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Kinder spielen Erwachsenwerden

Gob Squad und ihr neues Stück "Before your very eyes" in Düsseldorf

Andreas Wilink im Gespräch mit Karen Fischer

Die Kinder treffen sich zum Dialog mit ihrem jüngeren Selbst. (Stock.XCHNG)
Die Kinder treffen sich zum Dialog mit ihrem jüngeren Selbst. (Stock.XCHNG)

Die Theatergruppe Gob Squad zeigt sieben Kinder, die wie Labortiere vom Publikum beobachtet werden. Die Laiendarsteller treffen auf sich selbst - aufgezeichnet in jüngeren Jahren und projiziert auf eine Leinwand. Dabei wirken die Kinder laut Kritiker Andreas Wilink so autonom, dass man keine Angst haben muss, sie würden vorgeführt.

Karin Fischer: Ende des Monats startet das Theaterfestival "Impulse" in vier Städten hier im Westen, das alle zwei Jahre das Best Of der freien Szene vorstellt. Das ist insofern hilfreich, als die Produktivität der freien Gruppen so enorm und zudem zunehmend international ausgerichtet ist, dass man schon mal den Überblick verliert. Es gibt dort nach wie vor viel Kleines, Experimentelles, aber eben auch ein paar Namen, die man im Auge behalten sollte. Dazu gehören die Gruppe She She Pop, deren Produktion "Testament" beim Berliner Theatertreffen zu sehen war und auch die "Impulse" eröffnen wird, oder Gob Squad, ein anderer Altmeister der freien Szene. "Before your very eyes" war jetzt im FFT Juta in Düsseldorf zu sehen, die zweite Station nach Berlin, und weil dort die Theaterscouts begeistert waren und auch schon Mitglieder der Theatertreffen-Jury gesichtet worden sein sollen, wollen wir wissen, was es mit dieser neuen Produktion von Gob Squad auf sich hat. – Andreas Wilink, was passiert da vor unser aller Augen?

Andreas Wilink: Wir sehen sieben Kinder, sieben Heranwachsende zwischen acht und 14 Jahren, als seien sie in einem, bei Peter Pan würde es heißen, Nimmerland, aber einem Nimmerland der Wirklichkeit. Das Publikum beobachtet diese sieben, aus Gent kommenden und folglich auch Flämisch sprechenden Kinder hinter einer Wand aus einseitig verspiegeltem Glas. Sie sind in einem Raum wie Labortierchen bei einem Experiment, und diese unglaublich präzisen Kinder, natürlich Laien, blicken in die Zukunft, auf sich selbst als Erwachsene, und gleichzeitig auch zurück in ihre Vergangenheit.

Fischer: Wie muss man sich das vorstellen, wenn Kinder Erwachsenwerden spielen? Heißt das, dass wir das Älterwerden durch ihre Gedanken gespiegelt bekommen, oder gibt es eine Art Drehbuch, das diese Kinder vorführen?

Wilink: Also zunächst gibt es eine Stimme, eine Stimme aus dem Off, eine sanft insistierende Stimme, so ein bisschen wie mit so einem suggestiven Kaufhausklang, und die gibt freundlich, aber sehr bestimmt Anweisungen. Man könnte sagen, Big Sister is watching you. Diese Stimme fordert zu Bekenntnissen und zu Selbstbegegnungen der sieben heraus, setzt gewissermaßen die biografische Uhr in Bewegung, zwingt sie auch zum Wachstum und zum älter werden, was einmal ganz hübsch ist, weil sie das als Gliederreißen und Dehnungsübungen des Körpers zeigen. Es wird viel Musik gemacht und getanzt, viel funktioniert also über den körperlichen Ausdruck. Dadurch vermitteln sich Bewusstsein, Gefühl und auch die psychische Konstitution. Es ist eigentlich wie ein Schattenboxen mit dem eigenen Ich, und das wird immer sehr schön in Situationen übersetzt. Methodisch wird bei dieser Produktion, die auch eine Langzeitstudie war der Gruppe Gob Squad mit einem Theater in Gent, die Kamera eingesetzt. Das heißt, die Kinder treffen sich zum Dialog auch mit ihrem jüngeren, vielleicht ein oder zwei Jahre jüngeren Selbst, und das wird dokumentiert von einer Videoaufzeichnung und übertragen auf zwei, seitlich der Bühne positionierte Leinwände. Das heißt, der ältere sagt sozusagen zu seinem jüngeren Ich, wenn der ihn irgendwas fragt, ach, ich habe da gar keinen Bezug mehr dazu, wenn er zum Beispiel nach einem Liebesbrief fragt, den er früher geschrieben hat, und er antwortet dann, ich kenne dich besser als du denkst, was ja eine hübsche Pointe ist.

Fischer: Andreas Wilink, es ist ein altes Sprichwort, dass Kinder und Tiere auf der Bühne nichts verloren haben, vermutlich, weil in deren unverstelltem Spiel zu viel Konkurrenz für den Schauspieler lauert. Andererseits sind Kinder schützenswerte Wesen, auch was das vorgeführt werden auf einer Bühne betrifft. Haben Sie da gar keine Bedenken?

Wilink: Nein. Also ich bin sehr überrascht gewesen, wie unglaublich souverän und gleichzeitig sehr bei sich selbst diese Kinder sind. Sie sind so authentisch oder autonom, dass man diese Befürchtung nicht haben muss.

Fischer: Die Produktivität des Stadttheaters, so heißt es immer, wird auch viel von den Impulsen, von den Experimenten der freien Szene genährt. Andererseits besteht auch die Gefahr, dass die freie Szene heutzutage sozusagen vom Stadttheater vereinnahmt wird. Wenn diese Produktion eine gute ist, was sagt das über den Stand der freien Szene heute aus?

Wilink: Na ja, die freie Szene folgt ja sozusagen einer Partisanenstrategie. Sie ist flexibler, sie ist international vernetzt, sie braucht weniger Apparat, ganz wichtig, sie kann mehr Recherche leisten, sie funktioniert über kleinere Produktionszentren und kreative Zellen. Gob Squad ist dafür eigentlich ein sehr gutes Beispiel. Diese Produktion ist zwischen Gent, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und mehreren Festivals in Europa entstanden und das Performancetheater, wie wir es kennen, das interaktive, dieses Reality-Theater, das sich ja im Sog vom Rimini-Protokoll, um eine Gruppe zu nennen, entwickelt hat, zeigt immer echte Menschen, echte Biografien, echte Türken, echte Väter, wie bei She She Pop, die Sie erwähnten, oder hier eben echte Kinder, wobei Gob Squad das auch schon ironisch so annonciert, frei nach dem Motto, holt mich hier rein, ich bin kein Star, und das Stadttheater hat diese freie Szene an ihren Schnittstellen von Kunst, Film, Video, Musik und sozialen Interventionen nicht nur herausgefordert, sondern hat sie mittlerweile selbst so verinnerlicht und die Protagonisten teils integriert. Gob Squad arbeitet ja zum Beispiel auch zusammen mit dem Schauspielhaus Köln.

Fischer: Andreas Wilink über "Before your very eyes”. Das neue Stück mit echten lebendigen Kindern von Gob Squad machte jetzt im Düsseldorfer FFT Juta Station.


Mehr Informationen:
Gob Squad & Campo: " Before Your Very Eyes"
Gob Squad



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