionen Deutschlands. Man kann heute zum Glück nicht mehr sagen, dass das Ruhrgebiet etwa das Schmuddelkind der Nation wäre, aber wir haben hier auch Belastungen, die uns Sorge machen, wie in anderen Ballungsräumen auch, beispielsweise die Feinstaubbelastung, die Stickstoffbelastung, die im Wesentlichen heute auf den Verkehr zurückzuführen sind, zum Teil auch noch auf Industrieprozesse – das ist mehr so stark wahrnehmbar, aber es ist eine Herausforderung, beispielsweise durch Feinstaub werden Atemwegserkrankungen ausgelöst, also hier gibt es, noch was zu tun.

Ehring: Was gibt es zu tun?

Flasbarth: Vor allem müssen wir den Verkehr umweltfreundlicher gestalten. Wir müssen, wo immer es geht, die öffentlichen Verkehre stärken, wir müssen Radverkehr, Fußverkehr attraktiv machen und dann müssen wir den verbleibenden Autoverkehr so umweltfreundlich wie möglich gestalten. Dazu können Umweltzonen und müssen wohl auch in der Übergangszeit einen wesentlichen Beitrag leisten, dafür bietet sich auch das Ruhrgebiet an, allerdings muss man sie dann groß genug ausweisen, und sie müssen auch relativ streng sein, sonst wirken sie nicht.

Ehring: Viele Schwellenländer stehen ja heute vor Herausforderungen, die das Ruhrgebiet damals zu bewältigen hatte. Welche Lehren können Sie denn daraus ziehen?

Flasbarth: Das Wichtigste ist natürlich, dass sie von den Prozessen, die wir schon durchlaufen haben, also von den Technologieentwicklungen heute profitieren können – das tun ja viele Entwicklungsländer, viele Schwellenländer auch in der Abwassertechnik, in der Luftreinhaltetechnik. Wir können auch einige Fehler vermeiden, die wir durchlaufen haben, indem sie gleich in integrierte Konzepte gehen, also gar nicht erst mehr End-of-Pipe-Technologien, wie wir das ja früher genannt haben, also die Politik der hohen Schornsteine verfolgen, sondern versuchen, die Probleme gleich an der Quelle zu beseitigen.

Ehring: Herzlichen Dank! Das war Jochen Flasbarth, der Präsident des Umweltbundesamtes zur Forderung von Willy Brandt von vor 50 Jahren: Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden!

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