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StartseiteKultur heutePlötzlich politisch?03.05.2015

Keith HaringPlötzlich politisch?

Die Ausstellung "Gegen den Strich" in der Hypo-Kunsthalle in München zeigt Keith Haring als ernsthaften, politischen Künstler, ja als Kunstaktivist. Man fragte sich, wie dieser Aspekt im Oeuvre Harings so lange übersehen beziehungsweise übergangen werden konnte, meint unser Kritiker Julian Ignatowitsch.

Von Julian Ignatowitsch

Besucherinnen schauen sich die Ausstellung "Keith Haring - Gegen den Strich" in München (Bayern) an. (picture-alliance / dpa/Peter Kneffel)
Besucherinnen schauen sich die Ausstellung "Keith Haring - Gegen den Strich" in München (Bayern) an. (picture-alliance / dpa/Peter Kneffel)

Nein, T-Shirts, Handyhüllen oder Kühlschrankmagnete werden hier nicht ausgestellt. Der Pop Shop, wo die Kunst Keith Harings zwischen 1986 und 2005 zur kuschelig-handgerechten Massenware für Jedermann/-frau wurde, ist von München und dem Konzept dieser Ausstellung eben so weit entfernt wie es der damalige Verkaufsstandort Manhattan/New York City selbst ist. Weit weg!

Keith Haring, "Gegen den Strich", als ernsthafter, politischer, unbequemer Künstler, ja als Kunstaktivist – so zeigt die Kunsthalle den 1990 an Aids verstorbenen Haring in ihrer neuen Ausstellung. Kurator Dieter Buchhart:

"Seine Werke beschäftigen sich mit den Themen seiner Zeit, die bedauerlicherweise auch die Themen unserer Zeit sind: Sie beschäftigen sich mit Rassismus, Macht, Religion, der Unterdrückung des Individuums im Staat, in unserem Staat, der Ordnungsmacht, die gegen das Individuum vorgeht. Er hat ganz klar Stellung zu den Dingen bezogen. Auch der Umweltzerstörung, der globalen Bedrohung, der atomaren Bedrohung und zu Krankheiten wie Aids, die ihn ja dann auch selber betroffen hat."

Man fragt sich doch, wie dieser Aspekt im Oeuvre Harings so lange übersehen beziehungsweise übergangen werden konnte. Seine Botschaften kommen oftmals sehr eindeutig, fast schon plakativ und mit einer be- und erdrückenden Wucht daher. Es wird gestochen, gezogen, gezerrt und gezüngelt - mit aufgeladenen Symbolen: Dollars quellen aus Mäulern, Kreuze durchbohren Körper, Scheren und Messer verstümmeln Genitalien genauso wie unseren Planeten - und Panzer, Gasmasken und Roboter treten an die Stelle ihrer humanen Schöpfer.

Machtmissbrauch von Kirche, Krone und Kolonialherren

Ein vier Meter hoher, rosa Phallus betitelt als "The Great White Way" verdichtet das alles: den Machtmissbrauch von Kirche, Krone und Kolonialherren. Eine ewige Folterchronologie - zurückbleiben Menschen in Ketten, kopfüber, aufgehängt, gebückt, und solche die mit dem erigierten Kreuz zustechen. Man kann das als eine bitterböse Pervertierung religiöser Fresken lesen.

Andere Bilder bedienen sich dagegen einer fast schon abstrakten Bildsprache: Gegenstände und Personen scheinen sich in Linie und Fläche aufzulösen. Form und Farbe substituieren die politische Message.

Überhaupt: Harings Strich zeugt von einer unbändigen Stärke und Spontanität. Er begriff seine Arbeit als kontinuierlichen, aber immer unvollständigen Prozess; er malte ohne abzusetzen, ohne Distanz zu nehmen; er zeichnete weder vor noch korrigierte er nachträglich. Claude Picasso veranlasste das bei einer Auftragsarbeit sogar zu einem Vergleich mit seinem Vater Pablo.

"Und er hat gesagt: ‚Wie mein Vater!' Er hat begonnen, nie Distanz genommen, einfach die Linie durchgezogen und als er dann aufgestanden ist, war es ein perfektes Kunstwerk!"

Elitär dachte Haring dabei aber nie. Sein Kunstverständnis "Kunst ist für alle da!" hat seinem Standing bei Kuratoren und Kritikern lange nicht geholfen. Er verstand seine Arbeit immer als Teil des öffentlichen Raums. Seine Subway Drawings gehören zu den bekanntesten Arbeiten, schätzungsweise 10.000 solcher Kreide-Zeichnungen im Comic-Stil schmückten zwischen 1980 und 1985 die New Yorker Sub und brachten Haring in die Nähe der Street- und Pop Art. Entsprechend experimentierte er auch mit Alltagsmaterialien, zum Beispiel mit sog. Tarps, Abdeckplanen von LKWs:

"Was er damit machte, er brachte ein unwertes Material hinein, was ja zum Beispiel auch Beuys mit Filz und Fett in einer anderen Art gemacht hat. Er hat also ein neues Material für die Kunst entdeckt! Und hat die Materialität ausgenutzt, indem er das Glänzende dieser Tarps mit einer matten Farbe, einer Plastikfarbe, konfrontiert oder er hat matte Tarps genommen und mit einer glänzenden Farbe entgegengesetzt."

Die Farbigkeit, der konsequente Strich, die direkte Bildsprache, das Spiel mit populären Zeichen und zu guter Letzt die (insbesondere posthume) Kommerzialisierung seiner Kunst – das alles macht Keith Haring sicherlich für eine breite Masse zugänglich. Was im Umkehrschluss aber nicht heißt, dass sein Werk trivial oder gar irrelevant ist.
Um es mit dem letzten Kunstwerk der Ausstellung zu sagen, einem riesigen rosa Dreieck voller Menschen, die sich Ohren, Augen und Mund zu halten: Schweigen = Tod.
Keith Harings Kunst schreit – manchmal vielleicht vorlaut, laut, zu laut. Aber: Sie schweigt nicht!

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