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StartseiteTag für TagAntisemitismus als politische Theologie06.02.2017

Kirche und AntisemitismusAntisemitismus als politische Theologie

War Martin Luthers Judenhass den Zeitumständen geschuldet? Oder sind Antijudaismus und Antisemitismus im christlichen Glauben verwurzelt? Bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie Berlin kamen jüngst Theologen, Soziologen und Historiker zusammen. Das Thema: "Antisemitismus als politische Theologie".

Von Cornelius Wüllenkemper

Schnee liegt am 23.01.2017 in Berlin auf den Stelen des Holocaust-Mahnmals. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin: Es erinnert an die ermordeten Juden Europas während des Zweiten Weltkrieges. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
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Antisemitismus verändert sich. Davon ist der Soziologe und Antisemitismusforscher Klaus Holz überzeugt. Er ist Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland. Antisemitismus sei kein statisches Weltbild.

"Insofern kann man sicherlich nicht von einem 'ewigen Antisemitismus', allerdings von einer 2.000-jährigen Geschichte sprechen, die insbesondere als christlich-europäisch-abendländliche Geschichte zutiefst antijüdisch geprägt ist, zutiefst. Nämlich im Kern des christlichen Europa."

Holz bezeichnet den Antisemitismus als eine "politische Theologie", in der sich religiöse und säkulare Elemente verbinden.

Jahrtausendealtes Denkmuster

In dieser "politischen Theologie" wirke das archaische antijüdische Vorurteil fort, wonach Juden Feinde der christlichen Glaubens- und Volksgemeinschaft seien. Wer sich von Juden bedroht fühle, brauche den Antisemitismus, um sich abzugrenzen und das eigene Selbstbild zu stärken. Dieses jahrtausendealte Denkmuster wirke bis heute, so Klaus Holz. Das zeigten die jüngsten Äußerungen des thüringischen AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke zum Holocaust-Mahnmal in Berlin.

"Was Björn Höcke da gesagt hat, ist ganz klar und eindeutig und zwar in einem radikalen, extremistischen Sinne antisemitisch. Es geht genau darum, dass er eine reine nationale Identität wiederhaben möchte, in der natürlich die Verantwortung für den Mord an den Juden kein Platz hat. Deswegen ist das eine "Schande", wie er es formuliert hat. Die Schande ist nicht die Tat, ist nicht der Mord. Sondern: unsere Identität darf keinen Schandfleck haben, und deswegen muss das Mahnmal weg, daran darf nicht erinnert werden. Das ist die Logik dessen, was er gesagt hat. Und das ist natürlich zentral antisemitisch."

Antisemitismus im Einklang mit dem Glauben

Der moderne Antisemitismus im Nationalsozialismus sei nicht möglich gewesen ohne den Rückgriff auf antijudaistische Vorstellungen, sagt Axel Töllner, Beauftragter für den christlich-jüdischen Dialog in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er erinnert daran, dass 1933 rund 95 Prozent der Deutschen christlich sozialisiert gewesen seien.

"Wenn bestimmte Kirchenleute in Predigten oder Artikeln in Gemeindeblättern irgendetwas geschrieben haben, konnten sich die Leute davon vergewissern, dass im Grunde eben auch eine rassistische Judenfeindschaft im Einklang mit ihrem Glauben steht. Wenn man sich nur die nationalsozialistischen Definitionen in den Gesetzen anschaut, wer ist Jude?, dann kommen Sie eben sowohl beim Arier-Paragraphen als auch bei den Nürnberger Gesetzen in den jeweiligen Durchführungsverordnungen, da kommen Sie drauf, dass eben die Religionszugehörigkeit der Eltern entscheidend ist."

Einerseits setzten sich die Kirchen von dem ab, was sie damals als Radau-Antisemitismus bezeichneten, andererseits hätten christliche Pfarrer millionenfach Arier-Nachweise ausgestellt und dadurch erst die rassistisch-antisemitische Politik der Nationalsozialisten möglich gemacht. Diese Pfarrer sieht Töllner in einer Tradition mit Martin Luther. Er spricht von einer "Kontinuität protestantischer Judenfeindschaft". Sie ziehe sich seit den Tiraden des Reformators durch die Kirchen- und Glaubensgeschichte.

"Wenn Luther sagt, in allem, was Juden tun, lästern sie Gott - das ist etwas Umfassendes, das über eine rein religiöse Judenfeindschaft, wenn man sagt, die Juden haben Christus ermordet, oder die Juden glauben nicht an den Messias und sind deswegen als Gottesvolk abgelöst und durch die Kirche ersetzt – das geht darüber hinaus. Ich denke, da gibt es schon gewisse strukturelle Analogien zwischen dem modernen Antisemitismus und früh antisemitischen Gedanken, wie sie eben im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit eben auch schon aufkeimen."

Judenfeindliche Mythen existieren noch immer

Die Vorstellung, der klassische Antisemitismus sei im späten 19. Jahrhundert durch einen rassistischen Antisemitismus ersetzt worden, werde durch den aktuellen Forschungsstand widerlegt. Unser Zeitalter sei weit weniger säkular als gemeinhin angenommen, sagt Stefanie Schüler-Springorum. Sie leitet das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin.

"Da ist zum Beispiel die Frage des Geldes und des Wuchers, was aus dem Mittelalter überkommen ist, das ist auch ein Motiv, was sich im christlichen Antijudaismus findet. Und dann, was immer kommt, eher auch im modernen Antisemitismus, ist auch die Frage des Kindermordes, also dass Juden zu Pessach Kinderblut gebrauchen, um ihre Matze zu backen. Und das findet man dann bis heute auf Demos, die sich mit dem Palästinenserkonflikt befassen, wenn dort "Kindermörder Israel" gerufen wird. Dann ist das zumindest ein Resonanzraum."

Antijudaistische Mythen mit religiösen Wurzeln spielen demnach eine Rolle - etwa bei antiisraelischen Protesten auf deutschen Straßen. Diese diffuse emotionale Grundierung der Judenfeindschaft sei in der modernen Antisemitismus-Forschung bisher nur unzureichend berücksichtig worden. Davon ist Schüler-Springorum überzeugt.

"Wenn plötzlich jemand sagt, die Juden sind gierig, lügnerisch, hinterhältig, wieso glauben die Menschen das, wieso ist das plötzlich plausibel? Und das ist eben nicht plötzlich plausibel, sondern genau diese Bilder und diese Agitation kann bis heute aufbauen auf langen, und immer in der christlichen Kultur und im christlichen Abendland lange vorhandenen religiös aufgeladenen Bildern von Juden. Und da kommt man in das wenig erforschte Gebiet der Emotion. Woher kommt der Hass, wie erklärt sich das? Und ich denke, da ist es wichtig, diese alten religiösen Muster mit einzubeziehen."

Die Antisemitismusforschung müsste sich theologischen Fragen öffnen. Und umgekehrt müsste sich die Theologie der Antisemitismusforschung öffnen. So ein Fazit der Tagung. Denn der säkulare Antisemitismus speise sich durchaus auch aus religiösen Wurzeln.

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