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StartseiteBüchermarktKiffen in Theresienstadt20.05.2010

Kiffen in Theresienstadt

Jachym Topol: Die Teufelswerkstatt, Suhrkamp

Jungen Leute wollen in Theresienstadt eine alternative Gedenkkultur ermöglichen. Mit Kafka-T-Shirts, Ghetto-Pizza und Therapieangeboten machen sie der offiziellen Holocaust-Gedenkstätte Konkurrenz. Ein surreale Groteske des tschechischen Schriftstellers Jachym Topol.

Von Uli Hufen

Erinnerungsstätte innerhalb des ehemaligen Konzentrationslagers in Theresienstadt. (AP)
Erinnerungsstätte innerhalb des ehemaligen Konzentrationslagers in Theresienstadt. (AP)

In seiner Geschichte Europas nach 1945 schreibt der Historiker Tony Judt, genau wie die Taufe für Juden im 19. Jahrhundert die Eintrittskarte nach Europa gewesen sei, sei heute die Anerkennung des Holocaust zur europäischen Eintrittskarte geworden. Die Anerkennung des Holocaust stehe im Zentrum der europäischen Identität. Länder, die dem nicht folgen, dürfen nicht in die EU, Politiker, die den Holocaust bestreiten, werden gemieden, Künstler und Intellektuelle, die sich von der offiziellen Linie absetzen, verursachen heftige Skandale. Martin Walser hat das erfahren.

Der Tscheche Jachym Topol, ein Mann, der sich mit einer Serie von Romanen seit Mitte der 90er-Jahre den Ruf erarbeitet hat, ein sprachgewaltiger, tabubrecherischer und überaus fantasiebegabter Autor zu sein, hat nun ein Buch geschrieben, in dem es um diese Eintrittskarte nach Europa geht. Mit der Anerkennung des Holocaust hat Topol, wie die meisten zurechnungsfähigen Europäer, keine Probleme. Mit der Art, wie Europa die Erinnerung betreibt, offenbar schon.

Das namenlose Ich in "Die Teufelswerkstatt" ist ein vordergründig naiver, scheinbar simpler Mann, wie es ihn in der europäischen Literatur, auch in der böhmischen, man denkt an Bohumil Hrabal, schon oft gegeben hat. Ein unzuverlässiger Erzähler, ein Antiheld, der uns zu Beginn des Buches halb ohnmächtig in einem Straßengraben begegnet.

Ich hau ab nach Prag zum Flughafen.

Woher unser Mann kommt und wovor er flieht, erfahren wir kurz darauf.

Ich will nicht geschnappt werden, ich will nicht, dass mich jemand nach dem Brand in Theresienstadt fragt.

Was er der Polizei nicht verraten will, berichtet der Erzähler dem Leser im ersten Teil der "Teufelswerkstatt" um so bereitwilliger: Warum es in Theresienstadt gebrannt hat. Das nämlich kam so: Als in der Tschechoslowakei der Sozialismus endet, beginnt man schon bald, nicht nur in der Produktion von Autos, sondern auch in der Produktion von Erinnerung, erprobten westlichen Standards zu folgen. Für Theresienstadt bedeutet das, dass die Geschichte der alten k.-u.-k-Festung nun auf die Jahre 1938 bis 1945 reduziert werden soll. Doch dagegen regte sich Widerstand.

Lebo wollte nicht, dass von Theresienstadt nur die Gedenkstätte und ein von Wasserkopf-Akademikern angelegter Lehrpfad übrigblieb.

Der Erzähler ist der Sohn einer KZ-Überlebenden und eines ihrer Befreier, sein väterlicher Freund Lebo wurde im KZ geboren. Gemeinsam organisieren die beiden den Widerstand und sammeln in den unterirdischen Kellern, Gängen und Verliesen von Theresienstadt alles, was von der Geschichte der Festung erzählen könnte. Schon bald schließen sich ihnen junge Leute aus Westeuropa an, die auf der Suche nach Spuren ihrer jüdischen Vorfahren sind. Es entsteht eine Theresienstädter Komenium, genannte Hippiekommune, die in vielem an die durchgeknallten Jugendgangs, Sekten und Banden erinnert, die Topol in früheren Romane mit so viel Hingabe beschrieben hat. Auch diesmal mangelt es nicht an halb verrückten Gestalten, Drogen, irrwitzigen Dialogen, Partys und Sex, auch diesmal sind die Kräfte der Ordnung den jungen Leuten auf den Fersen. Doch so wenig Topol sich für Wasserkopf-Akademiker, Politiker und Polizisten begeistern kann, so deutlich ist diesmal auch seine Distanz zu den westlichen Pritschensuchern mit elterlicher Kreditkarte, die in den Vernichtungslagern Osteuropas ihr Seelenheil suchen.

