• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 14:10 Uhr Deutschland heute
StartseiteKultur heuteKind unterm Eis06.03.2012

Kind unterm Eis

Donald Runnicles und Christof Loy deuten Leos Janaceks "Jenufa" an der Deutschen Oper in Berlin

Bei "Jenufa" zeichnet Christof Loy die Verletzungen und Verletzlichkeiten der Figuren nach, verzichtet darauf, die Stiefmutter Jenufas als grausames und kaltherziges Schreckensweib darzustellen.

Von Mascha Drost

Eine sensibel gezeichnete Personenführung, ein ausnahmslos überzeugend agierendes Ensemble. (Stock.XCHNG)
Eine sensibel gezeichnete Personenführung, ein ausnahmslos überzeugend agierendes Ensemble. (Stock.XCHNG)

Eigentlich trägt die Oper den falschen Namen: Nicht Jenufa, sondern "Die Küsterin" müsste sie heißen. Sie, die Stiefmutter Jenufas, ist die eigentliche Hauptperson, sie hält alle Fäden in der Hand, bestimmt die Geschicke, das Unglück der anderen – bewusst oder unbewusst. Durch ihr Nein zur Hochzeit zwingt sie Jenufa, ein uneheliches Kind zur Welt zu bringen, tötet es um Schande von beiden abzuwenden. Und verheiratet Jenufa schließlich mit einem Mann, der Mitschuld an ihrem Unglück trägt.

Ein Leichtes also, diese Figur als grausames und kaltherziges Schreckensweib darzustellen, doch um wie viel intelligenter, einfühlsamer und auch dramatischer ist die Deutung Christoph Loys, der die ganze Oper aus der Rückblende der Küsterin erzählt, einer Frau, die Schlimmes erleben, erleiden musste und alles auf sich nimmt, ihre Stieftochter vor ähnlichem Unglück zu bewahren, sogar einen Kindsmord. Die erste Szene der Inszenierung nimmt somit schon das Ende der Geschichte vorweg. Die Küsterin wird von einer Polizistin in den Raum geführt und in eine lange Stille hinein erklingen die ersten Takte Musik als dunkel-drängende Erinnerung.

Unmerklich dehnt sich der zuerst klaustrophobisch enge, weißgetünchte Raum, die Seitenwände bewegen sich und in einem kleinen Ausschnitt in der Rückwand blickt man nach draußen auf ein überreifes, vom Wind zerzaustes Kornfeld und einen sich bedrohlich verdunkelnden Himmel. Ein Tisch und ein Stuhl müssen reichen. Mehr gibt es auf der Bühne nicht zu sehen.

Und mehr braucht es auch nicht bei einer Personenregie, die staunen macht vor Sensibilität, Einfühlsamkeit und Psychodramatik.

Loy zeigt die Verletzungen und die Verletzlichkeiten der Figuren auf, die Spannungen zwischen ihnen, in winzigen Gesten erschließt er die ganze Geschichte eines Menschen. Die Großmutter, die dem Lieblingsenkel und Dorf-Don Juan Steva noch im Suff zur Seite steht und für den anderen, Laca, noch nicht einmal ein Streicheln übrig hat, als er seinen Kopf in ihren Schoß legt. Das sind kleinste Ausschnitte aus dem menschlichen Panorama, das man selten so genau gezeichnet erlebt.

Nicht oft steht einem Regisseur allerdings auch ein solch ausdrucksstarkes Ensemble zur Verfügung, wie es die Deutsche Oper hier aufbietet. Michaela Kaune als von Liebe, Schmerz und Schicksalergebenheit gezeichnete Jenufa, mit einer stimmlichen Wärme, die auch in den zerbrechlichsten Pianopassagen nicht verloren geht. Jennifer Larmore gibt eine ungewöhnlich lyrische und ausdrucksvolle Küsterin. Joseph Kaiser und Will Hartmann als die beiden ungleichen Brüder. Kaiser ein wendiger und weicher, Hartmann ein energetischer fast schon metallischer Tenor. Und Hanna Schwarz als Bühnenpräsenz schlechthin in der Rolle der alten Burja. So vehement, wie sich GMD Donald Runnicles für die Klänge und Untertöne der Partitur einsetzt, ihre feinen Schattierungen dunkler Klangfarben nachzeichnet, so eindeutig neigte sich die Balance allerdings zuungunsten der Sänger. Einem Orchester, das sich vom Mezzoforte aufwärts bewegt, ist ohne Verluste nicht viel entgegenzusetzen.

Eine sensibel gezeichnete Personenführung, ein ausnahmslos überzeugend agierendes Ensemble, ein die Geschichte atmosphärisch wunderbar einrahmendes Bühnenbild, geschmackvolle Kostüme. Man kann betört, bewegt und getröstet aus dieser Premiere hinausgehen. Hier wurde eine Oper, eine Geschichte aus sich selbst heraus erzählt, ohne Aktualisierung, ohne gesellschafts-sozial-geschichtskritischen Überbau.

Aber reicht das? Kann man Jenufa am Ende tatsächlich Hand in Hand mit einem Bräutigam stehen lassen, der ihr zwei Akte vorher aus Eifersucht das Gesicht entstellt hat? Dessen Liebe wankte, als er von ihrem unehelichen Kind erfuhr? Kann man Jenufa nun widerspruchslos von der "Liebe, die Gott gefällt" singen lassen? Diese Wandlung der schönen, mutigen und selbstsicheren Jenufa in eine abgeklärte und vom Schicksal belehrte und sich darein findende Frau ist gewollt von Janacek wie Loy. Aber traurig bleibt sie doch.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk