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StartseiteHintergrund"Kinder sind ein Geschenk"26.06.2011

"Kinder sind ein Geschenk"

Leben im geburtenreichen Guatemala

Jeder zweite Guatemalteke ist unter 16 Jahre alt. In den Armenvierteln der Hauptstadt leben besonders viele. Die Frauen in diesen Siedlungen sind häufig Analphabetinnen. Ein Grund für den Geburtenreichtum ist ein ehemaliges Gesetz zu minderjährigen Schwangeren.

Von Andreas Boueke

In Guatemala-Stadt, der Hauptstadt des gleichnamigen Landes, leben die meisten Kinder unter 15 Jahre. (AP)
In Guatemala-Stadt, der Hauptstadt des gleichnamigen Landes, leben die meisten Kinder unter 15 Jahre. (AP)
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"Die Kirche hat sich schuldig gemacht"

Marina Reyes steht in ihrer Küche und formt feuchten Maisteig zu kleinen Kugeln. Neben ihr klatscht ihre Tochter Zoila den Teig mit beiden Händen zu runden Fladen. Ein gutes Dutzend Tortillas haben die beiden schon übereinander gestapelt. Das reicht aber noch längst nicht für das Mittagessen, denn Marina Reyes ist stolze Mutter von vierzehn Söhnen und Töchtern.

"Das Mädchen, das da gerade die Tortillas macht, ist zehn Jahre alt. Der Kleinste ist zwei Jahre und vier Monate alt. Der Älteste ist 30, die zweite 29, der dritte 26, der vierte 21. Und so geht das weiter bis nach unten."

Die Hütte, in der das Ehepaar Reyes mit elf seiner Kinder wohnt, liegt am Hang einer der vielen Schluchten, die Guatemala-Stadt durchziehen: Drei Zimmer mit blankem Erdboden, Wände aus morschem Holz und Plastikplanen anstelle von Türen. Die Toilette: ein einfacher Donnerbalken über einem Loch im Boden. Etwas abseits dient ein Bretterverschlag als Küche. Gekocht wird auf offenem Feuer.

Eine Waschmaschine gibt es in dem Haushalt nicht. Zum Waschen benutzt Marina Reyes wie viele guatemaltekischen Hausfrauen die "Pila", ein großes Becken aus Beton. Im Stehen schrubbt, presst und wringt sie mit ihren kräftigen Armen zahllose nasse Kleidungsstücke.

"Wir sind daran gewöhnt. Das machen wir jeden Tag. Um fünf Uhr geht es mit der Arbeit los. Waschen, kochen, aufräumen, einkaufen - bis weit nach sieben Uhr abends. Ab acht Uhr können wir uns ausruhen, dann gehen wir schlafen. Mein Sohn...gieß' mir hier Wasser rein."

Nachdem sie ein paar T-Shirts gewaschen hat, wechselt Marina Reyes ihrer Enkelin Delsi die Stoffwindeln. Gleichzeitig zieht sie Hemd, Hose und Strümpfe für den vierjährigen Daniel aus einer Kommode.
Einen Moment später steht sie in der Küche und schimpft mit ihrer Tochter Zoila. Die Zehnjährige, die Tortillas bäckt, hat vergessen, Feuerholz nach zu legen.

Um die Glut noch zu retten, pustet Marina Reyes kräftig unter die angekohlten Holzscheite. Es gelingt: plötzlich lodern die Flammen wieder auf. Der Raum füllt sich mit dichtem, beißendem Rauch. Daran sind die Kinder gewöhnt. Sie wissen nicht, dass der Rauch Augen- und Atemwegserkrankungen provozieren kann.

Vor kurzem ist Marina Reyes 47 Jahre alt geworden. Ihr kleiner Körper ist drahtig, muskulös, ihre Psyche stressgestählt. Die Hütte und der Hof sind ihr Reich, in dem sie sich pausenlos um die Kinder kümmert, um ihre Nahrung, ihre Kleidung, ihre Bildung, ihre Gesundheit. Sie schenkt ihnen Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit, lobt und tadelt, unterstützt und straft, auch ihre acht Enkel. Der älteste Enkel ist zwölf Jahre alt und somit zehn Jahre älter als ihr jüngster Sohn Victor.

Ein Leben ohne Kinder im Haus kann sich Marina Reyes überhaupt nicht mehr vorstellen.

"Die Kinder machen uns glücklich. Sie füllen das Haus mit Freude, solange sie hier sind. Wenn ich nur zwei oder drei gehabt hätte. Dann wäre ich jetzt allein. Die ersten sind schon längst verheiratet. Ich hätte niemanden mehr, mit dem ich mich unterhalten könnte, niemanden, der meine Tage fröhlich macht. Manchmal bin ich traurig, weil sie alle den ganzen Morgen in die Schule gehen. Ich bleibe ganz allein zurück, nur mit den beiden Kleinen. Dann denke ich: "Ach, wie einsam ist das Haus. Wie traurig, weil nichts los ist."

Mit jährlich 2,8 Prozent hat Guatemala ein deutlich höheres Bevölkerungswachstum als die meisten anderen Länder Lateinamerikas. Jeder zweite Guatemalteke ist noch keine 16 Jahre alt. In den Armenvierteln der Hauptstadt kommen besonders viele Kinder zur Welt. Die Frauen in diesen Siedlungen sind häufig Analphabetinnen. Ihr Wissen über Sexualität, Verhütung und Familienplanung stammt aus Gesprächen mit Nachbarinnen, aus den Predigten katholischer Priester und evangelikaler Pastoren oder aus nachmittäglichen Fernseh-Talk-Shows. Keine besonders zuverlässigen Informationsquellen.

Marina Reyes ist als Kind nur zwei Jahre lang zur Schule gegangen. Mit neun hat sie ihr erstes Geld verdient, als Gehilfin an einem Gemüsestand auf dem Markt. Sie kann ihren Namen schreiben, aber Zehnerzahlen addieren kann sie nicht. Mit 14 war sie das erste Mal schwanger. Ihr damaliger Freund und heutiger Ehemann Maucelio Reyes war 21 Jahre alt.

Damals galt in Guatemala noch folgendes Gesetz: Ein Mann, der eine Minderjährige schwängert, kann einer Vergewaltigungsklage entgehen, indem er zustimmt, die Schwangere zu heiraten. Dafür brauchte er die Zustimmung der Eltern des Mädchens. Die Braut selbst hatte in solchen Situationen meist nicht viel zu sagen. Auch Maucelio Reyes ist Analphabet. Er besitzt einen kleinen Wagen mit Ladefläche und verdient sein Geld mit Transportfahrten. Die Betreuung der Kinder zählt er nicht zu seinen Aufgaben.

"Um diese Dinge kümmert sich die Frau. Man selbst muss ja arbeiten gehen. Da kann man nicht auch noch auf die Kinder aufpassen. Ich spiele nicht gerne mit ihnen. Da verlieren sie doch den Respekt. Der Mann im Haus muss respektiert werden. Wenn es Probleme gibt, nehme ich einen Gurt und sage: "Was nun? Entweder ihr pariert oder..." Dann erschrecken sie sich. Manchmal muss man auch zuschlagen, anders verstehen sie nicht."

Das Verhalten von Maucelio Reyes ist typisch für viele Männer in Guatemala. Sie führen keine Gespräche mit ihren Kindern, auch nur selten mit ihrer Frau - und wenn, dann ganz bestimmt nicht zum Thema Verhütung. Auch Marina Reyes sieht ihre Kinder als Gottesgeschenke. Ihren Töchtern aber wünscht sie nicht, dass sie so reichlich beschenkt werden wie sie selbst.

"Oh nein. Ich habe ihnen gesagt, dass sie aufpassen sollen. Meine älteste Tochter zum Beispiel ist verheiratet. Sie hat sich nach dem zweiten Kind operieren lassen. Sie sagt: "Mama, ich möchte nicht so leiden wie Du." Man leidet, wenn die Kinder krank werden und man kein Geld hat, zum Arzt zu gehen."

"Mein Name ist Ana Patricia Reyes. Ich bin 19 Jahre alt und die fünfte von den 14 Geschwistern."

Die größeren Kinder wollen einiges anders machen als ihre Eltern. Besonders Ana Patricia, genannt Patti, legt viel Wert auf ihre Ausbildung. Sie steht kurz vor ihrem Sekundarschulabschluss, obwohl sie den Schulbesuch gegen den Widerstand ihrer Eltern durchsetzen musste.

"Sie sind einfach ignorant. Sie meinen, die Schule sei nicht wichtig, zumindest nicht für die Frauen. Ihrer Meinung nach wird ein Mädchen sowieso bald schwanger. Dann muss sie sich um den Mann kümmern. Aber das stimmt nicht. Wir denken nicht alle so."

Von klein auf musste Patti ihren finanziellen Beitrag zum Haushalt der Großfamilie beisteuern.

"Es ist hart. Wenn die Eltern nicht genug Geld haben, müssen die Kinder helfen. Ich habe mit zehn Jahren mein erstes Geld verdient. Seitdem gehe ich zur Schule und außerdem arbeite ich auch. So kann ich meinen Geschwistern helfen. Die Großen unterstützen die Kleinen. So muss es sein, auch wenn du selbst mal nichts zu essen bekommst. Wir haben das immer so gemacht."

Die größeren Kinder der Familie Reyes haben ihren Eltern die Verantwortung für die Ernährung und Bildung der jüngeren längst abgenommen. Mit der Dankbarkeit ihres Vaters können sie aber nicht rechnen, schon gar nicht die Töchter. Maucelio Reyes ist es nicht gewohnt, die Arbeitsleistung von Frauen anzuerkennen.

"Ich brauche jetzt nicht mehr so viel zu arbeiten. Also nicht mehr richtig hart. Die Großen helfen mir. Der älteste ist Maurer. Ich selbst kann mich jetzt ein wenig zurück lehnen. Auch die Mädchen helfen mit. Aber nicht so viel. Sie arbeiten, um sich ihre Kleider kaufen zu können. Von den Mädchen erwarten wir nicht so viel."

"Gott sei Dank habe ich eine Arbeit in einer Schuhfabrik.
Meinen Eltern sage ich schon lange nichts mehr. Die treffen ihre Entscheidungen, ohne mich zu fragen. Früher habe ich rebelliert, weil für mich selbst gar kein Geld übrig blieb, obwohl ich viel gearbeitet habe. Doch dann habe ich verstanden, dass Gott diejenigen segnet, die für die seinen kämpfen."

Solange Patti zurückdenken kann, war ihre Mutter nahezu jedes zweite Jahr schwanger. Für sie als große Schwester war das dann keine freudige Nachricht, sondern eine weitere Bürde und nicht selten auch Auslöser von Angst und Wut.

"Die letzten Geburten hat meine Mutter beinahe nicht überlebt. Sie lag im Sterben. Beim neunten Kind war sie eigentlich schon von uns gegangen. Danach haben die Ärzte gesagt, sie dürfe keine weiteren Kinder bekommen. Aber bald war sie wieder schwanger. Beim letzten Mal habe ich mit ihr geschimpft. Da hat sie gesagt, falls sie sterben würde, sei ich doch da, um ihren Platz einzunehmen. Aber es ist doch nicht dasselbe, ob man seine eigenen Kinder aufzieht oder seine Geschwister."

Patti ist sich sicher: hätte ihre Mutter frei und unabhängig entscheiden können, dann hätte sie nicht so viele Kinder zur Welt gebracht. Aber eine Ehefrau, die weder lesen noch schreiben kann und in einem Armenviertel von Guatemala-Stadt wohnt, ist nicht frei und unabhängig.

Die guatemaltekische Gesellschaft ist eine der konservativsten in Lateinamerika. Althergebrachte Rollenmuster werden selten hinterfragt. Männer wollen auch über die Bäuche ihrer Frauen entscheiden - jedenfalls führen viele Sozialwissenschaftler den für Lateinamerika so typischen Männlichkeitswahn als einen Hauptfaktor dafür an, dass es Frauen häufig nicht gelingt, ihre Fruchtbarkeit selbstbestimmt zu kontrollieren. Die Organisation APROFAM bietet ihnen Unterstützung an. Sie bemüht sich um eine verantwortungsbewusste Sexualität und Familienplanung, und arbeitet ähnlich wie PRO FAMILIA in Deutschland. Je mehr Kinder eine Familie hat, desto schlechter sei meist ihre Lebensqualität,
meint der Geschäftsführer von APROFAM, Edilsa Castro. Das demografische Wachstum in Guatemala sei ein Hindernis für den Fortschritt des Landes:

"Große Familien sind eine Bremse für die Entwicklung. Das wird noch verschlimmert in einer Situation, in der man keine Arbeit hat aber viele Kinder. Hier in Guatemala sterben Kinder an Hunger. Wir sollten Kinder nicht haben, damit sie leiden, sondern damit sie ein besseres Leben führen können als wir es hatten, oder zumindest, dass sie Bildung bekommen, Gesundheitsversorgung und die grundlegenden Elemente für ihre Entwicklung."

