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Kinderheime in der DDRDie Hölle der Spezialheime

Wie viele Kinder und Jugendliche zu DDR-Zeiten in sogenannten Spezialheimen untergebracht waren, ist unklar: einige sprechen von 135.000, andere sogar von einer halben Million Kindern. Zwei Neuerscheinungen widmen sich diesem Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven.

Von Isabell Fannrich-Lautenschläger

Eine Informationstafel mit der Aufschrift "Geschlossene Unterbringung" steht am 14.09.2013 neben dem Gebäude des ehemaligen Jugendwerkhofes und der heutigen "Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof" in Torgau (Sachsen). (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Eine Gedenkstätte in Torgau erinnert an das Schicksal der DDR-Heimkinder. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Es ist eine von vielen DDR-Heimkind-Geschichten, aber kaum jemand erzählt sie so lebendig wie Kerstin Gueffroy. Die 48-Jährige beherrscht ihr Handwerk, tritt sie doch seit Jahren als Zeitzeugin an Schulen auf. Bis vor kurzer Zeit hat sie auch ehemalige Heimkinder betreut und beraten. Gueffroy kennt deshalb viele unterschiedliche Lebensläufe.

In ihrem autobiografischen Bericht jedoch bleibt sie ganz bei sich. Auf den gut 200 Seiten blickt sie auf das zurück, was ihr Leben geprägt hat: den Weg durch das staatliche Erziehungssystem der DDR, was heißt, kinderpsychiatrische Klinik, Kinderheim, dann Durchgangsheim, Jugendwerkhof Hummelshain – und schließlich der geschlossene Jugendwerkhof Torgau, das berüchtigtste aller DDR-Erziehungsheime. Viereinhalb Monate lang musste sie durch "Die Hölle von Torgau", wie das Buch heißt:

"Die Ankunft überhaupt, die Einweisungsprozedur mit Haare abrasieren, diese Desinfektion, das erste Mal nackt mit 16 Jahren vor einem Erzieher zu stehen. Das Schamgefühl ist so kaputt gegangen. Ich habe gedacht, ich bin wirklich gläsern. Das war so der schlimmste Eindruck. Dann in eine Zelle geschmissen werden für drei Tage. Man hat sonst 24 Stunden am Tag Menschen um sich rum gehabt, Jugendliche, Erzieher, alles. Das 24-stündige Sprechverbot und die absoluten Strafmaßnahmen, die es gab. Ganz schwer ist mir auch gefallen der Toilettengang, dass man den überhaupt nicht alleine machen konnte, gerade, wenn man seine Regel hatte als Mädchen – das war so beschämend."

Verstörende Schilderungen

Die anschaulichen Schilderungen Gueffroys verstören, auch, wenn vieles über Torgau bereits bekannt ist. Hier wurden die Jugendlichen voneinander isoliert, um sie psychisch zu brechen und für den Sozialismus umzuerziehen. Männliche Erzieher betreuten – und schikanierten - die Mädchen, weibliche die Jungen. Nach acht Stunden Arbeit mussten die gefangenen 14- bis 18-Jährigen bis zum Umfallen Sport treiben. Schaffte das einer nicht, straften die Erzieher die ganze Gruppe – und diese rächte sich nachts im Schlafraum.

Bereits die Einweisung – die Margot Honecker als Ministerin für Volksbildung genehmigte – bezeichnet Kerstin Gueffroy als Verstoß gegen die Menschenrechte. Jugendliche, die hinter die Mauern und Gitter von Torgau kamen, hätten weder eine Straftat begangen noch vor einem Jugendrichter gestanden.

"Ich war, genau wie jedes andere Heimkind, nur ein Spielball einer tiefschwarzen Pädagogik, die sich zuallerletzt für das Wohl des Kindes interessierte."

Kerstins Unglück, so zeigt die Rückblende, verantwortet damals allerdings nicht nur der Staat. Die Autorin erzählt in der ihr eigenen emotionalen Sprache auch die Geschichte eines Verrats – den durch die lieblose Mutter.

Der familiäre Konflikt entzündet sich daran, dass Kerstin als Kind und Jugendliche jahrelang nachts, wie sie es nennt, einnässt. Daran ändert auch der Aufenthalt in der Kinderpsychiatrie nichts.

Im Sommer 1983 steht sie plötzlich am Abgrund: Sie ist 14 Jahre alt, und ihre Mutter und ihr Stiefvater laden sie wortlos samt Koffer ins Auto. Vor einem mächtigen Gebäude liest sie das Schild: "Spezialkinderheim Pretzsch an der Elbe, Adolf-Reichwein" - ihre erste Station.

