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StartseiteEine WeltKeine Homo-Ehe in Taipeh16.02.2013

Keine Homo-Ehe in Taipeh

Asiens langer Weg zur rechtlichen Gleichstellung von Schwulen und Lesben

Die jährliche Pride-Parade in Taiwans Hauptstadt Taipeh zieht inzwischen über 50.000 Teilnehmer an. Doch alle Bemühungen, als erstes asiatisches Land eine gleichgeschlechtliche Ehe einzuführen, sind bisher gescheitert. Sowohl auf politischer als auch auf der juristischer Ebene.

Von Martin Aldrovandi

Gay Pride March in Taipeh 2012 (picture alliance / dpa /David Chang)
Gay Pride March in Taipeh 2012 (picture alliance / dpa /David Chang)
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Frankreichs Parlament für Homo-Ehe

Mit einem Stempel ist alles erledigt: Chen Ching-hsueh und Kao Chih-wei ziehen ihre Klage gegen die Stadt Taipeh zurück. Hier im Obersten Verwaltungsgericht der taiwanischen Hauptstadt endet der Fall der beiden Männer, die mit der ersten offiziellen gleichgeschlechtlichen Ehe in Asien Geschichte schreiben wollten. Man sei von der Justiz enttäuscht, sagt der 40-jährige Chen Ching-hsueh.

"2005 haben wir uns verlobt, 2006 dann geheiratet. Wir wollen doch nur, dass unsere Beziehung anerkannt wird. Weshalb erhalten wir bis heute nicht einfach unser Recht? Mit dem Rückzug der Klage wollen wir zeigen, dass wir das Vertrauen in die Justiz verloren haben."

Im Familien- und Freundeskreis feierten die beiden Männer ihre Hochzeitszeremonie. Vor eineinhalb Jahren wollte das Paar seine Beziehung schließlich auch amtlich eintragen lassen. Als die zuständige Behörde dies ablehnt, reichen die zwei Männer eine Klage beim Verwaltungsgericht der Stadt ein. Sie berufen sich darauf, dass das taiwanische Zivilgesetz eine Ehe zwischen zwei Männern nicht explizit ausschließe.

Doch das für Ende Dezember erwartete Urteil fällt aus. Stattdessen kündigt das Gericht an, den Fall an das Verfassungsgericht weiterzuleiten, nur um ihn Mitte Januar erneut hinauszuschieben.

Chen Ching-hsueh (re) und sein Partner Kao Chih-wei (li) nach dem Urteil des Verfassungsgerichts (picture alliance / dpa /David Chang)"Chen Ching-hsueh (re) und sein Partner Kao Chih-wei (li) im Taipeher Verwaltungsgericht (picture alliance / dpa /David Chang)Die zwei Männer verlieren die Geduld, entscheiden sich aufzugeben. Auch von einem letzten Anruf ihrer Anwälte lassen sie sich nicht mehr umstimmen. Es sei demütigend, sagt Chen Ching-hsueh sich von einem Gericht sagen zu lassen, ob seine langjährige Beziehung Gültigkeit habe.

Mitte Januar haben sich Aktivisten nochmals vor dem Gerichtsgebäude versammelt. "Gebt uns unser Recht auf die Homo-Ehe" ruft Wu Shao-wen. Sie ist die Generalsekretärin der NGO Taiwan LGBT Family Rights Advocacy, die sich für Ehe- und Adoptionsrechte von Homosexuellen starkmacht.

Dass das Paar seine Klage zurückziehe, sagt Wu, sei zwar schade, man respektiere die Entscheidung aber:

"Auch wenn die beiden jetzt aufgeben, es wird noch ein zweites und ein drittes Paar geben, das seine Rechte einklagen will. So schnell wird das nicht enden. Wir werden jetzt andere homosexuelle Paare suchen, die bereit sind weiterzumachen."

