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Keine Heimkehr des verlorenen Sohnes

Milan Kundera erhält den tschechischen Staatspreis in Abwesenheit

Von Peter Hornung

Blick über die Altstadt von Prag (AP Archiv)
Blick über die Altstadt von Prag (AP Archiv)

Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera lebt seit Jahrzehnten in Paris und schreibt auf Französisch. Mit seinem Heimatland steht er seit langem auf Kriegsfuß steht. So hat er Neuauflagen seiner Bücher auf Tschechisch verboten. Am kommenden Sonntag soll Kundera die wichtigste Auszeichnung Tschechiens auf dem Gebiet der Literatur erhalten.

Er wird nicht kommen, das wissen sie schon seit Tagen. Kurz nachdem die Entscheidung der Jury bekannt gegeben worden war, kam auch schon Post aus Paris, so Pavla Petrova, Sprecherin des Kulturministeriums.

" Der Minister hat einen Brief erhalten, in dem Milan Kundera erklärt, aus gesundheitlichen Gründen den Staatspreis nicht selbst übernehmen zu können. Er freue sich aber sehr über diesen Preis. Herr Kundera hat uns eine Begrüßungsrede aufgenommen, die wir bei der Zeremonie abspielen werden. "

Kundera wollte ohnehin nicht kommen, heißt es hinter vorgehaltener Hand, denn schon seit Jahrzehnten gibt es mehr, was ihn trennt von seinem Heimatland, als was ihn verbindet. Sein gespaltenes Verhältnis zu Tschechien geht zurück auf das Jahr 1968. Damals, kurz nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen, schrieb Kundera voller Optimismus in einem Essay, das Land werde aus der Niederschlagung der Demokratiebewegung gestärkt hervorgehen, nach dem Ende des Prager Frühlings sah Kundera einen "Sozialismus ohne Geheimpolizei" herannahen. Vaclav Havel, der Dramatiker und spätere Staatspräsident, bezichtigte Kundera darauf der Geschichtsklitterung, Kunderas Vorstellungen seien unrealistisch und kitschig, "eine demagogische Selbsttäuschung". Mit Dissidenten wie Havel konnte Kundera fortan nicht mehr, und mit dem Regime auch nicht. 1978 ging er nach Paris, wo er bis heute lebt. Trotzdem: Tief im Herzen sei er noch Tscheche, sagt Ales Hamas, Vorsitzender der Jury für den Staatspreis.

" Ich denke, dass er tatsächlich ein tschechischer Schriftsteller ist durch seine Wurzeln. Sprachlich ist er heutzutage Franzose, und die Franzosen halten ihn für einen französischen Schriftsteller. Ich glaube aber, dass die Wurzeln nie gekappt wurden, und dass er sich immer noch als Tscheche fühlt. "

Deshalb zeichne man ihn auch nun aus, für sein berühmtestes, 1985 erschienenes Buch "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". dass dies erst im Jahr 2007 geschieht, hat einen einfachen Grund. In autorisierter tschechischer Übersetzung gibt es das Werk erst seit vergangenem Jahr. Kein Einzelfall, immer wieder hat sich Kundera gegen die Übersetzung seiner französisch geschriebenen Bücher ins Tschechische gesträubt. Wenn, dann wollte er sie selbst übersetzen, sagt der Kulturjournalist Karel Sedlacek. Er wolle eben, dass die Übersetzungen authentisch seien:

" Dieses scheinbare Unrecht am tschechischen Leser hat aber auch einen anderen Aspekt. Das ist der Beweis, was das tschechische Milieu für Milan Kundera eigentlich heißt. Welche Bedeutung misst er ihm zu? "

Das genau fragen sich viele Tschechen - und empfinden die Tatsache, dass gerade jüngere Werke des Schriftstellers noch immer nicht auf Tschechisch vorliegen fast als Beleidigung. Es sei "paradox, dass Kundera den Tschechen vorenthalte, seine Werke kennen zu lernen", schrieb eine liberale Prager Tageszeitung gerade. Man könne nur hoffen, dass die jetzige Auszeichnung dazu führe, dass bald mehr seiner Bücher in seiner Muttersprache erscheinen. dass Kundera sie aber wieder selbst übersetzt, das sei gar nicht unbedingt wünschenswert, so der Übersetzer Robert Novotny:

" Er aber ist in seinem Text gefangen, und vom Französischen, in dem er schreibt, kann er sich nicht frei machen und alle möglichen (sprachlichen) Erscheinungen und Worte richtig ins Tschechische zu übersetzen. "

Auch wenn die Person Milan Kundera in Tschechien wohl mehr Gegner hat als Freunde: Seine Bücher werden gelesen, und wenn es sein muss, auch in illegalen, nicht autorisierten Übersetzungen, Schwarzdrucken. Kein Wunder, sagt Übersetzer Novotny, das sei eine Art Notwehr der Tschechen gegen diesen schwierigen Preisträger.

" Man muss solche Bücher wie früher im Kommunismus quasi unterm Ladentisch kaufen. dass jemand auf eigene Faust versucht hat, sie zu übersetzen, finde ich absolut normal. "

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