Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteBüchermarktKiller mit Schuldgefühlen27.07.2011

Killer mit Schuldgefühlen

Stuart Neville: "Die Schatten von Belfast". Rütten & Löhning

Belfast anno 2007: Gerry Fegan, ehemaliger IRA-Killer, wurde vor einigen Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Früher hat er auf Befehl Bomben geworfen, Menschen gefoltert und getötet. Doch der Bürgerkrieg ist seit zwei Jahren offiziell vorbei. Jetzt sitzt Gerry nur noch im Pub, säuft und spricht mit sich selbst. Denken alle. In Wirklichkeit redet er mit seinen Opfern. Den Menschen, die er umgebracht hat. Zwölf Tote, zwölf Geister, die Rache wollen. Stuart Neville:

Von Antje Deistler

Der Bürgerkrieg ist vorbei - was machen nun die Kämpfer? (AP)
Der Bürgerkrieg ist vorbei - was machen nun die Kämpfer? (AP)

"Die Geschichte kam zu mir als Bild. Ich wachte eines Sonntagsmorgens auf mit dem Bild eines Mannes im Kopf, der an einer Theke steht, um ihn herum all die Menschen, die er umgebracht hat. Mein Handy lag neben dem Bett, und darauf habe ich eine Kurzgeschichte geschrieben, die auf diesem Tableau basierte. Das wurde dann zum ersten Kapitel des Romans. In der Geschichte steckte einfach mehr."

Fünf Soldaten, ein Polizist, zwei Angehörige einer gegnerischen Terrorgruppe, und: vier Zivilisten, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren – sie alle hat Gerry Fegan auf dem Gewissen - und das ist in diesem Fall mehr als eine abgegriffene Metapher. Erst wenn Gerry die Auftraggeber für die Morde tötet, lassen sie ihn in Ruhe.

"Ich kenne eine Psychologin, die im Mace Gefängnis mit diesen Leuten gearbeitet hat. Sie erzählte mir, es gab entweder diejenigen, die total kalt waren, die nichts an sich herankommen ließen, die keinerlei schlechtes Gewissen hatten. Und sie hat diejenigen kennengelernt, die überhaupt nicht damit zurechtkamen, getötet zu haben, die unter dieser Schuld zusammenbrachen. Dazwischen lag gar nichts – entweder war man zerstört oder herzlos. Gerry gehört natürlich zu denen mit Schuldgefühlen."

Sind es Schuldgefühle, die den Ex-Killer Gespenster sehen lassen? Oder gibt es die "Schatten von Belfast" wirklich, sind es tatsächlich Geister, die die Handlung und den Helden antreiben? Thriller oder Horrorroman? Diese Fragen lässt der 32-jährige Nordire Stuart Neville in seinem erstaunlichen Roman lange in der Schwebe. Und erklärt sich das mit der eigenen Sozialisation als Leser.

"Ich bin als Leser in den 80ern groß geworden und da hat man natürlich Stephen King gelesen. Später habe ich dann auch zu Kriminalliteratur gegriffen, James Ellroy war einer meiner Lieblingsautoren und ein nicht ganz so bekannter Brite, Ted Lewis, der ein Buch geschrieben hat, das unter dem Titel "Get Carter" mit Michael Caine verfilmt wurde. Das hatte großen Einfluss auf "Die Schatten von Belfast", denn auch dort wendet sich ein Krimineller gegen seine eigenen Leute. Ich bin vom Horror zum Thriller gekommen, das macht wohl auch diese Grauzone aus."

Ein Mörder, der von seinen Opfern verfolgt wird, beginnt einen Rachefeldzug. Schöne Idee, zumal für einen Politthriller. Aber trägt sie auch über 440 Seiten? Oh ja. Denn Gerry Fegan, der schuldgeplagte Killer, weiß zwar, mit wem er den Kampf aufnimmt: die wahren Schuldigen, die Drahtzieher von früher, sind heute mächtige Politiker und Geschäftsleute. Und Gerry weiß auch, welchen Dreck aus Verrat, Korruption, persönlichen und politischen Intrigen er aufwühlt. Aber die Konsequenzen überblickt er längst nicht. Was sich für uns als Leser als genau richtig entpuppt, denn so bleibt die Geschichte überraschend und sehr, sehr spannend. Stuart Neville erzählt auch und vor allem von den wirtschaftlichen Interessen, die sich oft hinter politischen Zielen verbergen.

"Man darf nie vergessen, dass Paramilitarismus eine überaus gewinnträchtige Angelegenheit ist. Die verschiedenen Gruppen waren immer an illegalen oder halblegalen Geschäften beteiligt. Das hat alles vielleicht einmal als Geldbeschaffung für den Kampf begonnen. Aber 2004 zum Beispiel wurden aus einer Bank in Belfast 26 Millionen Pfund gestohlen. Jeder wusste, welche Gruppierung das war. Zu dem Zeitpunkt konnte kein Mensch 26 Millionen Pfund für Waffen ausgeben, vor allem, weil sie die Waffen sowieso meist gratis aus Libyen geliefert bekamen. In irgendwelche Taschen ist dieses Geld gewandert. Es war wie die Lizenz zum Gelddrucken."

Der Roman "Die Schatten von Belfast" vermittelt einen lebendigen Eindruck von der Situation in Nordirland – nur wenige Jahre nach dem offiziellen Ende des beinahe schon vergessenen blutigen Konflikts zwischen Katholiken und Protestanten. Den Leser beschleicht die Ahnung, dass ein Frieden wie der von Nordirland fragil ist. Denn zu viele Tote klagen an. Ein tiefes Misstrauen gegen die ehemaligen Kämpfer und heutigen Politiker auf beiden Seiten durchzieht die Geschichte.

"Das ist etwas typisch Nordirisches. Wir sind da komisch: Einerseits sind wir als Wähler absolut zynisch, wir wissen, dass wir Politikern nicht trauen können, dass sie immer etwas anderes meinen als sie sagen. Auf der anderen Seite wählen wir jedes Mal wieder dasselbe – man könnte genauso gut einfach katholische und protestantische Köpfe zählen. Das ist frustrierend, wir ändern nichts, obwohl wir wissen, dass es nicht wirklich in unserem Interesse ist."

Zu allererst, das macht Stuart Neville aber klar, wollte er einen unterhaltsamen Roman schreiben, keine politischen Stellungnahmen verbreiten. Das ist ihm gelungen. Vor allem in den USA ist sein Buch gefeiert worden und die Filmrechte hat Neville auch schon verkauft. Aber den Hollywoodschauspieler, der den gebrochenen Helden Gerry Fegan verkörpern soll, möchte er sich nicht aussuchen.

"Ich würde die Rollen ungern besetzen. Ich beschreibe das Aussehen meiner Figuren auch kaum. Wenn ich selbst lese, habe ich auch meine eigenen Vorstellungen. Naja, wenn James-Bond-Darsteller Daniel Craig die Rolle übernehmen würde, wäre ich schon einverstanden."


Stuart Neville: "Die Schatten von Belfast". Deutsch von Armin Gontermann. Rütten & Löhning, 19.95 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk