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StartseiteBücher für junge LeserViel mehr als nur Fantasy20.01.2018

Kinderbuchverlag Little IslandViel mehr als nur Fantasy

Stoffe aus irischen Mythen und Märchen, vor allem aber realistische Fiktion: "Little Island Books" ist der einzige irische Verlag, der ausschließlich Bücher für junge Leser publiziert. Doch das von der Autorin Siobhán Parkinson gegründete Haus hat es auf dem internationalen Markt nicht leicht.

Von Siggi Seuss

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Jenn Ireland / The Californian.Second grader Abby Hobbs, center, flips through her brand new copy of Nate the Great , by author Marjorie Weinman Sharmat, while sitting with her classmates in the cafeteria of Wingland Elementary School Friday morning. Around 130 copies of the book were handed out to the school s second grade students by the North Bakersfield Rotary, in an effort to increase interest in reading at home and to improve reading skills. _ (imago / Zuma Press)
Kinder, die gerne lesen, finden nur wenig Jugendliteratur aus Irland bei deutschen Buchhändlern (imago / Zuma Press)
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Begeben wir uns gleich zu Beginn in ein nächtliches Abenteuer des jungen Finbar Flynn, von seinen Mitschülern "Finbar Streberlein Flynn" genannt. Der brave Flynn, der im historischen Ort Kells im Südosten Irlands lebt, macht gerade etwas, das ihm gar nicht ähnlich sieht.

"Ich klettere aus dem Fenster. Es ist Mitternacht. Vorsichtig trete ich ins Blumenbeet unter meinem Schlafzimmerfenster. Mit der Taschenlampe leuchte ich um meine Füße herum, damit ich die preisgekrönten Gladiolen meines Vaters nicht zertrample."

So beginnt "Grens Geist", eine spannende und überraschend endende Kurzgeschichte der irischen Autorin und Illustratorin Marie-Louise Fitzpatrick.

"Ich ziehe das Fenster wieder zu und lege mein Schullineal zwischen Rahmen und Fensterbrett. Ich will mich ja nicht selber ausschließen. Es wäre nicht ratsam, an der Haustüre zu klingeln, wenn ich zurückkomme. Meine Mutter würde sich nie von dem Schreck erholen, zu erfahren, dass ihr über alles geliebter einziger Sohn mitten in der Nacht durch die Gegend streunt. Meine Eltern glauben, ich sei ganz brav. Und normalerweise bin ich das auch. Heute nacht aber steige ich aus dem Fenster."

Bücher für ausschließlich junge Leser

Die Geschichte findet sich einem von Eoin Colfer - wir kennen den irischen Autor zumindest von seinem Fantasy-Welterfolg "Artemis Fowl" -, die Geschichte findet sich in einer von Colfer herausgegebenen Anthologie. "Once upon a Place". "Es war einmal an einem Ort ..." ist ein, nicht ins Deutsche übertragene Buch mit Erinnerungen irischer Autoren und Autorinnen an mehr oder weniger magische Orte ihrer Kindheit oder ihrer Gegenwart. Die Sammlung erschien vor zwei Jahren im Dubliner Kinderbuchverlag "Little Island Books", der von der bekannten Autorin, Übersetzerin und Verlegerin Siobhán Parkinson vor sieben Jahren gegründet wurde und inzwischen mit zwei Angestellten sieben bis zehn Bücher pro Jahr, vornehmlich irischer und einiger Autoren aus anderen Ländern, auf den Markt bringt. "Little Island Books" ist der einzige irische Verlag, der ausschließlich Bücher für junge Leser publiziert.

"Es war nicht wirklich ein sorgfältig geplanter Karriereweg. Ich bin zwar froh, dass ich's getan hab, aber sorgfältig geplant war das nicht. Es ist einfach passiert. Unser Grundsatz ist: jeder kann uns seine Ideen mitteilen und seine Manuskripte einreichen. Ich verbringe sehr viel Zeit damit, alles zu sichten. Wir bevorzugen irische Autoren und fast alle unsere Bücher sind von irischen Autoren geschrieben, aber auch Menschen ohne Beziehung zu Irland können uns Manuskripte schicken."

Nicht zuletzt das vielschichtige und von P.J. Lynch schwarzweiß illustrierte "Once upon a Place" - mit Texten unter anderem von Herausgeber Eoin Colfer, von Roddy Doyle, John Connolly, Derek Landy und Siobhán Parkinson -, nicht zuletzt "Once upon a Place" wirft die Frage auf, wie sich der deutsch-irische Kinderliteraturaustausch augenblicklich gestaltet. Deutsche Autoren und Autorinnen findet man in Irland vornehmlich im Angebot britischer Verlage. Der irische Verlag mit dem größten Angebot an Kinder- und Jugendliteratur, O'Brian Press, hat im neuen Katalog kein einziges Buch deutscher Autoren gelistet. In der Backlist von Little Island Books sind immerhin drei - von Siobhán Parkinson selbst übersetzte - Bücher deutscher Autoren beziehungsweise. Illustratoren zu finden:Tamara Bachs "Was vom Sommer übrig ist", Kirsten Reinhardts "Fennimores Reise oder Wie man Dackel im Salzmantel macht" und Binette Schroeders "Der Zauberling".

Anfänglich interessierten sich deutsche Leser vor allem für Geschichten, die mit irischen Märchen und Mythen spielten. Nicht zuletzt beförderte Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch" und die Entdeckung Irlands als Reiseland dieses Interesse. Das war in den 1980er und 1990er Jahren, in der Zeit, in der - sagt Siobhán Parkinson - die irische Kinderliteratur der Gegenwart gerade Profil gewann.

Irische Jugendliteratur in Deutschland schwach vertreten

"Ich war einmal Co-Herausgeber des IBBY-Journals für Kinderliteratur, einer Publikation des Internationalen Kuratoriums für das Jugendbuch. Wir beobachteten die Entwicklung in verschiedenen Ländern und baten Menschen, darüber zu schreiben, wie sich die Kinderliteratur dort entwickelt hat. Wir haben dieses Muster überall gefunden. Dass, wenn ein Land beginnt, eine eigene Kinderliteratur zu entwickeln, die ersten Bücher historische Inhalte haben oder von den Mythen des Landes handeln. Das trifft sicherlich auf Irland zu."

Eoin Colfer spielte in seinen acht "Artemis Fowl"-Romanen 2001 bis 2013 virtuos mit dem Stoff aus dem irische Märchen und Mythen sind - und er verband die landestypischen Eigenarten so geschickt mit globalen Zutaten von Fantasy und Crime, dass sich junge Leser in aller Welt für die Geschichten begeisterten. Weltweit erfolgreich ist seit 2007 - wenn auch auf einem weniger komplexen literarischen Niveau - der irische Autor Derek Landy mit seiner "Skulduggery Pleasant"-Fantasyreihe um einen zaubernden Skelett-Detektiv, von der vor kurzem Band 10, "Auferstehung", erschienen ist. Aber abgesehen von diesen umfangreichen Fantasyschmökern, abgesehen von John Boynes umstrittenen Roman über die Verführbarkeit eines jungen Menschen im Dunstkreis Adolf Hitlers, "Der Junge auf dem Berg", und Marie-Louise Fitzpatricks Bilderbuch "Fledereule Eulenmaus", abgesehen davon kann man neue Bücher irischer Kinder- und Jugendbuchautoren auf dem deutschen Buchmarkt an einer Hand abzählen.

"Ich würde nicht sagen, dass Geschichte und Mythen aus der Kinderliteratur verschwunden sind, aber wir haben inzwischen andere Stoffe entwickelt. In unserem Verlag erscheint überwiegend realistische Fiction, weil das unseren eigenen Vorlieben entspricht, insbesondere meinem Geschmack. Aber wir beschäftigen uns nicht mit großer, reiner Fantasy, mit dem immerwährenden Kampf von Gut gegen Böse - das ist nicht mein Genre. Für solche Art von Büchern wäre ich keine gute Sachverständige. Aber das heißt nicht, dass es in unseren Büchern keine magische Elemente gibt."

"Als mich heute Gren Harrington in der Schule zur Seite genommen und mich gefragt hat, ob wir uns zehn Minuten nach Mitternacht auf dem Seven Castles Parkplatz treffen könnten, hätte ich nein sagen sollen. Aber stattdessen stimmte ich zu. Weil das alle tun, wenn Gren Harrington auf sie zugeht. Ich habe ihn oft von meinem Platz im Klassenzimmer aus beobachtet und habe mich gefragt, warum ich das tue. Vielleicht liegt es an seinem Charisma. Ich habe nachgelesen, was das bedeutet: magnetische Anziehungskraft oder Attraktivität. Und, tatsächlich, genauso ist es. Ich schätze mal, dass es das war, was geschah, als er heute im Schulflur auf mich zukam und sagte: "Also, Flynn, die anderen Jungs halten dich für einen ziemlichen Waschlappen, aber ich glaube, dass in dir mehr drinsteckt als man vermutet. Hab ich recht?" Ich erwischte mich dabei, dass ich nicken wollte. Aber ich war mir überhaupt nicht sicher, dass da wirklich was in mir drinsteckte."

"Ich weiß wirklich nicht, warum dieses Buch nicht ins Deutsche übersetzt ist. Es ist ein wundervolles Buch. Und die Geschichten sind sehr gut und sehr spannend. Klar, es geht um sehr spezifisch irische Geschichten. Aber, ich glaube, die Deutschen lieben Irland. Bis jetzt haben wir keine Rechte nach Deutschland verkauft. In andere englischsprachige Länder ja, viele nach Nordamerika, ein paar nach Australien. Wir haben sogar Rechte nach Brasilien verkauft - das war einfach schön -, aber bis jetzt haben wir keinen Erfolg bei deutschen Verlagshäusern. Wir haben mit Arena gesprochen, wir pflegen gute Beziehungen zu Carlsen und Oetinger. Wir haben von ihnen Bücher gekauft, aber sie bis jetzt nicht von uns."

Moderne Version klassischer Märchen

Die Antwort, die Siobhán Parkinson von deutschen Verlagen immer wieder erhält, endet meist mit den Worten: "Wir mögen Ihre Geschichten, aber bei uns verkauft sich das nicht."

"Hier in Irland ist "Once upon a Place" ein Standardbuch für ein neun Jahre altes Kind. Es ist ein ziemlich dünnes Buch. Die Deutschen lieben dicke Bücher. Ich meine nicht die individuellen Leser, ich meine die deutschen Verleger. Und üblicherweise veröffentlichen wir keine dicken, fetten Bücher. Möglich, dass wir dieses Buch in Deutschland nicht verkaufen würden, weil es zu dünn ist. Wir können nicht erwarten, dass deutsche Leser dafür etwas zahlen. Es steht nicht genug drin."

Ja, was verkauft sich denn dann? Fantasy - wie die von Colfer und Landy, Stories von Roddy Doyle. Und natürlich die Klassiker von Jonathan Swifts "Gullivers Reisen" bis CS Lewis' "Chroniken von Narnia". Aber der Markt ist mit Geschichten und Geschichtchen jeglicher Provenienz übersättigt.Bei kürzeren Romanen mit Alltagsgeschichten gibt es eine enorme, qualitativ hochwertige Konkurrenz aus USA, aus Großbritannien, aus den Niederlanden, aus Skandinavien. So bleibt Siobhán Parkinson nichts anderes übrig, als streng auf die Qualität der Texte ihrer Autoren und Autorinnen zu achten und weiterhin den Kontakt zu ausländischen Verlegern zu pflegen, auf den Buchmessen in Bologna und in Frankfurt. Mittlerweile grenzenlos erfahrbare und vor allem grenzenlos verkaufbare Themen wollen irische Autoren aus originellen Blickwinkeln heraus betrachten, wie etwa die Erzähler in "Once upon a Place" die ihnen vertrauten magischen Orte der Kindheit oder Deirdre Sullivan die klassischen Märchen der Gebrüder Grimm oder H.C. Andersens im vor kurzem erschienenen Erzählband "Tangleweed and Brine", zu deutsch etwa "Hexenhaar und Pökelsalz".

"Ein Roman für junge Erwachsene. Das ist eine moderne Version klassischer Märchen - zum Beispiel der der Gebrüder Grimm und der von Hans Christian Andersen. Mit einem höchst unterschiedlichen Duktus. Sehr modern, sehr feministisch. Manchmal sind die Hinweise auf die klassischen Vorlagen ziemlich versteckt, so dass man auf den ersten Blick nicht einmal weiß, was die Geschichten mit Schneewittchen oder Die kleine Seejungfrau zu tun haben. Dazu gibt es wieder einmal wundervolle Illustrationen. Ich glaube, das ist ein Buch, das die Deutschen lieben würden."

"Als du jung warst, warst du makellos. Ganz und gar makellos. Das Haus, der Teppich, die Wände konnten schmutzig sein. Aber niemals du. Sie ließ dich in eine Badewanne plumpsen. Du hast mit deinen Beinchen gestrampelt und dabei zugesehen, wie sie ein wenig rot wurden. Sie hat dich gewaschen und sie hat dir etwas vorgesungen und dir kleine Geschichten erzählt, damit du keine Angst hattest, unterzutauchen. So nah am Ertrinken. So fern davon. Frauen wie wir, sagte dir deine Mutter, die fühlen alles ganz tief. Das war schon immer so. Du musst dich für die Liebe entscheiden. Für die Liebe. Nicht für den Hass. Sei einfühlsam und freundlich und sei meine Tochter.
Das sagst du dir heute.
Immer und immer wieder.
Worte sind keine Wahrheiten. Dein Vater hat dir gesagt, er habe dich geliebt. Hat er nicht. Nicht, nachdem sie gestorben war. Und dann warst du hier. Allein in diesem Haus. Er ging zur Arbeit und schloss die Tür. Du lerntest, dich selbst zu versorgen. Aufzuräumen. Es fertig zu bringen, dich damit zu begnügen. Bis er nach Hause kam."

Abwanderung irischer Autoren zu britischen Verlagen

Ein Zitat aus Deidre Sullivans Aschenputtel-Version "Slippershod", "Pantoffelschühchen". Trotz Siobhán Parkinsons Beharren auf literarischer Qualität und ungewöhnlichen erzählerischen Blickwinkeln: "Little Island Books" werden es schwer haben, sich auf diesem gigantischen internationalen Buchmarkt zu behaupten, in dem die Großen und Mächtigen die Fließrichtung des Mainstreams bestimmen. Auch die Abwanderung vieler irischer Autoren und Illustratoren zu britischen Verlagen wird sich nicht verhindern lassen. Dort wird einfach besser bezahlt. Und schließlich haben gerade kleine Verlage mit der Aufhebung der Buchpreisbindung in Irland und Großbritannien zu kämpfen.

Wer in diesem Konkurrenzkampf als Kleinverlag überleben möchte, sollte nicht über sich selbst hinauswachsen und sich gleichzeitig nicht von den zahlreichen Geschichten entfremden, die nach wie vor im alten und im jungen Irland schlummern.

Marie-Louise Fitzpatrick: Gren's Ghost. In: Eoin Colfer (Hrg): Once upon a Place.
Little Island Books, Dublin 2015, 210 Seiten, 11,99 Euro

Deirdre Sullivan: Slippershod. In: Tangleweed and Brine.
Illustrated by Karen Vaughan. Little Island Books, Dublin 2017, 162 Seiten, 11,99 Euro

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