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StartseiteBüchermarktKismet02.07.2001

Kismet

Diogenes, 265 S., DM 36,90,-

Das Hemd des Frankfurter Privatdetektivs Kayankaya ist total durchgeschwitzt, Slibulsky pupst und Kemals Bauchansatz stößt gegen die Schranktür. Jakob Arjounis Hauptfigur ist kein steriler und cooler Typ, sondern eher ein Antiheld, der als Detektiv nicht gerade der erfolgreichste ist. Er befindet sich in einer veritablen Midlife-Crises, dennoch: seine Menschenkenntnis ist enorm. Dazu Arjouni:

Claudia Cosmo

Er spielt ja auch mit seiner Figur und mit seinem Image und setzt das auch ein. Und meint auch zu wissen und meistens weiß er es ja auch, was andere über ihn denken und wie er das benutzen kann, also wie er Vorteile benutzen kann, sein Auftreten benutzen kann usw.

Zunächst ist es Kayankaya selbst, der von seinem Kumpel Romario ausgenutzt wird: Der hat als Restaurantbesitzer Probleme mit der Schutzgeldmafia. Und Kayankaya soll die Geldeintreiber in die Flucht schlagen. Dieser Freundschaftsdienst wird für den Privatdetektiv zum Verhängnis. Aus Versehen trifft er die maskierten Eintreiber im Kugelhagel. Die Leichen werden im Wald vergraben. Keiner darf herausbekommen, dass er, ein Privatdetektiv türkischer Herkunft, in die Schießerei verwickelt ist. Aus dem Freundschaftsdienst für seinen Kumpel Romario wird ein echter Fall. Kayankaya stellt Nachforschungen über die toten Schutzgeldeintreiber an:

Weshalb ich immer wieder über den Kayankaya schreibe, ist wegen dem Kayankaya. Ich mag die Figur sehr. Krimi- Konstruktion muss beim Kayankaya sein, weil er in diesem Gefäß ist für mich. Hammett hat einmal gesagt: Die Konstruktion eines Krimis muss gut sein, damit der Leser nicht merkt, dass sie schlecht ist. Aber dann kann man es auch schon vergessen. Blut für umsonst und Krimispannung für umsonst interessiert mich nicht.

Die Krimikonstruktion dient Jakob Arjouni nur als Rahmen für die eigentliche Geschichte, die er erzählt. Den beliebten Vergleich mit Krimi-Größen wie Raymond Chandler weist der Autor energisch zurück. Das klassische "Wer-ist-der-Mörder"-Muster existiert in Arjounis Roman nicht. Vielmehr handelt `Kismet` von Lebenslinien, die sich kreuzen und von kulturellen Barrieren und Vorurteilen, mit denen sich Privatdetektiv Kemal Kayankaya täglich auseinandersetzen muss:

Jeder Autor hat so ein großes Thema oder zwei. Meines ist mit Sicherheit `Fremde`. Und zwar gar nicht mal `im Ausland sein´ oder `eine andere Hautfarbe haben`. Sondern grundsätzlich sich fremd in der Welt oder in einer Gesellschaft zu fühlen. So die zwei Themen, die dazu passen:...Rassismus und Nationalismus. Rassismus und Nationalismus sind wie ein Lackmus- Papier, woran man sieht wie einer funktioniert. Und Menschen sind sehr lustig und sehr grotesk und haben eine Menge Humorpotential. Also hat auch Rassismus und Nationalismus eine Menge Humorpotential.

Bei jeder Gelegenheit bekommt Kayankaya zu spüren, dass er nicht so richtig als Frankfurter akzeptiert wird, obwohl er schon lange in der Metropole lebt und die Stadt wie seine Westentasche kennt. Nur Kemals Vermieter scheint offenbar keine Vorurteile gegen ihn zu haben. Aber das erst seitdem die Mauer gefallen ist, und der Vermieter angefangen hat, auf die Ossis zu schimpfen. Arjouni thematisiert in seinem Buch den alltäglichen Fremdenhass, der bei tumben Stammtischgesprächen über die Theke schwappt. Arjouni versteht es klarzumachen, wie absurd und willkürlich `Ausländerfeindlichkeit` funktioniert: Schlägertypen aus Berlin sind in Frankfurter Kneipen plötzlich auch Ausländer, und ein albanischer Mafioso sieht die Unterwelt fest in Ausländerhand und fragt sich, was eine hessische Mafia in Frankfurt überhaupt zu suchen hat.