"Ich war für einen Moment wie erstarrt, in meinem Kopf drehte sich alles, verzweifelt versuchte ich, einzuordnen, was hier gerade mit mir passierte. Ich wollte meine Mutter fragen, ob es wirklich sein konnte, dass sie mit ihren Heimdrohungen ernst machte. Und tatsächlich drehte ich mich um, um ihr diese Frage zu stellen. Sie war nicht mehr da."

Warum die Mutter sich so verhielt, und welche Rolle ihre Geschwister dabei spielten, beantwortet das Buch nicht.

"Mit der Zeit entwickelte ich eine regelrechte Meisterschaft darin, keinerlei Emotionen nach außen mehr zu zeigen. Ich verkniff mir jegliche Mimik, lachte nicht, weinte nicht, versuchte, überhaupt nicht mehr nach außen dringen zu lassen, wie es wohl in mir drin aussehen könnte."

Aufarbeitung der 48 Spezialheime in den Bezirken Magdeburg und Halle

Kerstin Gueffroy ist nicht die erste Autorin, die über die sogenannten Spezialheime für Schwererziehbare oder, als Sonderfall, den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau schreibt. Neben anderen Autobiografien veröffentlichte Grit Poppe 2009 den eindrucksvollen Jugendroman "Weggesperrt", in der sie die Geschichte Gueffroys aufgreift. Als im Jahr 2012 der "Fonds Heimerziehung in der DDR" mit rund 40 Millionen Euro ausgestattet wurde, entstanden außerdem zahlreiche Studien.

Eine Lücke für das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt schließt nun der Band "Ich nenne es Kindergefängnis ..." von Ralf Marten. Der Titel zitiert einen Zeitzeugen. In der komprimierten Untersuchung rückt der Historiker die 48 Spezialheime der früheren Bezirke Magdeburg und Halle in den Mittelpunkt.

Marten, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus, skizziert den aktuellen Forschungsstand zum Thema DDR-Heimerziehung und beschreibt in übersichtlicher Weise das System der Spezialheime, die rechtlichen Grundlagen einer Einweisung, ihre Gründe, das Aufnahmeverfahren und die Erziehungsmethoden. So belegt Marten, dass in den 80er-Jahren immer mehr Kinder und Jugendliche wegen angeblicher Disziplinschwierigkeiten ins Heim kamen. Aufschlussreich ist auch das Kapitel über die Einflussnahme der DDR-Staatssicherheit:

"Der Bereich der DDR-Jugendhilfe und Heimerziehung wurde vonseiten der Stasi nicht als vorrangiges Ziel betrachtet. Dennoch bestand eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Einrichtungen der Jugendhilfe und der Stasi. Informationen über die Spezialheime wurden akribisch gesammelt und ausgewertet. Insbesondere bei Kindern von Republikflüchtlingen, bei jugendlichen Republikflüchtlingen, "elternlosen und familiengelösten Kindern" und Jugendlichen mit "Fehlentwicklungen und verfestigten negativen Einstellungen" zur DDR übernahm die Stasi zum Teil die Ermittlungen. Inoffizielle Mitarbeiter kamen in der Jugendhilfe und Heimerziehung zum Einsatz."

Viele Heimkinder sind ihrer Würde beraubt und gebrochen worden, lautet das Fazit beider Autoren. Obwohl das Buch von Kerstin Gueffroy ihren starken Lebenswillen zum Ausdruck bringt, ist Torgau für sie ein Albtraum geblieben. Als sie, viele Jahre nach den Ereignissen, auf dem Weg zur Kur am Ortsschild von Torgau vorbei fuhr, brach sie zusammen. Haushalt, Arbeit und Kinder wuchsen ihr über den Kopf. Der Arzt wies sie schließlich in die geschlossene Klinik ein, wo sie einen Suizid versuchte.

"Ich selber könnte mich dafür jeden Tag neu bestrafen, dass ich in dem Augenblick, als ich das getan hab, nicht an meine Kinder gedacht habe. Sie waren so alt wie ich damals. Der große war 16, der kleine 13. Und dann habe ich gesagt: Nein, ich kämpfe wenigstens für sie, weil ich lasse sie nicht so im Stich, wie man mich im Stich gelassen hat. Und dann habe ich fünf Jahre lang angefangen, wirklich Hardcore-Therapie zu machen, mit Borderline-Phasen zwischendurch, Anträge stellen, Akteneinsicht, das war ein harter, harter Weg."

Buchinfos:
Kerstin Gueffroy: "Die Hölle von Torgau: Wie ich die Heim-Erziehung der DDR überlebte", Orell Füssli Verlag, 224 Seiten, Preis: 19,95 Euro
Ralf Marten: "'Ich nenne es Kindergefängnis ...': Spezialheime in Sachsen-Anhalt und der Einfluss der Staatssicherheit auf die Jugendhilfe der DDR", Mitteldeutscher Verlag, 224 Seiten, Preis: 14,95 Euro

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