Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteThemen der WocheKettenreaktion nach Fukushima24.12.2011

Kettenreaktion nach Fukushima

Die Energiewende in Deutschland

19,9 Prozent. Auf diesen Wert ist in diesem Jahr der Ökostromanteil gestiegen. Jede fünfte Kilowattstunde kommt also hierzulande inzwischen aus Wind, Sonne, Wasser oder Biomasse - willkommen in der Ökorepublik Deutschland.

Von Theo Geers, Deutschlandfunk

Deutschland hat nach dem Reaktorunfall in Fukushima den Atomausstieg beschlossen.
Deutschland hat nach dem Reaktorunfall in Fukushima den Atomausstieg beschlossen.

Der Industrienation, die wie kein anderes Land derartig radikal, schnell und - um es gleich vorwegzunehmen - auch richtig auf die mit unvorstellbarem Leichtsinn herbeigeführte Atomkatastrophe von Fukushima reagiert hat:

Acht Atommeiler gingen im März binnen Tagen vom Netz, schon im Juni folgten die anderen Beschlüsse: vollständiger Atomausstieg bis 2022, dazu eine Verdoppelung des Ökostromanteils auf 35 Prozent, ein Ausbau der Netze, mehr Investitionen in die Gebäudesanierung und eine Steigerung der Energieeffizienz. Es ist eine energiepolitische Revolution, die Fukushima bei uns ausgelöst hat. Die Frage ist nur, ob wir der historischen Herausforderung, unsere Energieversorgung auf Nachhaltigkeit umzustellen, derzeit gerecht werden.

Die Antwort ist "Nein", denn der Schwung bei der Energiewende ist längst dahin. Bei der Gebäudesanierung, also ausgerechnet da, wo in puncto Energiesparen und Klimaschutz am meisten zu holen wäre, tobt seit Wochen ein kleinlicher Streit um die steuerliche Förderung; beim Netzausbau hinken fast alle Projekte ihren Zeitplänen hinterher, wegen fehlender Leitungen müssen Windparks im Norden und Osten weiterhin regelmäßig zwangsweise abgeschaltet werden; der Bau der neuen Windparks in Nord- und Ostsee kommt wegen der fehlenden Leitungen auch nicht voran. Eine besonders unrühmliche Rolle spielt derzeit der Bundeswirtschaftsminister:

Mal setzt Philipp Rösler wie in alten Zeiten auf neue Kohlekraftwerke, als ob er vom Klimawandel noch nie gehört hat, dann torpediert er fast alles, was nur irgendwie nach zusätzlichen Kosten riechen könnte, grad so als ob die Energiewende zum Nulltarif zu haben wäre. Das ist sie natürlich nicht, aber zahlen, etwa über erhöhte Netzentgelte, dürfen das Ganze vor allem die Verbraucher, die Stromfresser in der Industrie werden geschont.

Fukushima - war da mal was? Ja, da war mal was. Da ist am 11. März die Illusion von der Beherrschbarkeit der Atomspaltung endgültig und restlos geplatzt. Kernschmelzen gab es schon vorher, 1979 in Harrisburg, wo sie nur mit Glück unter Kontrolle blieb, und in Tschernobyl sieben Jahre später, als alles in die Luft flog. Aber gleich drei Kernschmelzen auf einmal wie in Fukushima - die gab es noch nicht. Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima - diese drei Namen widerlegen die Atomwirtschaft, die uns jahrzehntelang eingelullt hat mit Aussagen darüber, wie selten in hundert oder tausend Jahren ein GAU angeblich passiert. Heute wissen wir es genau: Es passiert fünf Mal in ungefähr 30 Jahren - und das ist nicht fünf Mal zu viel, nein, einmal zu viel ist auch schon zu viel. In Tschernobyl wie in Fukushima ist ja zu besichtigen, welche Milliardenwerte schlagartig perdu sind, wenn Häuser, Fabriken und öffentliche Einrichtungen verstrahlt sind, wenn das Cäsium und all die anderen radioaktiven Stoffe in jeder Fensterritze sitzen, auf jeder Pflanze lauern und auf jeden Quadratzentimeter Boden niedergegangen sind.

Ein solcher Unfall hier oder in Frankreich - unvorstellbar. Gegen die dann fälligen Schäden und Kosten wirkt die Ersparnis, die uns der Atomstrom im Vergleich zu anderen Energiequellen angeblich beschert, einfach nur noch lächerlich. Nein: Fünf Kernschmelzen in 30 Jahren zeigen: Atomkraft ist unterm Strich nicht nur ein verdammt teures Abenteuer, sondern - wenn was schief geht - unverändert ein tödliches. Und weil etwas, was schief gehen kann, nach Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima erfahrungsgemäß auch schief geht, kann es nur eine Schlussfolgerung geben: Abschalten - je schneller desto besser - und am besten nicht nur bei uns.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk