Sonntag, 19.11.2017
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKiezdeutsch und die deutsche Seele13.03.2008

Kiezdeutsch und die deutsche Seele

Bericht von der Tagung die "Sprache Deutsch" im Deutschen Historischen Museum

Für den kommenden Winter planen das Bonner Haus der Geschichte, das Deutsche Historische Museum in Berlin und das Goethe-Institut eine Doppel-Ausstellung, die sich mit der deutschen Sprache befassen soll. Mit ihrer Geschichte und Gegenwart, mit Hoch- und Umgangssprache, damit, wie man sie lernt, aber auch mit den Einflüssen, die auf sie einwirken. Ein bewusst breiter Ansatz also, und der wissenschaftlichen Vorbereitung diente Ende vergangener Woche ein Symposium in Berlin.

Von Michael Kuhlmann

Die deutsche Sprache ist immer noch weit mehr als nur ein Fall fürs Museum.  (AP)
Die deutsche Sprache ist immer noch weit mehr als nur ein Fall fürs Museum. (AP)

"Die deutsche Sprache hat ja viele Facetten, man kann sie von verschiedenen Seiten ansehen - ob das nun soziologische, linguistische, methodisch-didaktische, neurologische Phänomene sind - das alles soll natürlich Teil dieser Ausstellung werden, und um alle Aspekte auch wissenschaftlich zu betrachten, haben wir dieses Symposium organisiert."

Dr. Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin der Abteilung Sprache im Goethe-Institut. Eine Bestandsaufnahme der facettenreichen deutschen Sprache stand im Vordergrund der Berliner Tagung. Prof. Hildegard Keller von der University of Indiana vergleicht die Sprache mit der Architektur:

"Die Sprache Deutsch - gibt es sie denn? Zweifellos, so wahr Sie verstehen, was ich hier sage: Es gibt sie! Kaum aber im Bild einer Kathedrale - des Inbegriffs romantisch-nationalistischer Rekonstruktionsbemühungen - , vielmehr gibt es sie als einen Turm von Babel, von dem herab es in lebendiger Vielfalt lärmt!"

"Was wir haben, ist ein Riesenrepertoire an unterschiedlichen Stilen, Registern, Varietäten,"

sagt Prof. Heike Wiese von der Universität Potsdam. Mit Erkundungen über dieses Repertoire muss die Sprachwissenschaft kein Selbstzweck sein; sie kann Aufschluss über eine Gesellschaft geben. Freilich wurde das auf der Tagung nicht weiter vertieft. Der Berliner Soziolinguist Prof. Norbert Dittmar:

"Aus der Varietätenforschung, Pidgins, Slang, Jargon und so weiter wissen wir, dass sich der gesellschaftliche Wandel am direktesten im Wandel des Lexikons niederschlägt; das ist auch der Wandel, der am schnellsten läuft."

Anglizismen sind da natürlich ein wichtiger Punkt - ihr Haupt-Einfallstor, die Werbung, wird in der Ausstellung zur Sprache kommen. Was den Einfluss des Internet betrifft, konnte Prof. Hartmut Schröder von der Universität Frankfurt/Oder allerdings Entwarnung geben. Schröder untersucht, wie sich Fachleute und Laien im Netz über das Thema Gesundheit unterhalten.

"Die Anglizismen erscheinen hauptsächlich an der Oberfläche, die sind sozusagen der Eingang überhaupt in diese Internetangebote, das was dann aber wirklich drinsteht, ist dann wirklich sehr gutes Deutsch - ein überlegtes Deutsch - und dieses Deutsch kommt dann nicht nur weitgehend ohne Anglizismen aus, sondern es kommt auch ohne bestimmte Fremdwörter aus, die ja traditionell die Kommunikation zwischen Arzt und Patient erschwert haben."

Wie weit sich der Befund übertragen lässt auf andere Themen, die im Internet behandelt werden, das ließ Schröder freilich offen.