In den Kliniken von APROFAM werden unterschiedlichste Verhütungsmittel gratis angeboten. Zudem gibt es geschultes Personal, das mit mobilen Kliniken in abgelegene Regionen fährt, um den Frauen dort Möglichkeiten der Familienplanung näher zu bringen. Die Krankenschwester Leslie Cardillo kennt die Nöte und Ängste von Frauen in der ganzen Republik.

"Manchmal kommen die Ehefrauen heimlich in unsere mobilen Kliniken. Viele lassen sich sterilisieren und sind dann gleich wieder weg. Wer weiß, wie die das machen. Auf jeden Fall gibt es viele Männer, die eine solche Operation nicht zulassen würden. Einmal ist ein Mann gekommen und hat die Frau nahezu mit Schlägen rausgeholt, weil er erfahren hat, dass sie sich operieren lassen wollte."

"Ein Teil der Kultur des Machismus ist es, dass die Männer den Frauen vorwerfen, sie würden Verhütungsmittel nehmen, weil sie untreu sind. Der Mann glaubt, seine Frau wolle Kinder vermeiden, weil das Kind eines anderen Mannes ein Beweis für ihre Untreue wäre."

Der Kinderarzt Sergio Penado arbeitet im Hospital San Juan de Dios, das Krankenhaus mit der größten Geburtsabteilung Mittelamerikas.

In der Mitte der Station gibt es einen Wartesaal für Schwangere. Ein Dutzend Frauen windet sich im Schmerz der Wehen. In drei der fünf alten, angerosteten Betten liegen zwei Frauen zusammen.

Einige der werdenden Mütter sind mit diesen Zuständen bereits bestens vertraut. Sie waren schon öfter hier.

"Es gibt da so einen Witz unter den Krankenpflegern. Wenn eine Frau kommt, die schon sieben, zehn Kinder hat, dann sagt ihr jemand nach der Geburt: "Nächstes Jahr sehen wir uns wieder."
Einmal hat die Frau ganz traurig geantwortet: "Es stimmt. Das haben sie mir schon letztes Jahr gesagt. Und wirklich: hier bin ich wieder. Ich habe nicht aufgepasst." Das ist dann nicht mehr witzig, sondern tragisch."

Der Wind pfeift durch die Fugen der Fenster. Einer Frau wird ein Katheder gelegt. Es ist kalt, doch den halb nackten Frauen steht nicht mehr als ein dünnes Laken zur Verfügung.

"Am schwersten ist es - und das sind dann die härtesten Tragödien - wenn sich die Geburt bei so einer Mutter mit zehn, zwölf Kindern kompliziert und sie stirbt. Sie stirbt, weil sie nicht mehr in der Lage ist, noch ein Kind zur Welt zu bringen. Die vielen Schwangerschaften haben ihren Körper aufgebraucht. Sie ist unterernährt. Eigentlich kommt sie zu uns ins Krankenhaus, um zu sterben. Wir behandeln sie, versuchen sie zu retten. Aber wir schaffen es nicht, und wir wissen, dass bei ihr zu Hause andere Kinder sind, die ohne Mutter zurückbleiben."

Als das guatemaltekische Parlament im Jahr 2009 entschieden hat, Sexualkunde als Pflichtunterricht in öffentlichen Schulen einzuführen, hat die katholische Bischofskonferenz in Guatemala eine Protestkampagne angezettelt. Auch breite Sektoren der in Guatemala sehr erfolgreichen evangelikalen Bewegung dämonisieren die staatlichen Aufklärungsprogramme und die Verteilung von Verhütungsmitteln.

Der Kinderarzt Sergio Penado ist Katholik, aber für die Haltung seiner Kirche kann er kein Verständnis aufbringen.

