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StartseiteBüchermarktKeine konventionelle Metaphernsprache27.05.2008

Keine konventionelle Metaphernsprache

Farhad Showghis Prosagedichte sind Türöffner für die Bedeutung der Wörter

Der deutsch-iranische Schriftsteller Farhad Showghi ist gleich in mehreren Sprachen aufgewachsen. Sein neuester Band mit Prosagedichten heißt "Die große Entfernung". Die formale Besonderheit aller seiner Gedichte besteht darin, dass die Wörter innerhalb einer intakten Syntax vorsichtig aus ihren Sinnzusammenhängen gelöst werden, sodass eine Welt voller Eindrücke entsteht, die noch nicht an konventionelle Bezeichnungen gebunden sind.

Von Dorothea Dieckmann

Was befindet sich dahinter? (Stock.XCHNG / Dora Pete)
Was befindet sich dahinter? (Stock.XCHNG / Dora Pete)

Wie oft muss ich ein Zimmer betreten, um ein Zimmer zu haben? Ein Zimmer, das auch mein Sprechzimmer ist? Wie oft muss ich hinaus und von hier aus gehörig wieder zurück? Was heißt das, aus der Landschaft zum Sprechen zu kommen, etwas zu empfangen, das auch fragt, sprechend gegenübersitzt? Ist das schon jemand, der unter meinem Namen augenblicklich zu heißen beginnt? Sollte ich nicht erst einmal einen Spaziergang machen?

Das Zimmer, die Landschaft, die Sprache, das Sprechzimmer, der Spaziergang: Farhad Showghis Gedichte haben einen Grundwortschatz von hoher Wiedererkennbarkeit. Der Deutsch-Iraner, der wie nur wenige den Namen Dichter verdient, betreut in seinem Beruf als Psychiater afghanische und iranische Patienten. In seinem ärztlichen Sprechzimmer ertönen Erzählungen von Krieg und Traumata in seiner Vatersprache Farsi. Das Zimmer in seinen meist kurzen lyrischen Prosatexten ist Ausgangspunkt tastender Erkundungen des Sprachraums. Die Wortgegenstände werden zum sprechenden Gegenüber, zum Ort der Begegnung von Erinnerungen, Ausblicken und Landschaften. Schon in dem Band "Ende des Stadtplans" bilden Wand, Tapete, Teppich und Fenster durchlässige Grenzen, an denen sich die Umgebung verwandelt und in nächster Nähe die "große Entfernung" sichtbar wird, die nun dem neuen Band den Titel gibt. Sie bildet das Sehnsuchtsmotiv von Showghis persischer Herkunft. Der gleichnamige Zyklus ist eine Arbeit an der Erinnerung - im "Ferngespräch" mit einem Foto des Vaters:

Der Vater dreht den Kopf, ruft in meine Augen, hat Hände bekommen. Über nahe Äste lassen die Bäume ihren Willen laufen. Und ich komme gleich ins Zimmer zurück, zu den grob gekörnten Fernen der Fasertapeten.

Die Jury des Klagenfurter Bachmannwettbewerbs ehrte diesen Zyklus mit einem Preis, zeigte sich aber irritiert von den Wiederholungen und Variationen, mit denen er den Punkt umkreist, an dem die physischen und zeitlichen Räume aufgehoben werden. Dabei entsteht gerade in dieser Bewegung die Ahnung vom Ursprung der Sprache, an dem Welt, Ich und Wort zusammenfinden. "Ich schaue nach, was sich mit was in Deckung bringt", heißt es an einer Stelle, und das dem Dichter Gennadij Ajgi entliehene Motto lautet: "Ganz aus 'seele' bestand der begriff 'hier'." Diese Seele, dieser Moment vollkommener Anwesenheit und geglückten Seins kann nicht durch eine konventionelle Metaphernsprache erpresst werden, sondern stellt sich in vielfachen Bedeutungsverschiebungen ein, gleich dem Déjà-vu, das bei Marcel Proust die Erinnerung weckt. So endet Showghis Vatersuche an seinem Hamburger Zimmerfenster mit einem Ausblick auf Teheran:

