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StartseiteThemen der WocheIm Zweifel für das Kind22.02.2014

KinderpornografieIm Zweifel für das Kind

Ein Wort dominiert die Debatte um Sebastian Edathy und die Frage, ob Deutschland keine schärferen Gesetze braucht, um den Handel mit Kinderpornografie zu bekämpfen: Ekel.

Von Ines Pohl, "die tageszeitung" (taz)

Ein trauriges Kind vor einem zerbrochenen Spiegel (Stock.XCHNG / kat callard)
"Allein vom konkreten Bildmaterial auszugehen, reicht dabei nicht, um gesetzliche Grenzen zu definieren." (Stock.XCHNG / kat callard)
Weiterführende Information

Harmlose Bilder oder Kinderpornografie? (Deutschlandfunk, DLF-Magazin, 20.02.2014)

Wir können nur mit denen umgehen, die Hilfe suchen" (Deutschlandradio Kultur, Interview, 20.02.2014)

Opferverband: Kein Recht auf Nacktfotos von fremden Kindern (Deutschlandfunk, Interview, 19.02.2014)

Empörung ist ein schlechter Ratgeber (Deutschlandfunk, Kommentar, 18.02.2014)

Nun ist Ekel aber kein Kriterium, wenn es darum geht, zu definieren, ob etwas strafrechtlich relevant ist oder nicht. Wenn es um Rechtsprechung geht, darf es keine Rolle spielen, ob eine Mehrheit oder eine Minderheit irgendetwas widerlich findet, abstoßend oder unnormal.

Es gibt Menschen - überwiegend Männer - die sich zu Kindern hingezogen fühlen, sie in ihrer Fantasie begehren. Menschen, die mit diesem Schicksal leben müssen, begehen mit ihrem Begehren allein noch keine Straftat. Sie schaden erst dann der Gesellschaft, wenn sie Gesetze brechen. Und nicht durch ihre Disposition, nicht durch das, was sie fühlen, was sie sexuell erregt. Entsprechende Rechte haben auch sie. Und die Gesellschaft hat auch ihnen gegenüber eine Fürsorgepflicht. Sie sollte Menschen mit diesen Neigungen helfen. Denn seine sexuellen Vorlieben sucht sich niemand aus.

Es gibt mittlerweile namhafte Einrichtungen, die seit vielen Jahren mit Betroffenen arbeiten und sie dabei unterstützen, dass aus dem Begehren keine Straftat wird. Dass also Wege gefunden werden, die Bedürfnisse auf einem Weg zu befriedigen, die anderen Menschen, die Kindern nicht schaden. Also mit harmlosen Bildern, mit Fotos, das haben wir in den vergangenen Tagen am Fall Edathy gelernt, die am besten der unbedenklichen Kategorie 2 entsprechen. Therapeuten führen hier gerne Bilder an, die beispielsweise in Kindermode-Katalogen zu sehen sind.

Die Vorstellung, dass Menschen mithilfe dieser Bilder ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen, mögen viele Zuhörerinnen und Zuhörer eklig finden. Gesetze werden damit nicht gebrochen.

Auch der Graubereich muss künftig strafbar sein

Wo nun aber verläuft die Grenze? Welche Bilder sollen erlaubt, welche müssen verboten werden? Kann man diese Grenzen überhaupt definieren? Muss der Gesetzgeber in diesem fließenden Graubereich nicht scheitern und ist damit der Vorstoß des noch frischen Justizministers Heiko Maas, für eine gesetzliche Verschärfung zu sorgen, nicht allein eine panische Reaktion auf das Erdbeben, das die Causa Edathy in der SPD ausgelöst hat? Und sind nationale Gesetzesverschärfungen nicht sowieso nur eine hilflose Geste im grenzenlosen, weltweiten Internethandel?

Nein. Im Gegenteil. In jeder Sekunde sind weltweit 750.000 Pädophile online, sagen die Experten. (*) Der Markt ist riesig. Und die Betreiber dieser Foren schrecken vor nichts zurück, um ihr Geschäft am Laufen zu halten. Armut und Unwissenheit der beteiligten Kinder und ihrer Familien werden brutal ausgenutzt. Es hat also Methode, dass ein Großteil des Materials aus armen osteuropäischen Ländern wie Rumänien kommt.

Allein vom konkreten Bildmaterial auszugehen, reicht dabei nicht, um gesetzliche Grenzen zu definieren. Denn es liegen genügend Beweise vor, die bestätigen, dass mit den ausgebeuteten Kindern unterschiedliche Fotos erstellt werden. Dass also ein vermeintlich harmloses Bild meist nur Teil einer Serie ist, in der das Kind zu Handlungen gezwungen wird, bei der eindeutig seine seelische und körperliche Unversehrtheit schweren Schaden nimmt.

Wenn der Gesetzgeber es ernst meint, und nicht nur strategisch auf der aktuellen Empörungswelle surft, muss er endlich klare Grenzen formulieren. Wer sich in einen Graubereich begibt, muss künftig dafür bestraft werden, wenn auch nur im Entferntesten die Möglichkeit besteht, dass die Persönlichkeitsrechte von Kindern durch die Foto- und Filmaufnahmen verletzt worden sind. Pädophile haben sich nicht für ihre Veranlagung entschieden. Sie können sich aber dafür entscheiden, sich helfen zu lassen und einen Umgang zu finden, in dem niemand zu Schaden kommt. Kinder, die für entsprechende Filmaufnahmen missbraucht werden, haben diese Wahl nicht. Deshalb muss, wenn es um sexuelle Gewalt an Kindern geht, ganz grundsätzlich gelten: Im Zweifel für das Kind.

 

(*) Anmerkung der Online-Redaktion: Der Kommentar wurde nachträglich auf Wunsch der Autorin geändert. 

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