"Ich glaube, das ist ein Bereich, in dem sich die Kirche weniger engagieren sollte. Es geht um eine sehr persönliche Entscheidung, in die sich die Kirche nicht einmischen sollte. Mir scheint, dass die kirchliche Haltung vielen Menschen schadet. Die Leute bekommen eine Botschaft zu hören, die hier in Guatemala noch sehr verbreitet ist, dass Verhütung Sünde sei."

Auch viele Priester empfinden die katholischen Dogmen als realitätsfern und belastend. Pater Marco Tulio Recinos betreut eine Gemeinde in dem Dorf Tucurú im guatemaltekischen Hochland. Er hat schon viele kleine, ausgemergelte Kinderleichen zu Grabe getragen - und Frauen, die die letzte ihrer vielen Geburten nicht überlebt haben.

"Ich bin Priester. Ich habe keine Ehefrau. Ich habe keine Kinder. Der Papst hat auch keine Kinder, genauso wenig die Bischöfe. Warum zum Teufel sollen wir uns bei einem Ehepaar einmischen, wenn es darüber entscheidet, ein Kondom zu benutzen oder nicht? Ich glaube, die Kirche hat sich schuldig gemacht, weil wir den Leuten sagen, Verhütung sei Sünde und Kinderkriegen sei ein Segen. Wir sagen: 'Je mehr Kinder du hast, desto mehr bist du von Gott gesegnet.' Das ist eine Lüge."

Die Frauen auf dem Land bekommen mehr Kinder als die in den urbanen Zentren Guatemalas. Aber die Folgen des Bevölkerungswachstums sind in der Hauptstadt besonders offensichtlich. Jahr für Jahr ziehen Zehntausende Zuwanderer vom Land nach Guatemala-Stadt oder in die Umgebung. Sie hoffen, dort Arbeit und neue Lebensperspektiven für sich und ihre Familien zu finden. Vielen gelingt das nicht.

Es gibt keine zuverlässige Arbeitslosenstatistik für Guatemala. Aber verschiedenen Untersuchungen zufolge sind rund 75 Prozent der arbeitenden Bevölkerung im sogenannten informellen Sektor beschäftigt. Das heißt: sie haben keine Renten- und Krankenversicherung, und viele verdienen weniger als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von fünf Euro am Tag. Gerade in ländlichen Gegenden ist die Situation häufig so bedrohlich, dass die Regierung Anfang dieses Jahres für zahlreiche Gebiete den Ernährungsnotstand ausgerufen hat.

Angaben von UNICEF zufolge leidet jedes zweite Kind unter fünf Jahren in Guatemala an Mangelernährung und zwanzig Prozent sind chronisch unterernährt.

Marina Reyes sieht in ihren 14 Kindern auch eine Investition in die Zukunft.

"Es kommt der Moment, in dem sie für uns sorgen werden. Wer wird uns eines Tages einen Teller Essen geben, wenn wir alt sind? Unsere Kinder. Wer wird uns ins Krankenhaus bringen oder Medizin geben? Unsere Kinder. So denken die meisten Leute hier: Wir haben Kinder, damit sie uns versorgen werden."

Noch vor dreißig Jahren bekam jede Frau in Guatemala im Schnitt sechs Kinder, 2005 waren es noch 4,5. Heute sind es nur noch 3,5. Pater Marco Tulio hält diese Entwicklung für einen Segen. Mit dieser Haltung steht er nicht allein in der
katholischen Kirche.

"Ich habe mit Kollegen über dieses Thema gesprochen und es gibt viele, die so denken wie ich. Der Papst oder ein Kardinal auf seinem Thron mag ja anders denken, aber das hat nichts mit dem zu tun, was uns die Leute hier sagen. Es ist etwas völlig anderes, wenn man sieht, wie die Menschen leben. Wir haben eine Verantwortung für ihre Zukunft. Deshalb fühle ich mich sehr frei, den Menschen zu sagen, dass sie verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen sollen. Wenn ein Vater meinen Rat sucht, dann sage ich ihm: 'Schau mal, du hast schon zwei, drei Kinder. Du solltest Träume für sie haben. Oder möchtest du, dass sie genauso leben wie du, ausgegrenzt, ausgebeutet und in Armut?"

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