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StartseiteInterviewKirchenhistoriker: Haltung der deutschen Bischöfe nicht antisemitisch07.03.2007

Kirchenhistoriker: Haltung der deutschen Bischöfe nicht antisemitisch

Vor dem Hintergrund des von dem Eichstätter Bischof Hanke geäußerten Vergleichs der palästinensischen Stadt Ramallah mit dem Warschauer Ghetto hat der Chefhistoriker des Vatikans, Walter Brandmüller, vor "weiterer Aufregung" gewarnt. Er halte das Verhältnis zwischen Israel und dem Vatikan für normal.

Moderation: Jürgen Liminski

Straße in Ramallah (AP)
Straße in Ramallah (AP)

Jürgen Liminski: Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Äußerungen deutscher Bischöfe während des Besuchs in den Palästinenser-Gebieten als antisemitisch kritisiert. Der Eichstätter Bischof Hanke hatte Ramallah als Ghetto, der Augsburger Bischof Mixa die Zustände dort als ghettoähnlich bezeichnet. Hanke hatte gesagt, "morgens in Yad Vashem Bilder vom Warschauer Ghetto und abends ins Ghetto nach Ramallah". Später relativierte er seine Äußerung. Vergleiche zwischen den Geschehnissen des Holocaust und der gegenwärtigen Situation in Palästina seien nicht beabsichtigt gewesen. Dennoch herrscht nun Streit. Darüber wollen wir sprechen mit dem Kirchenhistoriker Professor Walter Brandmüller. Zunächst mal guten Morgen nach Rom.

Walter Brandmüller: Guten Morgen Herr Liminski!

Liminski: Herr Brandmüller, das Wort Antisemitismus bezeichnet eine Haltung. Es ist ein Kampfbegriff, wie der Erfinder des Wortes meinte, bezeichnenderweise ein deutscher Publizist zur Zeit von Theodor Herzl. Ist so ein Begriff für die Haltung der deutschen Bischöfe gerechtfertigt?

Brandmüller: Ich halte das geradezu für absurd.

Liminski: Warum?

Brandmüller: Zu diesem Thema ist schon so viel gesagt und geschrieben worden, dass man es wirklich dabei bewenden lassen kann.

Liminski: Aber lässt denn der Vergleich zwischen Warschauer Ghetto und Ramallah wenn auch nicht beabsichtigt vielleicht doch Rückschlüsse zu auf die Haltung gegenüber Israel?

Brandmüller: In keiner Weise. Man kann doch nicht in Yad Vashem erschüttert sein und dann über das Elend, das man in Ramallah vor Augen hat, einfach zur Tagesordnung übergehen. Nur das Warschauer Ghetto ist leider nicht mehr ungeschehen zu machen, aber Ramallah könnte wohl geändert werden.

Liminski: Was halten Sie denn für die Vergleichsebene zwischen diesen beiden Dingen?

Brandmüller: Die Vergleichsebene ist ganz schlicht und einfach menschliches Leid. Da lassen sich Zahlen nicht gegeneinander aufrechnen.

Liminski: Hat es denn in der Geschichte der Beziehung zwischen der Kirche in Deutschland, Israel oder den Juden allgemein schon mal so eine heftige Verstimmung gegeben? Erinnern Sie sich an so etwas?

Brandmüller: Wenn Sie mich so fragen fällt mir eigentlich nichts ein.

Liminski: Aber zwischen Deutschland und Israel schon?

Brandmüller: Ja, ja. Das ist ein anderer Fall. Aber ich meine die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind derartig, dass man geradezu von einer Bundesgenossenschaft sprechen könnte.

Liminski: Eine Bundesgenossenschaft inwiefern?

Brandmüller: In politischer Hinsicht.

Liminski: Dann wäre es ja umso verwunderlicher, dass sozusagen der Zentralrat der Juden jetzt den deutschen Bischöfen solche Vorwürfe macht?

Brandmüller: Den Eindruck habe ich allerdings auch.

Liminski: Johannes Paul II. hat die Juden immer als die älteren Brüder der Christen bezeichnet. Wenn nun diese älteren Brüder den kleineren auf die Finger hauen, wie sollten die kleinen dann reagieren, sich aufregen, ruhig bleiben? Was würden Sie den deutschen Bischöfen empfehlen?

Brandmüller: Ich meine das sind Konflikte innerhalb der Familie und die sind manchmal durchaus lautstark. Aber ich meine man täte gut daran, dergleichen gelassen hinzunehmen und es möglichst rasch zu vergessen.

Liminski: Also kein Grund zu weiterer Aufregung?

Brandmüller: Ich erblicke keinen.

Liminski: Könnte so ein Vorfall denn das Verhältnis Israels zum Vatikan trüben oder gar stören?

Brandmüller: Da müssen Sie den Vatikan fragen. Ich glaube es nicht.

Liminski: Das heißt mit anderen Worten dieses Verhältnis ist normal?

Brandmüller: Unter allen Umständen!

Liminski: Ruhe bewahren ist die erste Bischofspflicht könnte man sagen. Das war der Kirchenhistoriker Professor Walter Brandmüller. Besten Dank für das Gespräch, Herr Brandmüller!

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