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StartseiteBüchermarktKindheit in Kirgisien18.06.1998

Kindheit in Kirgisien

Soeben ist ein neuer Titel von Tschingis Aitmatow, dem bis vor einigen Jahren wohl bekanntesten sowjetischen Schriftsteller, erschienen: "Kindheit in Kirgisien". Für einen relativ großen Leserkreis ist dieser russisch schreibende kirgisische Schriftsteller zu einem Mythos geworden, zu einem bewunderten und verehrten Kult-Autor. Sein Werk mit seiner farbigen, bilderreichen Sprache, angesiedelt im exotischen Raum der schneebedeckten kirgisischen Bergwelt oder der unendlichen Weiten der kasachischen Steppe, erfüllt offensichtlich die Bedürfnisse vieler Leser, die von der westlichen anspruchsvollen Literatur längst nicht mehr befriedigt werden: Die Sehnsucht nach einer Welt, in der Gut und Böse noch klar getrennt ist, nach literarischen Figuren, die den Reiz des Fremden tragen und mit deren Wahrheitssuche man sich nichtsdestoweniger identifizieren kann, nach erhebenden Gefühlen, die gleichzeitig moralische Stärkung und Erbauung transportieren, nach starken poetischen Sinnbildern, deren Bedeutung sich mühelos sogleich jedem erschließt. Vor allem auch seine symbolträchtigen beseelten Tiergestalten - der Paßgänger Gülsary, der Kamelhengst Karanar, die Wölfin Akbara - haben die nach Einfühlung und Sinnstiftung durch Literatur lechzenden Herzen der Leser im Sturm erobert.

Karla Hielscher

Aitmatows neues Buch allerdings ist eine Mogelpackung. Es stellt den vorläufigen Endpunkt eines schriftstellerischen Werdegangs dar, der symptomatisch ist für den tiefen Umbruch, den die russische Literatur und ihre Funktion in der Gesellschaft seit einigen Jahren durchlebt. Deshalb zunächst ein Rückblick: Seit Tschingis Aitmatow mit der Erzählung "Dschamilja" (deutsch 1962) Weltruhm erlangte, ist seine Lesergemeine kontinuierlich gewachsen. In seiner ersten Schaffensphase verdankte er seine Beliebtheit der ganz eigentümlichen Verbindung von kirgisischer nationaler Tradition mit den Verfahren des sozialistischen Realismus der Sowjetliteratur. Sind doch seine gefühlsstarken Liebesgeschichten - trotz Unglück und Schicksalsschlägen - durchtränkt von einem zukunftsfrohen, optimistischen Lebensgefühl. Das gefiel den Lesern nicht nur in der Sowjetunion.

Seit Ende der 60er Jahre entwickelte Aitmatow, anknüpfend an die uralten geistigen Traditionen und konservativen Werte seines Volkes, ein tief tragisches Weltbild, das der herrschenden sowjetischen Fortschrittsideologie diametral entgegengesetzt war. Deshalb galten die Bücher Aitmatows, der als Deputierter des Obersten Sowjet und Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes jahrzehntelang einer der höchsten Literaturfunktionäre seines Landes war, als zuverlässiger Anzeiger für die Bewegungen im geistigen Leben der Sowjetunion. Während er sich in seinen öffentlichen Auftritten und publizistischen Äußerungen weiterhin völlig der herrschenden Parteilinie und Sprachregelung unterwarf, ließ sich an seinen Erzähltexten genau ablesen, wie weit die Tabugrenzen kritischer Themen, an die er immer wieder stieß, gezogen waren.

In Romanen wie "Abschied von Gülsary", "Der weiße Dampfer" und "Ein Tag länger als ein Leben" behandelt er aktuelle Gegenwartsprobleme der Sowjetgesellschaft in poetischen Sinnbildern, die er aus den Mythen seiner kirgisischen Heimat schöpft. Die Hinwendung zum Mythos als Ausdruck des Ewigen und Allgemeinmenschlichen ermöglichte es aber auch seiner großen Lesergemeinde in der ganzen Welt, sich in den geschilderten menschlichen Grundsituationen wiederzuerkennen und damit moralischen Halt und Orientierung zu finden.

