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Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseiteCorsoDie offenen Wunden der Migrationsdebatte06.09.2017

Kinosatire "Die Migrantigen"Die offenen Wunden der Migrationsdebatte

Migranten essen Döner, gehen in ihrer Freizeit in den Boxklub und leben als Kleinkriminelle am Rand der Gesellschaft. Mit diesen Klischees spielt der österreichische Film "Die Migrantigen". "Wenn es um Migranten geht, wird immer dieses Opfer-Täter-Modell bedient", klagte Regisseur Arman T. Riahi im Dlf.

Arman T. Riahi im Corsogespräch mit Susanne Luerweg

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Arman T. Riahi, Regisseur des Films "Die Migrantigen" (Jörg Stroisch / Deutschlandfunk)
Arman T. Riahi: "Es bleibt immer nur bei diesen Nebennebenneben-Klischeeausländer-Rollen" (Jörg Stroisch / Deutschlandfunk)
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Susanne Luerweg: Wir haben es gerade schon in der Vorstellung unserer neuen Filme gehört: In dem Film von Arman T. Riahi versuchen zwei blendend integrierte Hipster, zu ihren Wurzeln zurückzufinden, das alles mitten in Wien. Marco und Benny trinken Soja-Latte Macchiato, essen eigentlich nicht zu viel Fleisch, sind von Beruf Schauspieler und Werber. Und jetzt sollen sie plötzlich für eine Fernsehdokumentation vom Hedonisten zum Migranten mit kleinkrimineller Vergangenheit werden. So sieht es zumindest das Drehbuch von Arman T. Riahi vor, der heute unser Gast ist. Schönen guten Tag.

Arman T. Riahi: Hallo, danke für die Einladung.

"Wir wollten einfach mal uns selbst auf der Leinwand sehen"

Luerweg: Herr Riahi, in Ihrem Film sind die beiden Migranten döneressende Gangster, die ihre Freizeit im Boxklub verbringen. Das ist ziemlich dick aufgetragen und Ihre Erfahrung? Oder warum ist das so?

Riahi: Naja, wir haben uns natürlich Klischees genommen und haben die Klischees noch ein bisschen überspitzt, damit wir sie auch dekonstruieren können und damit wir auch natürlich den Finger auf die offenen Wunden der Migrationsdebatte legen können. Und das bringt uns vielleicht oberflächlich den Vorwurf, dass wir uns auf Klischees draufsetzen. Aber wenn man sich den Film anschaut, dann, glaube ich, ist ja klar, dass hier jeder Klischees für seine eigenen Zwecke ausnutzt, um aus ihnen Profit zu schlagen.

Luerweg: Genau, ist ja auch so ein bisschen so eine kleine Medienkritik. Also die Dame vom Fernsehen, die möchte es gerne so haben, passt schon also. Die kriegt schon irgendwann mit, dass es nicht so ganz so richtig stimmt, aber man lässt die Wahrheit lieber beiseite, weil sich das besser verkauft.

Riahi: Wir haben in den letzten 20 Jahren schon die Erfahrung gemacht, dass, wenn es in den Medien und in der Öffentlichkeit und im öffentlichen Diskurs um Migration und Integration geht, die Berichterstattung schon ein bisschen tendenziell in die Richtung geht. Eigentlich, ja, über das Thema nur in Form von Klischees und schon abgenutzten Geschichten zu reden und es gibt sehr wenige neue Perspektiven und Blickwinkel auf das Thema. Und deswegen haben wir uns auch die Medien hergenommen in dem Film.

Luerweg: Ich wollte gerade sagen, wie … was haben Sie da so genau beobachtet? Also wie ... war die Berichterstattung immer nur tendenziös?

Riahi: Naja, man kann schon grob zusammenfassen, dass, wenn es um Migranten geht, eigentlich immer dieses Opfer-Täter-Modell bedient wird. Als Ausländer oder Migrant, entweder ist man arm dran oder man ist arm oder man hat was falsch gemacht, also man ist entweder Opfer oder Täter. Und es gibt sehr viele Nuancen dazwischen. Und es gibt sehr viele Integrierte, die trotzdem mit bestimmten Dingen zu kämpfen haben. Über die wird nicht berichtet. Und wir wollten auch einfach mal uns selbst auf der Leinwand sehen und Geschichten über uns sehen.

"Der Migrationshintergrund bleibt leider nicht im Hintergrund"

Luerweg: Ich wollte gerade sagen, Sie sind ja selber das perfekte Beispiel für den perfekt integrierten Migranten. Sie leben in Österreich, Sie waren noch ganz jung, als Sie gekommen sind, haben eher ein bildungsbürgerliches Elternhaus. Und diese ganzen … also Sie sind weder Kleingangster noch sonst was, sondern eigentlich etabliert. Alles super, alles wunderbar. Aber die Probleme, die Sie im Film ansprechen, haben Sie trotzdem?

