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StartseiteKommentare und Themen der WocheZwischen Scheinriesentum und Selbstverzwergung05.11.2017

Kirche und das ReformationsjubiläumZwischen Scheinriesentum und Selbstverzwergung

Das Reformationsjubiläum habe als Leistungsschau des Kulturprotestantismus beeindruckt, gespeist aus der Vergangenheit, kommentiert Christiane Florin. Aber der Jubiläumsrummel habe nur diejenigen erfasst, die ohnehin schon da waren. Luther gehe uns nicht mehr alle an.

Von Christiane Florin

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Playmobil-Figur von Martin Luther zum Reformationsjahr 2017 (picture alliance / Universität Jena)
Martin Luther als Merchandising-Hit: Der Mini-Luther wurde bislang eine halbe Million mal verkauft und war erfolgreicher als Darth Vader. (picture alliance / Universität Jena)
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Es gab Jubiläen, da wurde der Reformator übergroß als deutscher Held aufs Podest gehoben. Diesmal hätte Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, ausrufen können: Kinder, ich habe den Papa geschrumpft. Als Playmobilmännchen, poliert und lächelnd, machte Luther eine glänzende Figur. Festredner erinnerten angemessen zerknirscht an die rauen Seiten, an Judenhass, Chauvi-Sprüche usw. Aber insgesamt kam das Jubliäumsobjekt als patentes Kerlchen rüber, das den Deutschen, ach was: der Menschheit, die Freiheit und den Sprachliebhabern so schöne Wörter wie Lückenbüßer gebracht hat.

Der Luther zum Liebhaben verkaufte sich als Spielzeugfigur mehr als eine Million Mal, doppelt so oft wie die neue Lutherbibel. Und die Katholiken freuten sich dermaßen mit, dass eine ökumenische Playmobil-Sonderedition in Griffweite schien: der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, zusammengeschweißt mit seinem katholischen Pendant Reinhard Marx. Unzertrennlich.

Luther und eine Kirche aus Plastik

Das Tolle am Plastik-Luther: Auch wenn der letzte Festakt-Takt verklungen ist, bleibt die Figur anschlussfähig nach allen Seiten. Es gibt eine Kirche aus Plastik vom selben Hersteller, inklusive Pfarrer, Brautpaar, Kanzel und Ein-Feste-Burg-Soundchip. Da lässt sich der kleine Luther artgerecht halten. Mit etwas Geschick und einer neuen Kopfbedeckung verwandelt sich der Mini-Reformator aber auch in einen Feuerwehrmann, einen Astronauten oder eine Krankenschwester. Von wegen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Der smarte Martin des Jahres 2017 kann überall mitspielen.

Da geht es ihm besser als der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die spielt auf den ersten Blick auch überall mit, ganz besonders gern ganz oben. Wenn sie ruft, dann kommt die Polit-Prominenz. Künstler, Fußballtrainer und Fernsehprominente ziehen als Reformationsbotschafter durchs Land. Das evangelische Kernmilieu aus Bildungsbeflissenen, Wittenberg-Touristen und Konfirmanden ließ sich begeistern von Bibelarbeiten, Pop-Oratorien und Mit-Mach-Ausstellungen. Die anderen fragten: Was geht mich das an, wenn der Staat dem Protestantismus eine Party spendiert?

Ausgerechnet beim Jubiläum des Selberdenkens

Martin Luther konnte sich keine Welt ohne Gott vorstellen, "Von der Freiheit eines Christenmenschen" heißt seine wichtigste Schrift. Nicht "Von der Freiheit des Menschen". Heute firmiert ein Drittel der Deutschen als okay in der Statistik, ohne Konfession. Rund viereinhalb Millionen bekennen sich zum Islam. Beim Festakt in Wittenberg wurde das Wort "Islam" sorgsam vermieden. Dieses Verdruckste wirkt komisch angesichts eines Mannes, der mit Klartext in die Weltgeschichte einging. Wo blieb die Frage, was die Reformation bedeutet für den Alltag in einem multireligiösen Land? Ach so, Toleranz, Miteinander reden, irgendwas gegen die AfD und für das Grundgesetz. Und dafür der ganze Wirbel? Wohin mit all dem Unerbittlichen und Unversöhnlichen, das jede Religion in sich trägt? Und wem dient das Gnädige und Barmherzige, das Religionen auch ausmacht? Es ist nicht so, dass es dazu keine Podien und Publikationen gegeben hätte. Aber von all den wohlgesetzten Wörtern bleibt kein einziger markanter, selbstgedachter Satz in Erinnerung. Ausgerechnet beim Jubiläum des Selberdenkens.

"Hört auf, verliebt zu sein in die Krise!", mahnte Heinrich-Bedford Strohm in seiner Predigt am Reformationstag. Das erinnert an Motivationscoaches, die einem beibringen, von "Herausforderungen" statt von "Problemen" zu sprechen. Nur: Die Demokratien stecken in der Krise und die Kirchen auch. Die Reformation begann damit, dass einer Probleme seiner Zeit und seiner Kirche benannte. Jetzt macht sich in den Kirchen ein verzweifelter Gute-Laune-Ton breit, Bischöfe lächeln kritische Fragen ihrer eigenen Basis als Kulturpessimismus weg. Appelle an die Nächstenliebe sollen den salonfähigen Hass übertönen, Mitgliederschwund wird flugs zur Nebenwirkung der Freiheit umgedeutet. Die Gottesdienste waren überfüllt am Reformationstag, und die Kanzlerin hat mitgesungen! Dann ist doch alles gut.

Leistungsschau des Kulturprotestantismus

Das Reformationsjubiläum beeindruckte als Leistungsschau des Kulturprotestantismus, gespeist aus der Vergangenheit. Aber Luther geht nicht mehr alle an, zur Party kamen nur die, die ohnehin da sind. Beide Kirchen fielen 2017 nicht - wie ihnen gern vorgeworfen wird - dadurch auf, dass sie sich zu viel in Politik und Gesellschaft einmischen, sondern dadurch, dass sie es sich zu leicht machen. Zu wenig ringend, zu wenig ernsthaft, zu wenig geistesgegenwärtig. Zur Schau gestellt wurde eine Ökumene der Belanglosigkeit, eine Mischung aus Scheinriesentum und Selbstverzwergung. Gerade wenn die Kirchen im Mittelpunkt stehen, fällt auf, wie stark sie an den Rand gerückt sind. Das Playmobil-Kirchlein mit Pfarrer, Brautpaar und Orgel wird nicht mehr hergestellt.

Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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