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StartseiteInformationen am MorgenElternarmut macht Kindern Stress12.09.2016

KinderarmutElternarmut macht Kindern Stress

In Deutschland ist die Kinderarmut in den vergangenen Jahren gestiegen - und das obwohl die Wirtschaft wächst. Jedes siebte Kind lebt inzwischen in einer Familie, die auf staatliche Grundsicherung, also Hartz IV, angewiesen ist. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh.

Von Silke Tornede

Ein Kleinkind steht vor einer Glasscheibe in einer Kita in Dresden im Mai 2015 (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)
Kinderarmut hat auf Dauer gravierende Folgen, warnen Experten (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)
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Es ist Essenszeit im HoT Zefi, ein Haus der offenen Tür im Bielefelder Süden. Rund 30 Kinder bekommen in der Jugendeinrichtung regelmäßig eine warme Mahlzeit. Der Mittagstisch wird über Spenden finanziert und ist für viele Familien im Stadtteil ein wichtiges Angebot, sagt Sozialpädagoge Axel Bartelsmeier. Er weiß, dass bei vielen Eltern hier das Geld knapp ist - und längst nicht immer bis zum Monatsende reicht: 

"Das stellen wir tatsächlich ganz klar fest. Man kann es mal ganz platt sagen: Gegen Ende des Monats ist der Hunger hier größer."

Studie: Fast zwei Millionen Kinder leben von Hartz IV

Einkommensarmut und ihre Folgen. Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung wachsen in Deutschland fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche in  Familien auf, die von staatlicher Grundsicherung, also Hartz IV, leben. Das sind fast 15 Prozent der unter 18-Jährigen, so der Stand im Jahr 2015. Im Vergleich zu 2011 ist die Zahl  gestiegen. Und das, obwohl es den Deutschen wirtschaftlich immer besser geht, sagt Anette Stein von der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh:

"Es ist tatsächlich erstaunlich, dass Kinder nicht an der wirtschaftlichen positiven Entwicklung teilhaben. Und das zeigt uns, dass die Politik, die für Kinder oder Familien gemacht wird, offensichtlich nicht wirksam ist."

Besonders schwer haben es Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern. Von Bundesland zu Bundesland gibt es große Unterschiede: In Bremen ist die Kinderarmut mit einer Quote von fast 32 Prozent am höchsten. Auch in Ostdeutschland leben überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche von Hartz IV. Ein weiteres Problemland ist Nordrhein-Westfalen: Hier ist die Quote auf 18,6 Prozent gestiegen.

Hartz IV ist hoher Stressfaktor für Eltern und Kinder

Was das für Kinder heißt, bekommen die Mitarbeiter im Bielefelder HoT Zefi täglich mit. Viele Familien fühlen sich abgehängt, oft reicht das Geld nicht für das Nötigste, eine warme Winterjacke oder frisches Obst, von kleinen Extras ganz zu schweigen, sagt Sozialpädagoge Axel Bartelsmeier:  

"Es ist wirklich ein hoher Stressfaktor, wenn man im Hartz-IV-Bezug ist und wirklich keine Chance hat, sich da rauszustrampeln. Und dieser Stress der Eltern überträgt sich natürlich auf die Kinder. Wir haben dann beispielsweise Kinder, die komplett zurückgezogen sind. Wir haben Kinder, die diese negative Energie raustoben müssen."

Gemeinsam Essen, toben und dann zusammen Schulaufgaben machen - in der evangelischen Jugendeinrichtung genießen es die Kinder, dass sie so intensiv unterstützt werden. Wie wichtig das ist, betont Anette Stein von der Bertelsmann Stiftung. Denn Experten warnen: Kinderarmut beeinträchtigt die Chancen für das ganze Leben.

Je länger Kinder in Armut leben, desto schlimmer die Folgen

"Unsere Studie zeigt, dass je länger Kinder in Armut leben, desto gravierender sind die Folgen und Risiken für ihr gesamtes Aufwachsen. Arme Kinder sind häufig sozial isoliert, gesundheitlich beeinträchtigt, und ihre gesamte Bildungsbiografie verläuft deutlich problematischer als die von Kindern, die in gesicherten Einkommensverhältnissen groß werden."

Die Kinder können ihre Lebenssituation nicht selbst ändern, hier müsse der Staat aktiv werden. Die Stiftung fordert unter anderem, die staatliche Grundsicherung von Kindern zu überdenken und sie an den tatsächlichen Bedarf von Heranwachsenden anzupassen. Die Stiftung will mit Experten dazu eigene Vorschläge erarbeiten und im kommenden Jahr ein Konzept vorlegen.

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