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StartseiteKultur heuteKeine Pietät10.02.2009

Keine Pietät

Zu den Enthüllungen von Tilman Jens über seinen Vater Walter Jens

Walter Jens hat fast ein halbes Jahrhundert lang ein publizistisches und rhetorisches Wächteramt ausgeübt: stets auf der Seite der Schwachen, stets gegen fundamentalistisch geprägte Uniformität eintretend. Um so schockierter war sein Sohn Tilman Jens, als im Jahr 2003 in einer SPIEGEL-Geschichte die Mitgliedschaft in der NSDAP von Walter Jens aufgedeckt wurde. In seinem in Kürze erscheinenden Buch "Demenz - Abschied von meinem Vater" rechnet er mit diesem ab.

Von Christian Gampert

Der deutsche Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Walter Jens (AP)
Der deutsche Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Walter Jens (AP)

In den 1970-er Jahren gab es eine ganze Welle von literarischen Versuchen, deren Autoren sich am eigenen Vater abarbeiteten. Manchmal war es auch die Mutter: Peter Handkes "Wunschloses Unglück", 1972 erschienen, ist der Prototyp solch lakonisch verdichteter Lebensbeschreibung, eine literarische Trauerarbeit.

Das vielleicht melancholischste und brutalste Vater-Buch stammt von Paul Kersten: "Der alltägliche Tod meines Vaters" ist ein Bericht über das Sterben - und über eine lebenslange ungewollte Fremdheit, die auch am Totenbett nicht aufzuheben ist. Der krebskranke, weinende Vater zieht sich die Decke über den Kopf, weil er sich seiner Tränen schämt; der Sohn steht sprachlos dabei. Viel später, als er den Rasierapparat des inzwischen gestorbenen Vater aufräumen will, findet der Sohn die Bartstoppeln des Toten. Das lässt ihn innerlich zusammenbrechen, und das ist der Auslöser seines Schreibens.

Kerstens großartiges und leider vergessenes Buch ist 1978 erschienen. Wenn wir es heute aus dem Regal nehmen und darin lesen, wird uns klar, in welch veränderten Zeiten wir leben. Bei Kersten geht es um eine Beziehung, um die Suche nach Nähe, die längst nicht mehr möglich ist, um Verzweiflung und Scham. Und: das Buch hat eine Sprache, eine literarische Struktur, es hat Vorsicht und Dezenz.

Vorsicht, Scham, Literatur - das sind suspendierte Begriffe, sobald die Bild-Zeitung ins Spiel kommt. In diesem Zentralorgan der Verworfenheit, dem Guckloch aller Voyeure veröffentlicht Tilman Jens, Sohn von Walter Jens, als Vorabdruck Erinnerungen an seinen inzwischen dementen Vater - und Lageberichte zu dessen aktuellem Zustand. Man erlebt, wie der alte Jens in nassen Windeln nachts durchs Haus geistert, kontrolliert von einem Babyphon und wieder eingefangen von der ebenfalls betagten Ehefrau. Nach Auskunft von Tilman Jens ballt sein Vater Walter bei seinen nächtlichen Ausbruchsversuchen die Fäuste, er (Zitat) "schreit, haut und spuckt um sich".

So ist das also im Hause Jens, und es ist die Frage, ob das der Debatte um die Sterbehilfe oder auch um die Alterskrankheit Demenz neue Argumente zuführt. Das ist ersichtlich nicht der Fall, es gibt Tausende solcher Schicksale. Die geballten Fäuste des Walter Jens könnten aber als heller Moment, als letzter Widerstand des alten Rhetors gedeutet werden gegen den fatalen Hang der Familie, ihn als Torso auf dem Medienmarkt zu verschachern - alles unter dem Deckmantel der Aufklärung.

Schon das Interview der Inge Jens mit dem "Stern" (im letzten April) war eine Infamie, bei der der Ehemann wie ein Kleinstkind vorgeführt wurde. Sohn Tilman wiederum stellte in der FAZ Verbindungen her zwischen den möglichen Nazi-Mitgliedschaften seines Vaters und dessen dementer Vergesslichkeit. Das ist - wissenschaftlich gesehen - Unsinn, die senile Demenz ist eine degenerative, gefäßsklerotische Alterserkrankung, die auch jeden Widerstandskämpfer ereilen kann.

Nun hat sich Tilman Jens mit der Bild-Zeitung eingelassen: Walter Jens in Windeln - welch Fest für das pseudo-mitleidige Springer-Blatt. Tilman Jens mag mit seinem Vater rechten und abrechnen, seine angebliche Nazi-Nähe hin und herwenden, sich ihm nochmals nähern und sich verabschieden - das darf er tun. Nicht koscher allerdings ist die Verächtlichmachung der öffentlichen Figur durch Windeln und Babyphon in einem Boulevardblatt. Das ist nicht Wahrhaftigkeit, das ist durchtrieben.

Walter Jens, der schon früh für die Sterbehilfe eingetreten ist, hat den Moment verpasst, da er seinem Leben selbst hätte ein Ende setzen können. Sein tragischer Fall zeigt nun mit großer Härte, wohin es führt, wenn man nicht mehr selbst entscheiden kann, sondern wenn andere entscheiden - angeblich im Sinne des Kranken. Das Pflegen eines Schwerstkranken ist eine belastende und zehrende Aufgabe. Die Familie Jens verdient da Achtung und Mitgefühl. Einen narzisstischen Fehler dieser Familie, von dem auch der große Rhetor Walter Jens nicht frei war, sollte man aber mit aller Schärfe geißeln: die Unfähigkeit, zu bestimmten Themen - sagen wir es mit Luther - das Maul zu halten.

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