Ein Schlaflied beginnt die Sprache zu wechseln, will mir aber noch das Richtige nennen am Grund des Lakens, dem Nachmittag seine Sachen zurückbringen. Ich schaue zum Fenster. Die Pässe haben sich ernsthaft aufgerafft, wieder Pässe zu werden. An die Westfront des Massivs hängen sie Lastwagenrauch, flüssig sich windend in klarer Luft, eine ganze Handelskarawane.

Fünf Zyklen umfasst der Band "Die große Entfernung." Die formale Besonderheit aller Prosagedichte besteht darin, dass die Wörter innerhalb einer intakten Syntax vorsichtig aus ihren Sinnzusammenhängen gelöst werden. So entsteht die Anmutung einer neuen und gleichwohl originären Sprache, die den Reichtum eines vorsprachlichen Zustandes bewahrt, sei es in der Sekunde vor dem aktuellen Sprechen, sei es in der Kinderzeit vor dem Spracherwerb. Es ist eine Welt voller Eindrücke, die noch nicht an konventionelle Bezeichnungen gebunden sind, und umgekehrt: eine Welt voller Wörter, deren Bedeutung noch schweifend, komplex, ja magisch ist. Umso signifikanter ist für einen Autor, der in mehreren Sprachen aufgewachsen ist, die Differenz zwischen den klanglich und semantisch unterschiedlichen Wörtern, die mit ihrer jeweiligen Geschichte an den Dingen haften.

Ich laufe zur Tür. Genauer gesagt zum Wort Tür. Um hinauszukommen. Die Tür heißt Dar und Dar heißt die Tür. Es geht die Tür, fremd mit Dar, wenn ich von einem Raum in den andern gelange. Einzuholen ist das, was Tür und Dar nicht werden, aber flankieren können. Es gibt dafür eine gültige Schrecksekunde. Ich fahre zusammen. Wenn die Tür sich als Dar am natürlichsten öffnet. Oder umgekehrt. (...) Zwischen Dar und Tür. Wurde ich betäubt und in ein schattiges Zimmer getragen. Um ein Haar schmeckte die Maulbeere süß. (...) Um ein Haar. Den Bedeutungen voraus. Heben Dar und die Tür sich gegenseitig aus den Angeln.

Farhad Showghis Prosagedichte sind Türöffner, die das Geheimnis der Bedeutung erschließen. Sie führen zusammen, was, wie es bei Hölderlin heißt, "nahe wohnt auf getrenntesten Bergen": die Welt der Sinne und die Welt der Zeichen, die Fremdsprachen, die Pole der Erinnerung, die Entfernung zwischen den Ländern. Seine Sprachschöpfungen berühren die Schwelle zwischen den "Sprechzimmern" - eine Schwelle, die man nur unbewusst oder mit höchster Aufmerksamkeit betreten kann. Genau diese Stimmung zwischen Intensität und Leichtigkeit entsteht bei der Lektüre. Wer sich auf diese Weise einlässt, unbekümmert um die engen Vorschriften der Verständlichkeit, wird empfänglich für die innersten Zusammenhänge zwischen Dingen, die "vergleichsweise unverwandt" sind - wie die Landschaften von Nord und Süd, Lärche und Korbeiche:

Gehen schon einmal deutlich hervor: Zweige der Lärche. Und die Luft dort mit anderer Luft: Weht vergleichsweise unverwandt auch von den Korbeichen los. Ohne zu haften wie der Anschein des Richtigen. Zum Beispiel wie die kleine oder die große Furcht. Die jetzt woanders beflügelt sein müssten. Statt lichterloh mit dem Goldbraun verschwistert. Für die Augen, mitten im Fenster.

Farhad Showghi, Die große Entfernung.
Urs Engeler Editor 2008

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