Das Symposium stellte auch sprachgeschichtliche Projekte vor. So erläuterte Prof. Norbert Richard Wolf von der Universität Würzburg, dass sich schon vor Jahrhunderten die sogenannten Sprachgesellschaften um die linguistische Reinheit sorgten. Der Wiener Medienphilosoph Dr. Frank Hartmann demonstrierte, welche Bedeutung das Deutsch Immanuel Kants für die internationale Philosophie hat - so sperrig es auch sein mag. Ein noch wenig beackertes Feld nimmt Prof. Ruth Reiher in den Blick: das DDR-Deutsch. Diese Sprache definieren viele Wissenschaftler immer noch vor allem anhand ihrer Abweichungen vom westdeutschen Standard. Die Berliner Forscherin hält dagegen:

"Ich gehe davon aus: Sprache in der DDR war eine natürliche Sprache wie das Deutsche in der Bundesrepublik, in Österreich und in der Schweiz. Sprache in der DDR war eine territorial begrenzte Weiterentwicklung der gesamtdeutschen Sprache, wie sich diese nach einer über tausendjährigen Geschichte mit all ihren Veränderungen im Jahr 1945 darstellte."

Ruth Reiher geht es bei ihrer Arbeit um die Sprache der Menschen, nicht die von Partei und Bürokratie. Die Sprache der Menschen ist es auch, wofür sich Heike Wiese interessiert. Heike Wiese lebt mitten in Berlin. Und dort hört sie sich wissenschaftlich um - unter eingewanderten Jugendlichen in Kreuzberg, Moabit, Neukölln. Deren Sprache nennt sie: Kiezdeutsch.

"Kiezdeutsch ist nicht nur ein gescheiterter Versuch, richtig Deutsch zu sprechen, sondern hier entwickelt sich was Eigenes. Genauso wie Bayerisch kein gescheiterter Versuch ist, richtig Standarddeutsch zu sprechen."

Sätze wie "Machst Du rote Ampel" oder "Morgen isch geh Kino" können nach Wieses Ansicht die Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen erweitern. Etwa durch eigenwillige Wortstellungen und neuartige Formen der Bekräftigung. Und wenn man an das einstige Deutsch der Menschen in Ostpreußen denkt, so sind ein paar umgebaute Satzstrukturen in der Tat nichts Neues. Mit den Dialekten der Gegenwart befasst sich Prof. Joachim Herrgen vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas in Marburg. Sein Ausblick gerät durchaus optimistisch.

"Von einem Dialekt-Tod kann gar nicht die Rede sein, wir haben durchaus aktives regionales Sprechen - nur in sehr unterschiedlichen Graden der Abweichung von der Standardsprache."

Im rheinland-pfälzischen Wittlich etwa gibt es fünf Übergangsstufen zwischen Standarddeutsch und tiefstem Dialekt, fünf Stufen des sogenannten Regiolekts.

"Dieser Regiolekt-Bereich galt in gewisser Weise als ein Zerfallsprodukt und insofern nicht als untersuchungswert, aber für uns heute ist das vielleicht gerade interessant, diese regiolektalen Formen zu untersuchen. "

Herrgen tut das an 150 Orten im gesamten deutschen Sprachraum. Er will damit erstmals einen systematischen Überblick der deutschen Regionalsprachen von heute erstellen. Die ja, sofern man ihm folgt, noch lange überleben werden. Und nicht nur was Dialekt und Regiolekt angeht, auch mit Blick auf den Bestand des Deutschen an sich besteht kein Grund zu Schwarzmalerei. Prof. Jutta Limbach, die Präsidentin des Goethe-Instituts, zitierte den Namensgeber ihres Hauses:

"Sollten Poesie und leidenschaftliche Rede in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen - so fährt Goethe fort - , er setzt sich zu Boden, und die reine Welle fließt darüber her! Sie sehen auch bei unserem Altmeister doch eine große Frustrationstoleranz und Hoffnung darauf, dass das, was sich für die Sprache nicht schickt, auch im Grunde genommen kurzlebig sein werde."

In diesem Sinne wird von der kommenden Ausstellung eine gelassene Sicht der Dinge zu erwarten sein. Auch die Begegnung mit Slang, Kiezdeutsch und Anglizismen wird die deutsche Sprache mit Sicherheit überleben. Übrigens: Dass eine akustische Seite der Sprache, dass also die eigentliche Sprechkunst bei fast allen Berliner Vorträgen den unausrottbaren Gepflogenheiten deutscher Wissenschaftler zum Opfer fiel, das war vielleicht nicht anders zu erwarten. Die Ausstellung freilich könnte ihr durchaus eine Sektion einräumen. Vielleicht vertrüge die deutsche Sprache in diesem Sinne ja doch eine kleine Liebeserklärung.

Infos:

Deutscher Sprachatlasvon Georg Wenker

Die Seite zum Forschungsprojekt der Uni Potsdam über das Kiezdeutsch

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk