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StartseiteEuropa heute"Kinder der Schande"30.10.2009

"Kinder der Schande"

Bundesregierung bietet im Krieg gezeugten Franzosen doppelte Staatsbürgerschaft

Französischen Rentnern, die im Zweiten Weltkrieg von deutschen Wehrmachtssoldaten gezeugt wurden, bietet die Bundesregierung eine Einbürgerung an. Für Kriegskinder in anderen Ländern bleibt eine solche Geste der Wiedergutmachung nichts als ein Traum.

Von Suzanne Krause

Die deutsche Wehrmacht 1940 in Paris: Nicht wenige der Soldaten wurden in Frankreich Vater.  (AP)
Die deutsche Wehrmacht 1940 in Paris: Nicht wenige der Soldaten wurden in Frankreich Vater. (AP)

Im deutschen Konsulat in Paris herrscht Hochbetrieb. Wolfgang Klapper, Leiter der Rechtsabteilung, empfängt Pierre Mailait: der französische Rentner hat einen deutschen Vater, ein Wehrmachtsangehöriger. Und beantragte erfolgreich die Einbürgerung. Bei der schlichten Zeremonie drängen sich mehrere Fernsehteams in Klappers Büro.

"Ich freue mich sehr, Ihnen nun die Einbürgerungsurkunde überreichen zu können",

äußert Klapper. Herzlichen Glückwunsch. Mit sichtlicher Rührung antwortet Pierre Mailait, es sei ein großes Geschenk, nun gleichzeitig Franzose und Deutscher zu sein. Erst mit 60 habe er, nach langen Jahren inneren Zweifels, erfahren, dass sein Erzeuger Deutscher ist. Nun werde dies auch offiziell anerkannt.

Mailait ist kein Einzelfall. 37 Kriegskinder haben bislang die deutsche, doppelte Staatsbürgerschaft beantragt, neun Fälle wurden schon erfolgreich abgeschlossen. Früher Galten Menschen wie Pierre Mailait als Kinder der Schande, so empfinden sie sich heute als Pioniere der deutsch-französischen Freundschaft, bemerkt Herrmann Sitz, Pressesprecher der deutschen Botschaft:

"Man hatte den Eindruck gehabt, als würde sich da eine Wunde schließen. Als würde nicht nur eine Verwaltungsakte geschlossen, sondern als wenn ein Mensch seinen Frieden mit dem Schicksal macht. Auch in einem beruflichen Leben als Diplomat hat man selten eine Situation, die einen menschlich so sehr berührt, wie das jetzt heute der Fall war."

Nach der Zeremonie stößt der frischgebackene Deutsche im benachbarten Café mit Freunden an. Mit Schicksalsgenossen vom Kriegskinderverein Aneg. Dessen Präsidentin Jeanine Nivoix-Sevestre erzählt, jedes Mal, wenn im Deutschlandfunk ein Bericht über die Kriegskinder gelaufen sei, habe das Telefon danach Sturm geklingelt.

"Zum einen melden sich bei mir Leute, die sagen: Mein Vater war als Soldat da und dort in Frankreich stationiert. Er heißt so und so. Und wir haben erst spät erfahren, dass er in Frankreich ein Kind gezeugt hat. Solche Anfragen verweise ich an das Wehrmachtsarchiv in Berlin. Andere wiederum suchen ihren französischen Vater, der als Kriegsgefangener oder im Arbeitsdienst in Deutschland war. Da kann das Militärarchiv in Caen weiterhelfen."

Mit Neid blicken Kriegskinder aus anderen Ländern auf die französischen Schicksalsgenossen. Überall im besetzten Europa haben Wehrmachtsangehörige Nachwuchs gezeugt. Laut Schätzungen bis zu 800.000 Kinder. Doch neben Frankreich gibt es derzeit nur in Dänemark, Norwegen und Finnland Vereine, in denen sich solche Kriegskinder zusammengeschlossen haben. Ludwig Norz kennt sie fast alle persönlich. Norz arbeitet im Berliner Wehrmachtsarchiv. Und ist im Herzen Künstler.

Mit dem Verein "Fantom" will er in der Bevölkerung geschichtliches Bewusstsein fördern, mithilfe der Kunst. Eines von Norz Lieblingsthemen: die Kriegskinder in Europa. Vor zwei Jahren gründeten Vereine aus Frankreich, Dänemark, Norwegen und Finnland ein europäisches Kriegskinderforum. Unterstützt vom Verein "Fantom". Zu dessen morgigen Treffen in Berlin reisen auch erstmals Kriegskinder aus Holland und Belgien an. Zum Erfahrungsaustausch. Und um eine europäische Charta auszuarbeiten. Ludwig Norz:

"Die Situation ist in Europa im Moment sehr unterschiedlich, sehr zersplittert. Und es wäre wünschenswert, dass man eine einheitliche Regelung für diese Personengruppe findet. Historisch gesehen, das ist vielleicht so ein Kuriosum, hat es diese Bestrebung 1942 gegeben. Und zwar Juristen um den Militärbefehlshaber in Paris haben den Vorschlag gemacht, weil Kriegskinder plötzlich in allen besetzten Gebieten entstanden, diese Personengruppe einheitlich zu behandeln. Daraus ist leider nix geworden, weil die unterschiedlichen besetzten Gebiete unterschiedliche Verwaltungstypen unterstanden und unterschiedliche Interessen herrschten."

Den Wunsch nach gleichen Rechten für alle Kriegskinder in Europa wollen die Verantwortlichen des Forums nun bei der europäischen Union vorbringen. Ihr Vorbild: dass französische Kriegskinder nun auch die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben können.

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