In seinen besten Erzähltexten verbindet sich auf überzeugende Weise aktuelle politisch ideologische Auseinandersetzung und Vergangenheitsaufarbeitung mit den ewigen Grundfragen nach Leben und Tod, nach dem Verhältnis von Mensch und Natur, von Tradition und Fortschritt. Der Mythos etwa von der gehörnten weißen Hirschmutter als Symbol des richtigen Lebens des Menschen im Einklang mit der Natur oder das mythische Bild vom Mankurt als Metapher für den tödlichen Verlust des Gedächtnisses sind als unvergessene Sinnbilder in den Fundus der Literatur des 20. Jahrhunderts eingegangen.

Aitmatow selbst hatte sich stets als Dichter-Priester, Dichter-Prophet verstanden, dessen Aufgabe und Pflicht es sei, sowohl zur politischen Entwicklung der Gegenwart seine Meinung zu sagen, wie auch die ewigen Lebensfragen aufzugreifen und Antworten darauf zu geben. Mit der Zeit aber blieb die dichterische Kraft seiner Sprache immer mehr hinter seinen hochgesteckten Prätentionen als Seher und Mahner zurück. Außerdem funktionierte diese Rolle in der Gesellschaft nur, solange seine Texte durch Unterdrückung der Meinungsfreiheit und staatliche Zensur eine gewaltige politische und ideologische Brisanz entwickelten. Dies war zuletzt zu Beginn der Perestrojkajahre der Fall, in denen Aitmatows Wirkung in der Gesellschaft ihren Höhepunkt erreichte. Sein Roman "Der Richtplatz" von 1986 brach - mit der Thematik der Christusnachfolge, des christlichen Märtyrertods, der ökologischen Weltzerstörung - alle ideologischen Tabus. Das Buch wurde in der Sowjetunion und der DDR zu einer kaum zu überschätzenden Antriebskraft der geistigen Perestrojka.

Dabei ist der Roman künstlerisch zu großen Teilen indiskutabel. Die Verknüpfung von publizistisch aktuellen heißen Eisen und den ewigen Menschheitsfragen á la Dostojewskij ist fatal mißlungen. Die Passagen mit den Themen aus dem Evangelium sind von peinlicher Plattheit. Der Roman zerfällt in eine unverdauliche Mischung aus einfältigem religionsphilosophischem Traktat und zeitkritischer Reportage, aus ökologischem Tierepos und kitschigem Trivialroman. Trotzdem fand er auch in Westdeutschland begeisterte Leser. Wurde doch in diesen Jahren in bestimmten Kreisen von schwärmerischen Polit-Romantikern auch die gesamte Perestrojka als ein neues Heilsversprechen für die ganze Welt peinlich mißverstanden. Und so erwartete man wieder einmal das Licht aus dem Osten, und sei es auch nur in Form der allbekannten Evangelientexte in der versimpelten Sicht eines treuherzigen Neuentdeckers der christlichen Lehre. Schon also in der überdeutlichen Symbolik des "Richtplatzes" begann der hohe Ton hohl zu klingen. Mit dem Fallen der Zensur und aller Tabugrenzen jedoch trägt der prophetische Anspruch des Schriftstellers immer weniger.

Aitmatow selbst hat sehr bald gemerkt, daß er, wie er selbst schreibt "neue Pfade zum Herzen der Leser" suchen muß. Dies ist ihm bisher nicht gelungen. Sein nach langem Schweigen 1992 zuerst in Deutschland erschienener Roman "Das Kassandramal" markiert das absolute künstlerische Scheitern des Schriftstellers in seiner Prophetenrolle. Die apokalyptische Parabel vom Zeichen auf der Stirn der Schwangeren, mit dem die Embryonen kund tun, daß sie nicht in unsere katastrophische Welt hineingeboren werden wollen, ertrinkt in endlosem, ermüdenden Endzeitgerede. Einige wenige große poetische Bilder, deren Symbolik jedoch allzu aufdringlich erscheint, wie das vom Selbstmord der Wale werden in Form von Sendschreiben, Faxen und Televerbindungen zu Tode kommentiert. Die beschwörende Warnung des "kosmischen Mönchs" Filofej an die Menschen, die eigentlich so einfach zu verstehen wäre, ist in ihrer pseudowissenschaftlichen Mixtur aus christlichem, gentechnischen und evolutionstheoretischem Gedankengut auch für den gutwilligsten Leser einfach langweilig. Gerade weil Aitmatow in diesem Buch versucht, nicht mehr einfache Antworten zu geben, dabei jedoch den beschwörenden Prophetenton beibehält, verschwindet seine Botschaft ungehört im Nichts des Weltraums wie der Mönch Filofej.

