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StartseiteForschung aktuellKeine Zeit zum Umsteuern mehr01.12.2008

Keine Zeit zum Umsteuern mehr

Klimaforscher fordern sofortige Maßnahmen

Klimaforschung. - Im polnischen Posen beginnt der Weltklimagipfel 2008. Es geht unter anderem um eine Nachfolgeregel für das Kyoto-Protokoll, das 2012 ausläuft. Klimaforscher drängen auf drastische Maßnahmen und orchestrieren die Forderung mit alarmierenden Befunden.

Von Volker Mrasek

Kohlekraftwerke wie hier Schwarze Pumpe in Brandenburg. (AP)
Kohlekraftwerke wie hier Schwarze Pumpe in Brandenburg. (AP)

385 ppm – diesen Anteil hat Kohlendioxid heute in der Atmosphäre. Das heißt, auf eine Million Luft-Teilchen kommen 385 Moleküle CO2. Jahr für Jahr nimmt dieser Wert um weitere zwei ppm zu. Klar ist, dass der Trend gestoppt werden muss, um gefährliche Klimaveränderungen noch zu vermeiden. Doch wo liegt der kritische Schwellenwert? Viele Studien sehen ihn bisher bei 450 ppm Kohlendioxid. Demnach blieben noch zwei, drei Jahrzehnte für eine Umkehr bei den CO2-Emissonen. Doch eine Gruppe von zehn Geo- und Klimaforschern aus den USA, Frankreich und Großbritannien revidiert diesen Schwellenwert jetzt, und zwar drastisch. Zu ihnen zählt auch James Hansen, der Direktor des Goddard-Instituts für Weltraumstudien bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa:


"450 ppm oder noch mehr sind ein Rezept für ein Desaster. Bei solchen Kohlendioxid-Werten würden wir die Erde in Richtung eisfreier Zustand steuern. Eine solche Entwicklung würde zwar ausgesprochen lange dauern. Aber wir würden Veränderungen in Gang setzen, die nicht mehr kontrollierbar sind. In unserer Studie versuchen wir abzuschätzen, welcher CO2-Gehalt noch tolerierbar wäre. Und wir kommen zu dem Schluss: Es sind höchstens 350 ppm."

Das würde bedeuten: Es ist überhaupt keine Luft mehr nach oben vorhanden. Im Gegenteil: Die Industriegesellschaft müsste eine Vollbremsung hinlegen und dann sogar den Rückwärtsgang einlegen. Demnach dürfte es im Prinzip überhaupt keine CO2-Emissionen mehr geben, der Gehalt von Kohlendioxid in der Außenluft müsste sinken. Physiker Hansen bestätigt das:

"Wir haben die CO2-Konzentration bereits auf ein Niveau angehoben, das man als gefährlich ansehen muss, wenn es auf lange Sicht so bliebe. Die Frage ist nun: Wie schnell müssen wir aus der Gefahrenzone heraus, um zu verhindern, dass die Dynamik der Klimaerwärmung außer Kontrolle gerät?"

Im jüngsten Welt-Klimareport aus dem vergangenen Jahr klingt das noch nicht so dramatisch. Einen konkreten Schwellenwert für Kohlendioxid nennt der wissenschaftliche Bericht zwar nicht. Aber er lässt auch höhere CO2-Konzentrationen als noch verkraftbar erscheinen: 400 ppm oder sogar noch etwas mehr. Das sei inzwischen überholt, heißt es jetzt in der neuen Studie. Der Grund dafür laut James Hansen: Die polaren Eisschilde und die Landvegetation reagierten schneller auf die Erwärmung, als es der Welt-Klimareport noch für möglich hielt:

"Man hat angenommen, dass manche der Rückkopplungsprozesse im Klimasystem so langsam ablaufen, dass sie für uns nicht relevant sind. Es geht hier im wesentlichen um das Abschmelzen der großen Eisschilde, aber auch um Pflanzen, die in hohe Breiten vordringen, wenn es wärmer wird. Dunkle Vegetation ersetzt dort Schnee- und Eisflächen, wodurch sich die Oberfläche noch stärker aufheizt. Je mehr Details wir über die Klimageschichte erfahren, desto eher müssen wir sagen: Diese Prozesse brauchen nicht etwa Jahrhunderte, bis sie in Gang kommen. Das kann viel schneller gehen, innerhalb von Jahrzehnten."

Das Fazit der Forscher: Wie empfindlich das Klima wirklich auf zusätzliche Treibhausgase in der Atmosphäre reagiert, wird immer noch unterschätzt. Der kritische Schwellenwert sei bereits überschritten. Um so drastischer müsse die Weltgemeinschaft ihre Emissionen drosseln. Hansen:

"Ich denke, das ist noch machbar, wenn auch äußerst schwer. Dafür müssten wir die Nutzung schmutziger Kohle innerhalb von zwei Jahrzehnten auslaufen lassen. Wir hätten dann vorübergehend 400 bis 425 ppm CO2 in der Atmosphäre und müssten davon wieder runter."

Konkret empfehlen die Forscher, ab sofort keine neuen Kohle-Kraftwerke mehr zu bauen – beziehungsweise erst dann wieder, wenn bei ihnen CO2 aus dem Abgas entfernt werden kann. Solche Technologien sind derzeit erst in der Erprobung. Doch Hansen sagt, wenn man nur wolle, könne man die Entwicklung beschleunigen. Dann, so der prominente Nasa-Mann, sei das CO2-freie Kohlekraftwerk schon in zehn Jahren möglich – und die Kurve beim Klima vielleicht noch zu kriegen.

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