Nicht nur die Gerichte, auch die Regierung sei dafür verantwortlich, sagt Wu Shao-wen, dass Chen Ching-hsueh und Kao Chih-wei noch immer nicht offiziell heiraten dürfen. Eine vom Justizministerium in Auftrag gegebene Studie kam im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass von drei verschiedenen Modellen, die eingetragene Partnerschaft, wie es sie in Deutschland, gibt am besten zu Taiwan passen würde. Doch Taiwans Regierung ist zurückhaltend, erklärt Aktivistin Wu:

"Das Justizministerium sollte dem Parlament einfach einen Gesetzentwurf vorlegen. Stattdessen will es jetzt noch die Situation in asiatischen Ländern untersuchen, in denen es keine Homo-Ehe gibt. Es geht offensichtlich nur darum, Ausreden zu finden, um das Ganze hinauszuschieben. Das finde ich verantwortungslos."

Im Zuschauerraum des Gerichtes sitzt Chi Chia-wei. Der bekannte Gay- und AIDS-Aktivist hat keine Anhörung des Paares ausgelassen. Bereits in den 80er-Jahren versuchte er selbst eine gleichgeschlechtliche Ehe einzugehen – jedoch ohne Erfolg.

In den vergangenen 30 Jahren, sagt Chi Chia-wei, habe sich zumindest die Einstellung der taiwanischen Gesellschaft gegenüber Schwulen und Lesben verbessert:

"Damals wurden Homosexuelle von der Gesellschaft generell nicht akzeptiert. Homosexualität wurde als Krankheit gesehen, man sah Schwule und Lesben als pervers an. Heutzutage ist man inzwischen soweit, dass man wenigstens die Homosexuellen akzeptiert, die nicht zur eigenen Familie gehören."

Denn während Homosexualität in Taiwan – anders als im Westen - nie offiziell verboten war, leiden Taiwans Lesben und Schwule unter konfuzianischen Wertvorstellungen ihrer Familien. Vor allem von den Söhnen wird in der Regel erwartet, dass sie heiraten und den Stammbaum weiterführen.

Nicht weniger als eine Revolution dieser Werte schwebt Lu Shih-wei vor. Sie arbeitet als Anwältin für eine Vereinigung mit dem etwas sperrigen Namen: "Allianz zur Förderung der Rechte von zivilen Partnerschaften". Man fordere selbstverständlich auch die Öffnung der Ehe, sagt Lu. Doch damit gebe man sich nicht zufrieden. Lus Organisation will weitere Änderungen im taiwanischen Zivilrecht:

"Auch Menschen die nicht unbedingt eine Liebesbeziehung oder Sex miteinander haben - zum Beispiel enge Freunde – sollten eine Partnerschaft eingehen können. Und wir wollen auch, dass Menschen, die nicht blutsverwandt sind, sich als Familie eintragen, und so gemeinsam Verantwortung übernehmen und füreinander sorgen können."

Um das zu erreichen, hat Lus Organisation vergangenen Herbst eine Petition gestartet. Prominente Unterstützung erhält sie von taiwanischen Stars, auch der Vorsitzende der Oppositionspartei hat bereits unterschrieben, doch die Resonanz in der Gesellschaft ist ernüchternd: Obwohl man potenziellen Unterstützern versichere, dass ihre Namen nicht veröffentlicht würden, sagt Lu, trauten sich viele Homosexuelle dennoch nicht zu unterschreiben - aus Angst vor Diskriminierung.

Chen Ching-hsueh und Kao Chih-wei, die mit ihrer Klage so viel Aufmerksamkeit erregt haben, sie bedanken sich bei den Mitarbeitern des Gerichts, Chen winkt zwei Polizisten zu. Man kennt sich inzwischen.

Vor dem Gerichtsgebäude stellen sich die beiden Männer ein letztes Mal vor die Kameras. Sie verbeugen und entschuldigen sich bei all jenen, die sie mit dem Rückzug ihrer Klage enttäuscht hätten. Nach zehn Jahren Beziehung seien sie selbst längst bereit für all die Rechte und Pflichten, die eine Ehe mit sich bringe, sagt Chen Ching-hsueh, nur Taiwan sei offenbar noch nicht soweit.

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