Aus dem öffentlichen Leben des neuen Rußland ist Aitmatow, der heute die Republik Kirgistan in Brüssel vertritt, inzwischen fast völlig verschwunden. Seine treuesten Leser hat er, wie er selbst immer wieder betont, weiterhin in Deutschland. Und für sie ist nun dieser neue Titel auf den Markt gekommen: "Kindheit in Kirgisien".

Was hätte das für ein Buch werden können. Welch ungeheuer spannenden, einmaligen Stoff könnte die Autobiographie dieses Mannes darstellen: Kindheitsjahre in der noch ganz patriarchalischen Welt des nomadischen Auls, das exemplarische Schicksal von Aitmatows Familie, dessen Vater Torekul, einer der führenden Kommunisten Kirgisiens, aus dieser Welt der Traditionen ausbrach, als Funktionär im Moskau der 30er Jahre lebte und 1937 - Tschingis war gerade 9 Jahre alt - den stalinistischen Säuberungen zum Opfer fiel; die schreckliche Not der Kriegsjahre nach der Rückkehr der vaterlosen Familie ins Dorf, die Arbeit des Jungen als Dolmetscher zwischen der kirgisischen und der russischen Welt.

Verschenkt die große Chance, mit dieser konkreten, selbstdurchlebten Stofffülle, endlich einen neuen Ansatz für sein Schreiben zu finden, die angemaßte Funktion des Propheten zu überdenken und dafür durch aufrichtige Selbstbefragung und nachdenkliche Analyse des eigenen Lebenswegs, einen Beitrag zum Verständnis der tragischen sowjetischen Geschichte zu leisten. Die dem Buch vorangestellten Familienfotos geben eine Ahnung von dem phantastischen Potential, das in den Fakten dieser Biographie steckt.

Statt dessen entpuppt sich das Buch als die kaum bearbeitete Tonband-Aufzeichnung von Gesprächen des Schriftstellers mit seinem Übersetzer Friedrich Hitzer, in denen er anekdotische Geschichtchen aus seiner Kindheit und Jugend aneinanderreiht: von der Großmutter Aimchan im sommerlichen Nomadenlager, von der Heilung des Zahnwehs durch einen Schamanen, von der Begegnung mit Wölfen während eines Schweinetransports, Geschichten von Deserteuren, vom Überbringen der Todesnachrichten während des Krieges, die zum Teil Eingang in sein literarisches Werk gefunden haben.

Dazu kommen dann noch vier sogenannte "Beschwörungen", eine mit traditionellen Ritualen verbundene Gattung der kirgisischen Folklore, in denen das Gewitter, der Sämann, der Gebirgspaß und der Mond als "Gleichnis und Gelöbnis, Auftrag und Botschaft", wie es im Vorwort zu diesem Teil heißt, besungen werden. In der Übersetzung zunächst ins Russische und daraus ins Deutsche haben diese Beschwörungsformeln jedoch jeden Zauber verloren, wirken erhaben und hohl. Angehängt sind dem Buch - es wäre sonst gar zu dünn ausgefallen - noch ein paar Arbeitspapiere des Zootechnikers, das heißt des Oberviehzüchters Aitmatow aus den fünfziger Jahren über Milcherträge, Maisration bei der Tierfütterung und die Häufigkeit des täglichen Melkens. Solche Texte, die vielleicht in die historisch-kritische Gesamtausgabe eines Jahrhundertdichters gehörten, entwickeln in dieser Textsammlung nur eine unfreiwillige Komik. Verlag, Herausgeber und der Schriftsteller selbst haben sich und Aitmatows treuen Lesern mit diesem Buch keinen guten Dienst erwiesen. Schade.

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