Sie richtete sich auf ihrer Pritsche auf und zeigte uns ein T-Shirt, auf dem, wie sie sagte, der Schriftsteller Kafka abgebildet war, das T-Shirt hatte sie im nahen Prag gekauft, jetzt aber hat sie Theresienstadt darauf gepinselt, einen Galgen und darunter Hätte Franz Kafka seinen Tod überlebt, hätte man ihn hier umgebracht. Das könnte gehen, verkündete sie und fügte hinzu, sie werde damit nie und nimmer irgendwelche Druckereien beauftragen, die T-Shirts werden wir nach ihren Schablonen selbst herstellen, handgemacht und kreativ, nur so macht es in unserem Fall Sinn. Lebo und ich nickten, okay, wir glaubten ihr, sie war doch aus der weiten Welt zu uns gekommen.

Die furchtbaren Kafka-T-Shirts verkaufen sich wie geschnitten Brot, doch noch viel mehr Geld treiben die geschäftstüchtigen Hippies schon bald bei den guten, reichen Menschen des Westens ein. Die Kommune macht Schlagzeilen in der Weltpresse, die Kasse klingelt - wer würde nicht ein paar Dollar oder Euro für ein ehemaliges KZ spenden? Dass die Aktivisten ziemlich viel kiffen, darf allerdings keiner wissen.

Eines Tages tauchen zwei junge Weißrussen in Theresienstadt auf, die sich sehr für das exzellente Fundraising-Know-how der Theresienstädter Hippies interessieren. Alex und Maruska haben kein Geld, aber sie wissen etwas, wovon westliche Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts meist nur sehr verschwommene Vorstellungen haben.

Weißt du wie viele Menschen in der Tschechoslowakei von den Nazis umgebracht wurden?

Aus dem Kopf nicht, das können wir aber googeln.

Exakt 362.458! Und weißt du wie viele es in Weißrussland waren?
Ungefähr gleich viel?

Jetzt ballt sie die Fäuste. Schüttelt den Kopf über meine Antwort. Und verdreht die Augen. Sie wird richtig wütend. Jetzt stampft sie auf, tatsächlich. Ja, sie sieht aus wie eine wütende Paukerin, die einen Schüler zur Schnecke machen will.

Hier wurden vier Millionen Menschen umgebracht. Das steht sogar im Guinness-Buch der Rekorde.


Alex und Maruska halten es für ungerecht, dass die Reisebüros des Westens von diesem Rekord nichts wissen und nur Reisen nach Auschwitz anbieten. Um das zu ändern, wollen sie in den weißrussischen Wäldern einen Jurassic Park des Grauens einrichten. Dafür aber brauchen sie den Erzähler und seinen USB-Stick, auf dem die gesammelten Spendendaten gespeichert sind.

Als Sondereinheiten der Polizei mit Bulldozern und Baggern die Kommune in Theresienstadt zerschlagen, flieht der Erzähler und der zweite, wesentlich schwächere Teil der "Teufelswerkstatt! nimmt seinen Lauf.

Die weißrussischen Passagen sind nun allerdings nicht deshalb schwächer als die Theresienstädter, weil es ihnen gemächlicher zuginge. Ganz im Gegenteil. Topols ehrfurchtgebietende sprachliche Virtuosität und sein Talent für brachiale Grotesken schwingen sich vor der Kulisse von Minsk und in den weißrussischen Wäldern zu ganz neuen Höhen auf. Es gibt in diesem zweiten Teil des Romans noch mehr Explosionen, noch mehr Polizei und Armee, noch mehr irrsinnige Fanatiker und noch mehr abstruse Ideen. Aber seltsamerweise verliert man irgendwann das Interesse an dem ganzen Budenzauber und beginnt sich zu fragen, wofür all die Schrumpfköpfe und sprechenden Leichen eigentlich gut sein sollen, was uns Topol - in der manchmal vielleicht zu Unrecht verfluchten Formulierung leutseliger Lehrer - mit all dem apokalyptischen Wahnsinn eigentlich sagen will.

Schon klar, es geht, wie der Klappentext ebenso treffend wie trocken formuliert darum, dass die Erinnerungskultur im Westen unter der Kommerzialisierung leidet während sie im Osten an der Unerträglichkeit der Realität scheitert. Zuweilen beschleicht einen allerdings der Eindruck, dass Topols wahnwitzig übersteigerte Groteske den Blick auf die routinierte Realität der europäischen Erinnerungskultur eher verstellt, als schärft. Am Ende der "Teufelswerkstatt" schwirrt dem Leser der Kopf. Klarer ist er nicht.

Jachym Topol: Die Teufelswerkstatt
Aus dem Tschechischen von Eva Profousova
Suhrkamp, 201 Seiten, 24,80 Euro

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