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StartseiteTag für TagKemal Ergün – Vorsitzender von Milli Görüs14.08.2012

Kemal Ergün – Vorsitzender von Milli Görüs

Serie: Prägende Köpfe des Islams (Teil 2/4)

Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs ist eine der ältesten muslimischen Organisationen in Deutschland. Viele sehen die Organisation mit kritischen Augen, weil sie Milli Görüs für eine islamistische Bewegung halten. Seit etwas mehr als einem Jahr steht mit Kemal Ergün ein neuer Vorsitzender an der Spitze der IGMG. In der Öffentlichkeit ist er bislang kaum aufgetaucht.

Von Jan Kuhlmann

Ein aufgeschlagener Koran (picture alliance / dpa / Roos Koole)
Ein aufgeschlagener Koran (picture alliance / dpa / Roos Koole)
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Prägende Köpfe des Islams

Es ist ein weiter Weg, um Kemal Ergün in seinem Büro zu treffen. Die Zentrale der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, kurz IGMG, liegt weit ab vom Schuss: in einem Gewerbegebiet am Rande der Stadt Kerpen in der Nähe von Köln – weit weg statt mittendrin. Das gilt im übertragenen Sinne auch für Milli Görüs. Die IGMG ist mit mehreren 10.000 Mitgliedern zwar eine der größten und wichtigsten muslimischen Organisationen in Deutschland. Aber richtig angekommen ist sie in diesem Land für viele noch nicht. Kemal Ergün, seit mehr als einem Jahr Vorsitzender, ist ein Symbol dafür. Er lebt seit Anfang der 1990er-Jahre in der Bundesrepublik – und dennoch spricht er nur wenig Deutsch. Er habe im Alltag vor allem mit Türken zu tun, sagt Ergün, ein Mann mit Drei-Tage-Bart und aufrechtem Rücken. Er ist verheiratet und hat Kinder:

"Wir haben das Deutsche vernachlässigt. Das ist ein großer Mangel. Wenn meine Frau und Kinder Deutsch sprechen, bleibe ich außen vor."

Auch, wie er an die Spitze der IGMG gewählt worden ist, sagt viel über Milli Görüs aus. Auf Druck der Mutterorganisation in der Türkei musste Ergüns Vorgänger aufgeben. Die führenden Köpfe in Deutschland einigten sich danach auf drei Kandidaten, die sie dem Gründervater der Organisation, Necmettin Erbakan, in Ankara vorlegten. Kurz vor seinem Tod entschied sich der Islamistenführer für Kemal Ergün. Viele Beobachter von außen kannten Ergüns Namen bis dahin nicht. Innerhalb der IGMG spielte er als Vorsitzender des einflussreichen Regionalverbandes Köln aber schon eine wichtige Rolle. Seine Wahl sei keine Überraschung gewesen, sagt IGMG-Generalsekretär Oguz Ücüncü.

"So unbedarft und unbekannt wie Milli-Görüs-Kenner unseren neuen Vorsitzenden darstellen, war er im eigenen Kontext nie. Und dementsprechend ist auch seine Wahl in unserem eigenen Kontext nicht aus heiterem Himmel wahrgenommen worden. Ganz im Gegenteil: Als konsequente Fortführung eines Kurses, den wir schon vor über einem Jahrzehnt eingeschlagen haben, nämlich das Profil als Religionsgemeinschaft zu schärfen und dem auch mit der Spitze Rechnung zu tragen. Und wer uns da ein bisschen näher kennt, sieht, dass da einfach eine Linie fortgeführt wird und dass da keine Brüche sich vollziehen."