Riahi: Teilweise haben wir natürlich die Probleme, die wir im Film ansprechen auch. Also wenn man jetzt zum Beispiel die beiden Hauptdarsteller Aleksandar Petrovic und Faris Rahoma hernimmt, die auch mit mir das Drehbuch geschrieben haben: Die werden ständig nur für die Ausländerklischee-Rollen gecastet. Das ist auch prinzipiell nicht so schlimm, das sind ja Nischen, in die sich dann ein Schauspieler reinsetzen kann, um quasi Erfolg zu haben oder durchzustarten. Das Problem ist: Es bleibt immer nur bei diesen Nebennebenneben-Klischeeausländer-Rollen. Und ja, das wollten wir aufzeigen. Und natürlich, nur weil wir in unserer, ja, Künstler-, Filmemacherblase mit unserer Herkunft in dem Sinn nicht mehr wirklich konfrontiert werden, heißt das nicht, dass es andere Menschen gibt, deren Probleme wir sehen. Und auch in unserer eigenen Kindheit und Jugend haben wir die Erfahrungen gemacht, dass man irgendwann einmal verstehen muss oder einsehen muss: Man ist doch ein bisschen anders als die anderen. Man hat doch diesen sogenannten Migrationshintergrund, der dann ja leider nicht im Hintergrund bleibt, der wird ja immer in den Vordergrund gebracht.

Wir haben noch länger mit Arman T. Riahi gesprochen - Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Luerweg: Aber wie war das denn eigentlich bei Ihnen, der Sie so perfekt integriert sind? Kennen Sie überhaupt noch Leute, bei denen es schwieriger ist - oder mussten Sie da tatsächlich auch recherchieren?

Riahi: Also ich komme aus dem Dokumentarfilmbereich. Und ich habe als Filmemacher auf jeden Fall mit diesen Milieus zu tun auch, ja. Und ich stamme ja selbst aus einer Flüchtlingsfamilie, das heißt, als wir nach Österreich gekommen sind, haben wir natürlich auch sehr viel mit Menschen zu tun gehabt, die eine ähnliche Geschichte haben wie wir. Und ich kenne auch viele Leute, die natürlich einen ähnlichen Startpunkt, einen ähnlichen Ausgangspunkt ins Leben gehabt haben und deren Geschichte dann nicht so positiv verlaufen ist wie meine.

"Die Menschen finden immer ihren Weg - auch nach Österreich"

Luerweg: Ist Wien eigentlich nicht eine Stadt mit ganz vielen Migranten? Also wie kann man das überhaupt noch auseinanderhalten? Also wer ist waschechter Österreicher und wer kommt sonstwoher?

Riahi: Das ist ja das Paradoxe an Österreich und an Wien als Vielvölkerstaat, Vielvölkerstadt, wo ja sehr viele Menschen - zumindest in den letzten zwei, drei Generationen - eigentlich selbst nicht aus Wien oder aus Österreich kommen, sondern, sage ich mal, aus den ehemaligen K.u.K.-Ländern und Tschechien und Böhmen und so. Und ja, es ist absurd eigentlich, dass die Fremdenfeindlichkeit immer noch so groß ist, wenn man mal jetzt sieht, wie viele Wiener eigentlich selbst einen anderen Ursprung haben.

Luerweg: Im Oktober gibt es Wahlen in Österreich. Möglicherweise - je nachdem, wie es läuft, aber es könnte so sein - wird Herr Kurz der nächste österreichische Bundeskanzler. Der macht eine, sage ich mal, Ausländerpolitik, die doch durchaus restriktiv ist. Ich könnte mir vorstellen: nicht ganz nach Ihrem Geschmack, oder?

Riahi: Ja, also die Wahrscheinlichkeit, dass der Kurz Bundeskanzler wird, ist gar nicht so gering, ja, das stimmt. Ist jetzt auch nicht so überraschend. Also Österreich wählt generell relativ konservativ, rechts. Und ja, ist auf jeden Fall ein sehr cleverer Stratege. Bei dem ganzen Flüchtlingsthema, ja, da kann er zumindest mich nicht reinlegen, weil, wenn man da mit den ganzen Trendbegriffen herumwirft und "diese Route schließen" und "jene Route schließen" … ich meine, das ist alles, ja, auch ein bisschen naiv, meiner Meinung nach. Die Menschen finden immer ihren Weg.

Luerweg: Auch nach Österreich.

Riahi: Auch nach Österreich, ja.

Luerweg: "Die Migrantigen" von Arman T. Riahi, ab morgen ist er auch bei uns in den Kinos zu sehen, in Österreich, da läuft er schon recht lang. Danke für das Gespräch.

Riahi: Gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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