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StartseiteEuropa heuteKinder auf der Flucht29.12.2010

Kinder auf der Flucht

Minderjährige in einem Auffanglager bei Paris

Asylbewerber haben in der EU Anspruch auf Unterbringung und Verpflegung. Doch in Frankreich gibt es für sie nur 20.400 Heimplätze; das Land bräuchte doppelt so viele. Besonders gefährdet sind minderjährige Flüchtlinge.

Von Bettina Kaps

Schätzungen zufolge gibt es in Frankreich 4.000 bis 6.000 Kinder und Jugendliche, die allein unterwegs sind.  (AP)
Schätzungen zufolge gibt es in Frankreich 4.000 bis 6.000 Kinder und Jugendliche, die allein unterwegs sind. (AP)

Sechs junge Ausländer sitzen im Klassenraum und lernen Französisch. Alltag, so scheint es. Nicht für diese Jugendlichen, denn vor wenigen Tagen noch stromerten sie auf der Straße herum, schliefen unter Brücken und in Hauseingängen, oder versteckten sich in Lastwagen. Jetzt üben sie, sich vorzustellen.

"Ich heiße Ali Derwisch, sagt ein dünner Junge mit glänzenden schwarzen Haaren, hohen Backenknochen und schrägen Augen. Ich bin 14 Jahre alt und komme aus Afghanistan."

Dann ist Mohammed aus Pakistan an der Reihe und Runbir aus Indien, beide sind 15 Jahre alt. Die anderen Kinder und Jugendlichen stammen aus Mali, Mauretanien und Guinea. Mit zwei Stunden Unterricht pro Tag, sagt die Lehrerin, machen ihre Schüler nur langsam Fortschritte.


"Alle sind begierig, Französisch zu lernen, aber manchmal sind sie abgelenkt, weil sie Sorgen haben. Schwierig ist, dass regelmäßig neue Schüler hinzukommen. Ismael ist erst seit zwei Tagen bei uns. Aber er ist schon in Afghanistan zur Schule gegangen und holt schnell auf. Manchmal unterrichten wir auch Analphabeten."

Das Heim ist nur als Auffanglager gedacht, deshalb gibt es hier keine weiteren Sprach-Kurse. Die Sozialarbeiter müssen zuerst einmal Vertrauen schaffen und die Lage der Flüchtlinge verstehen, sagt der Leiter des Zentrums, Dominique Habiyaremye.

"Unsere Erzieher sprechen viele Sprachen und Dialekte, sie kennen die Kultur und die geopolitischen Konflikte in den Heimatländern der Flüchtlinge. Das ist überaus wichtig, um die Geschichte eines jeden Kindes zu entwirren, und zu begreifen, was es vorhat. Wir versuchen auch, die Familie ausfindig zu machen und Urkunden aufzutreiben, die beweisen, dass es wirklich minderjährig ist."

Zwei Wochen nach Ankunft eines Flüchtlings schickt Habiyaremye einen Bericht an die Kindersozialhilfe. Wenn der junge Ausländer unter 18 und völlig allein gestellt ist, hat er Anspruch auf Fürsorge und Bildung. Denn Frankreich hat die UN-Konvention über die Rechte des Kindes unterzeichnet. Doch die Realität sieht anders aus: Die Kindersozialhilfe ist überlastet und ihre Heime sind voll. So kommt es, dass die Jugendlichen manchmal bis zu sechs Monate im Auffanglager verbringen müssen. Und deshalb kann Dominique Habiyaremye keine neuen Kinder von der Straße holen.

"In Paris gibt es jede Nacht Minderjährige, die draußen übernachten, vergangene Woche waren es 22. Wir verlangen mehr staatliche Mittel, damit wir allen Kindern Schutz bieten können, denn im Freien sind sie vielen Gefahren ausgesetzt. Ich habe nur 19 Plätze, trotzdem beherberge ich zurzeit 23 Flüchtlinge. Das ist nicht erlaubt, aber wenn hier ein 13-Jähriger auftaucht - was soll ich da tun?"

Der Unterricht ist vorbei, die Jugendlichen - fünf Mädchen und 18 Jungen - warten im Flur. Einige hören Musik vom Handy, bis sie zum Tischdecken und Mittagessen gerufen werden. Den Nachmittag verbringen sie mit den Erziehern im Zentrum oder aber vertreiben sich die Zeit in der Stadt. Vielen wird die Zeit im Auffanglager zu lang, sagt der Sozialarbeiter Renaud Mandell.

"Manche geben die Hoffnung auf, sie verschwinden wieder. Diese Kinder denken sich: ich habe es nach Frankreich geschafft, dann war ich lange obdachlos, jetzt habe ich eine Unterkunft, aber die Monate vergehen und niemand kann mir sagen, wann ich endlich zur Schule gehen und mein Leben in Frankreich beginnen kann."

Jugendliche, die vom Kinderhilfswerk betreut werden, bevor sie 16 Jahre alt sind, haben bei Volljährigkeit gute Chancen, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, sagt Dominique Habiyareme. Aber für all diejenigen, die mit 16 Jahren oder später nach Frankreich einwandern, gibt es keine Begünstigungen. Sofern sie kein Recht auf Asyl haben, droht ihnen dann die Illegalität.

"Das ist schade, denn was nützt die Betreuung, wenn sich ein junger Mensch, den wir von der Straße geholt haben, mit 18 Jahren wieder dort befindet, so als ob die Gefahren dann verschwunden wären."

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