Es ist ja so: Rassismus und Nationalismus sind wie die Kirche: da muss man dran glauben. Sonst funktioniert das nicht. Und bei Glaubensfragen, da kann man sich jeden Tag neue regeln schaffen. Wenn einer sagt: Der ist dööfer, weil der hat eine andere Hautfarbe- Dann ist das eigentlich ein Stück aus dem Tollhaus.

Frankfurt ist die Bühne, auf der sich diese Unglaublichkeiten des täglichen Miteinanders abspielen. Arjouni präsentiert die Stadt aber nicht als Gomorrha. Auch hier finden Menschen zueinander:

Ich habe das Gefühl, dass man in Frankfurt als Fremder, was der Kayankaya aber nicht ist, weil er ist wirklich Frankfurter und kennt die Stadt sehr gut- aber, dass man als Fremder etwas besser aufgehoben ist, als in anderen deutschen Städten. Weil Frankfurt seit den 50er Jahren eine Stadt ist, die Fremde aufgenommen hat. Das heißt, die ganzen ersten Gastarbeiterzüge kamen in Frankfurt an, aber auch die reichen fremden kamen an, wie die Bänker aus Japan. Das heißt Frankfurt geht selbstverständlicher mit Leuten um ,die von woanders herkommen. Man muss sich etwas weniger erklären, wenn man von woanders herkommt.

In Frankfurt begegnet Kayankaya der jungen Leila, einem bosnischen Mädchen, die ihn beauftragt, ihre Mutter ausfindig zu machen. Zwischen dem Mädchen und Kayankaya entwickelt sich eine Beziehung zwischen väterlicher Fürsorge und erotischem Flirt. Wie eine leise Melodie streut Arjouni diese Liebesgeschichte in das brutale Geschehen ein. Gelegentlich bekommt Kayankaya einen verpasst. Arjouni gelingt es, auf verschiedenen Ebenen zu erzählen, packend, tiefgründig, unterhaltsam. Arjouni bringt Dinge auf den Punkt: Das hört sich dann so an: "Wäre Marilyn Monroe an der Seite einer kleinen, dürren, pickligen Schwester durchs Leben gegangen, hätte man sagen können: Offenbach und Frankfurt wirkten nebeneinander wie die Monroe-Schwestern. Arjouni:

Natürlich hat Schreiben auch was damit zu tun, Pausen zu lassen, wo der Leser seine eigenen Erfahrungen oder seine eigenen Bilder einbauen kann. Dadurch wird die Szene für ihn auch wahrer. Ich glaube nicht, dass ich einen Stil habe oder bemühe mich jedenfalls nicht, sondern ich bemühe mich nur, mit meinen Mitteln die Geschichten, die ich erzählen will, so gut wie möglich zu erzählen. Gerade bei `Kismet´ gibt es keinen Satz, der umsonst lustig ist. ich will nicht nur einfach einen Scherz machen, sondern jeder Scherz muss natürlich auf noch vielen anderen Ebenen was beschreiben, was erzählen.

Arjounis Humor mündet schließlich in bitterem Ernst: Kayankaya findet heraus, dass es sich bei der Schutzgeld- Bande um eine jugoslawische Mafia handelt, die sich `Armee der Vernunft` nennt. Ihr Ziel ist es, das Frankfurter Milieu unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Autor zeichnet ein Horrorszenario von einer zerstörten Stadt Frankfurt, die zum Kriegsschauplatz werden könnte. Zum Schluß ist Kayanka beides, Opfer und auch Täter. Ein richtiges Happyend gibt es nicht. Keine Geigenmelodie begleitet den Abgang Kayankayas, der sich aus dem Blickfeld des Lesers verabschiedet und in den Straßen Frankfurts einfach verschwindet. Arjounis `Kismet` dagegen bleibt dem Leser als starkes Stück Literatur in Erinnerung.

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