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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturKeine dramatischen Szenarien04.03.2013

Keine dramatischen Szenarien

"Zwei Grad mehr in Deutschland" und "Die Klimafalle"

Zwei neue Bücher widmen sich dem Klimawandel. Beide verbindet ein interdisziplinärer Ansatz. Doch in "Zwei Grad mehr in Deutschland" wird versucht, die Klimaentwicklung bis 2040 und ihre Folgen realistisch darzustellen und in "Die Klimafalle" werden die Wissenschaftler unter die Lupe genommen.

Von Georg Ehring

In den nächsten Jahrzehnten kann laut Gerstengarbe und Welzer der Klimawandel für Deutschland sogar manche Vorteile haben. (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)
In den nächsten Jahrzehnten kann laut Gerstengarbe und Welzer der Klimawandel für Deutschland sogar manche Vorteile haben. (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)

"Zwei Grad mehr in Deutschland – wie der Klimawandel unseren Alltag verändern wird". Die Autoren haben sich für ihre Analyse einen relativ kurzen Zeithorizont ausgesucht, in dem die Veränderungen des Klimas noch überschaubar sind. Sie nähern sich dem Thema mit wissenschaftlicher Akribie und berechnen Szenarien, wie sich Temperaturen, Niederschläge und Extremwetter wie Stürme und Überschwemmungen entwickeln könnten – und welche Folgen dies für den Menschen hätte. Dem Leser wird einiges an naturwissenschaftlicher Grundbildung zugetraut:

"Dabei zeigt sich, dass ein Ereignis wie der heiße Sommer 2003, der bis dahin noch nie beobachtet worden war, einen Ausreißer mit einer Wärmesumme von 222 Kelvin darstellt. Ähnliche Extremfälle treten zwischen 2031 und 2050 gleich dreimal auf. Das heißt, dass sich die Gefahr von Hitzewellen gegen Ende des Simulationszeitraums deutlich erhöht."

Die mit vielen Grafiken illustrierten Szenarien gehen sehr ins Detail. Das bringt manche Überraschung - so wird in den Mittelgebirgen im Winter eher mehr Schnee liegen als weniger. Die Genauigkeit geht aber auch auf Kosten der Übersichtlichkeit. Die häufig dramatischen Folgen des Klimawandels schildern die Autoren allerdings deutlich:

"In der Regel stellt auch eine extreme Sommerhitze wie im Jahr 2003 für einen gesunden Erwachsenen keine Lebensgefahr dar. Allerdings kann sie durchaus ein Auslöser von Krankheiten sein, und vor allem für Ältere und Kranke kann die Hitzebelastung zu viel werden und im schlimmsten Fall zu einem verfrühten Tod führen."

In den nächsten Jahrzehnten hat der Klimawandel für Deutschland sogar manche Vorteile,– auch dies gehört zur Diagnose von Gerstengarbe und Welzer. Vor allem für die Landwirtschaft. Einen großen Raum nimmt die nötige Anpassung an den Klimawandel ein. Wenn zeitig und klug investiert werde, wären die Veränderungen in den nächsten Jahren zu verkraften, so das Resümee der Autoren. Wobei sie ausdrücklich auf den begrenzten Zeithorizont bis zur Mitte des Jahrhunderts hinweisen.

"Danach wird sich das Klima weiter erwärmen – abhängig von unseren Emissionen um drei, vier oder mehr Grad in den kommenden 100 Jahren. Dass unter diesen Bedingungen noch Anpassung möglich ist, wie sie für einen moderaten Klimawandel in diesem Buch beschrieben werden, kann bezweifelt werden."

Wer sich von einer zum Teil sehr fachlichen Sprache und vielen Details nicht verwirren lässt, bekommt durch das Buch eine Vorstellung, was der Klimawandel Deutschland in den nächsten Jahrzehnten bringen könnte. Dramatisierung ist nicht Sache der Autoren und dies begründen sie auch:

"Die Verwendung von Schreckensszenarios zu politischen Zwecken ist eine zweischneidige Sache. Sie erscheint berechtigt, wenn eine reale Gefahr gegeben ist, die nicht hinreichend wahrgenommen wird. Gleichzeitig kann diese Strategie auch politisch missbraucht werden. Außerdem kann sie ihre Wirkung verlieren, wenn zu oft Warnungen laut werden, die im Rückblick übertrieben erscheinen."

Gerade dieser Vorwurf ist für die Autoren eines anderen Klimabuches nur allzu berechtigt. Es heißt "Die Klimafalle" und ist ebenfalls ein Produkt der Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen. Der Klimawissenschaftler Hans von Storch widmet sich zusammen mit dem Ethnologen Werner Krauß seiner eigenen Zunft – und sieht Forscher wie Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung auf Abwegen, wenn sie mit wissenschaftlicher Autorität etwa das Festhalten an dem Ziel fordern, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.

"Wenn wir es aufgeben, haben wir schon verloren. Also: Wir sollten es nicht aufgeben, und alle Zahlen sprechen auch dafür, dass es erreichbar ist, auch wenn es eine große Anstrengung bedeutet."