Ergün war ein Kompromisskandidat, akzeptabel für die zwei großen Flügel der IGMG: für die eher konservativen Vertreter der ersten Generation, die zumeist noch die Moscheen und Regionalverbände dominieren. Und für die jüngere Reformgeneration, die in Deutschland sozialisiert wurde. Letztere will die enge Bindung der IGMG an die Türkei lockern und die Organisation nach Europa hin öffnen. Ergün habe sich vor seiner Wahl in keine Richtung zu weit aus dem Fenster gelehnt, sagt der Soziologe Werner Schiffauer, der ein Buch über Milli Görüs geschrieben hat:

"Es gab Erklärungen, dass er den Kurs der Öffnung gegenüber Europa weiter fortsetzen wird. Diese Erklärungen wurden dann von einem Teil der Reformer mit Skepsis aufgenommen. Inzwischen scheint es so zu sein, dass Ergün eine Politik verfolgt, die zwar den offenen Bruch vermeidet, die aber durchaus die postislamistischen Reformer in der Gemeinde stärkt. Was sich etwa in der Besetzung des Präsidiums widerspiegelt oder auch in der Neubesetzung von Regionalvorsitzenden."

Als ausgebildeter Theologe und Imam ist Ergün fest in der IGMG verankert. Er wirkt in die Organisation hinein, während Generalsekretär Ücüncü als Reformer Milli Görüs nach außen vertritt. Mit dem Vorsitz hat Ergün ein schwieriges Amt übernommen. Politisch und gesellschaftlich wird die IGMG ausgegrenzt. Regelmäßig taucht sie in den Berichten der Verfassungsschutzbehörden von Bund und Ländern auf, wobei die Vorwürfe gegen Milli Görüs eher im Allgemeinen bleiben. Vorgehalten wird ihr, dass viele Anhänger noch immer den Gründervater Necmettin Erbakan verehren. Sein islamistisches Weltbild widerspricht laut Verfassungsschutz der Demokratie. Ergün selbst distanziert sich von Erbakan, allerdings nur vorsichtig.

"In unserem Glauben ist der Mensch ein Geschöpf Gottes. Nur die Propheten von Adam über Moses und Jesus bis zu Muhammad sind fehlerlos. Hielten wir einen Menschen für fehlerlos, dann würden wir ihn vergöttlichen. Das ist eine Sünde, die Gott nicht verzeiht. Unser geehrter Herr Erbakan hat einige Fehler gemacht, aber sich auch Verdienste um die türkische Politik erworben. Etwa durch seine Äußerungen zur Gerechtigkeit, dass man Schwachen beistehen und sie beschützen soll."

Viele Milli-Görüs-Mitglieder loben Erbakans Eintreten für soziale Gerechtigkeit. Andererseits sind von dem Islamistenführer anti-semitische Äußerungen überliefert. Auch an der Basis in den Gemeinden und Moscheen sind anti-semitische und anti-jüdische Ressentiments zu finden. Die IGMG-Führung in Kerpen verurteilt solches Gedankengut jedoch, auch Ergün.

"Antisemitismus ist ein Verbrechen gegen die Menschheit. Und das ist die größte Beleidigung gegen den Islam. Es gibt wohl ungebildete Muslime, die so etwas machen. Aber das kann man mit dem Islam nicht rechtfertigen. Sogar der Koran sagt, dass man Andersgläubige nicht beleidigen soll."

Ergün und die IGMG suchen Wege, um das kritische Verhältnis zur deutschen Politik wieder zu verbessern, allerdings nicht um jeden Preis. Sie stört es, dass viele Politiker mit ihnen nur dann reden wollen, wenn es um Terror und Sicherheitspolitik geht. Eine Marionette der Politik wolle man nicht sein, sagt Ergün. Und formuliert das Selbstverständnis vieler Milli-Görüs-Mitglieder sehr selbstbewusst:

"Wir sind hier heimisch geworden. Natürlich sind unsere Eltern aus der Türkei gekommen, aber wir gehören jetzt hierher. Aus diesem Grund ist es für uns wichtig, dass es dem Land gut geht, in sozialer, wirtschaftlicher oder kultureller Hinsicht. Weil wir hier leben."

Auch geografisch will Milli Görüs den Rand verlassen. Seit Längerem sucht die Organisation einen neuen Sitz für ihre Zentrale. Sie soll am liebsten in der Innenstadt von Köln liegen. Nicht mehr weit weg, sondern mittendrin.

Serie im Überblick:
Prägende Köpfe des Islams - Nahaufnahmen aus Deutschland

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