Für von Storch und Krauß käme eine solche Forderung Politikern zu. Wissenschaftler täten gut daran, sich auf die Forschung und Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse zu konzentrieren. Wer sich in die Politik begebe, beeinträchtige am Ende die eigene Glaubwürdigkeit – zumal viele Wissenschaftler im Dienst der vermeintlich "guten Sache" zu Übertreibungen neigten:

"Die Kommunikationsstrategie bestand im Wesentlichen darin, die möglichen dramatischen Folgen des menschengemachten Klimawandels zu beschreiben. Es ging um Wachrütteln, um Aktion einfordern. Dazu durfte auch mal übertrieben oder zugespitzt werden, was auch den Interessen der Medien entgegenkam."

Der Preis der Übertreibung sei der Verlust der Überparteilichkeit: Die Wissenschaft liefere dann keine für alle annehmbare Datengrundlage mehr, sondern schlage sich auf eine bestimmte Seite – und zwar auf die Seite derer, die entschiedenen Klimaschutz fordere, vor allem durch eine Beschränkung des Ausstoßes von Treibhausgasen. Es gebe aber auch andere Möglichkeiten zur Reaktion, etwa die Anpassung an den Klimawandel. Doch die seien lange Jahre fast als Tabu behandelt worden. Die Einseitigkeit vieler Wissenschaftler habe dazu beigetragen, dass klimawandelskeptische Strömungen in der Öffentlichkeit Gehör finden. Belegt wird die These von der Grenzüberschreitung mit einer ausführlichen Geschichte der Klimaforschung. Eine große Rolle spielen dabei die Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens – etwa in der Affäre um illegal angezapfte E-Mails von Klimaforschern. Im Zentrum des Werkes steht das öffentliche Auftreten von Wissenschaftlern und Klimaskeptikern. Die Auseinandersetzung um Wahrheit und Vorherrschaft in der Öffentlichkeit wird über die konventionellen Medien und heute auch über Blogs der Beteiligten ausgetragen. Von Storch und Krauß stellen sie vor und schreiben gerade hier ausführlich über sich selbst: Ihr Blog "Die Klimazwiebel" bemüht sich wie kein anderer um einen Dialog zwischen den verfeindeten Lagern.

"Die Strategie, Skeptiker auszugrenzen, erweist sich als fatal. Wir finden es vielmehr wichtig, einen Dialog zwischen Warnern und Skeptikern zu etablieren."

Auch wenn die Debatte in den vergangenen Jahren sachlicher geworden sei – das "Unsicherheitsmonster" werde viel zu wenig beachtet, also der Umstand, dass man über Ausmaß, Verlauf und Folgen des Klimawandels weniger wisse als viele Forscher offenbar glauben. Zur Unsicherheit gehört allerdings auch die Möglichkeit, dass der Klimawandel drastischer und schneller verlaufen könnte als von der Mehrheit der Wissenschaftler vorhergesagt – eine Möglichkeit, auf die die Autoren nicht eingehen. In dem Werk schwingt vielmehr eine Erwartung mit, dass die Entwicklung auch weniger dramatisch verlaufen könnte. Doch den Autoren geht es eigentlich um etwas anderes:

"Die Wissenschaft liefert das Rohmaterial für eine große Klimaerzählung, die unsere Wahrnehmung und mediale Darstellung des Klimawandels heute immer noch weitgehend bestimmt. Sie löste die Schreckensszenarien des Kalten Krieges und die Angst vor dem Atom ab und überführte sie in das 21. Jahrhundert. Eine Erzählung, die von den Klimaforschern mit in die Welt gesetzt wurde und die ihnen immer wieder außer Kontrolle gerät."

Schließlich entwickeln die Autoren ihre eigenen Vorstellungen von einer vernünftigen Reaktion auf den Klimawandel: Die Strategie weltumspannender Abkommen ist für sie gescheitert, Anpassung an das Unvermeidliche und Verringerung der Treibhausgasemissionen entsprechend den Möglichkeiten vor Ort die Alternative:

"Das Beispiel Nordfriesland und vieler anderer Regionen und Städte weltweit zeigt uns, dass die Menschen konstruktiv mit dem Klimawandel umgehen; vor allem auf regionaler Ebene steht die Klimapolitik keinesfalls still."

Ob von Storch und Krauß mit diesem politischen Programm ebenfalls in die Klimafalle tappen, die sie vielen Fachkollegen vorwerfen, darüber lohnt es sich zu streiten. Ihr Buch leistet einen Beitrag zur Klimadiskussion. Das ist eine Stärke dieses Werks. Auch Naturwissenschaftler haben zur Klimapolitik einiges beizutragen, und es ist spannend zu lesen, wie die Autoren genau das tun, was sie ihren wissenschaftlichen Konkurrenten vorwerfen. Der Leser findet eine detailreiche und spannend geschriebene Darstellung der Auseinandersetzungen innerhalb der Klimawissenschaften und darüber hinaus – auch eine Aufforderung, selbst über das Thema nachzudenken und eine eigene Position zu beziehen.


Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe / Harald Welzer (Hg.): Zwei Grad mehr in Deutschland. Wie der Klimawandel unseren Alltag verändern wird, Fischer Taschenbuch, 320 Seiten, 12,99 Euro, ISBN: 978-3-59618-910-6

Hans von Storch / Werner Krauß: Die Klimafalle. Die gefährliche Nähe von Politik und Klimaforschung, Hanser Verlag, 248 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-44643-507-0

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