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StartseiteRock et cetera"Ich bin reich. Ich kann machen, was ich will"07.01.2018

Kiss-Bassist Gene Simmons"Ich bin reich. Ich kann machen, was ich will"

Gene Simmons, Bassist und Marketinggenie der Hardrocker Kiss, steht für geballten Größenwahn – für Feuer, Schminke, Äxte und einen regelrechten Merchandise-Overkill. Jetzt übertrifft sich der 68-Jährige selbst: mit der größten, ausgefallensten und teuersten CD-Box der Musikgeschichte.

Musikjournalist Marcel Anders im Gespräch mit Tim Schauen

Gene Simmons behauptet gern, die längste Zunge der Welt zu haben.  (imago / stock&people)
Gene Simmons behauptet gern, die längste Zunge der Welt zu haben. (imago / stock&people)

Diesen Beitrag finden Sie nach Ausstrahlung sieben Tage in unserer Mediathek.

Marcel Anders: "Also es hatte ein bisschen was von einer Rock'n'Roll-Butterfahrt. Also Gene Simmons lädt in eine Berliner Hotelsuite - natürlich ein sehr vornehmes Hotel - sitzt da mit angewachsener Sonnenbrille, Wischmoppfrisur, Baseballkappe, Lederjacke und Bikerboots, grüßt auf Deutsch und serviert einen Teller mit Keksen, die er dann natürlich alle alleine isst. Und links von ihm steht ganz zufällig ein Exemplar von "The Vault".

Schauen: "Was darf man sich darunter vorstellen?"

Anders: "Ein zehn Kilo schwerer, feuerfester Stahltresor, gefüllt mit Gimmicks wie einer Gene Simmons-Action-Figur und einer goldenen Münze. Auf der einen Seite steht "In Gene We Trust" - ganz bescheiden - und auf der anderen "Ist das zu laut, bist zu alt". Und dann das Allerwichtigste: Zehn CDs mit allem, was sich in den letzten 50 Jahren in seinem Privat-Archiv angesammelt hat.

Gene Simmons: "Das ist etwas, von dem ich lange geträumt habe. Nämlich das größte Boxset aller Zeiten zu veröffentlichen. Wenn man die Songs in einem Rutsch hört, also ohne zwischendurch auf Toilette zu gehen oder etwas zu essen, dauert das elf Stunden. Und das meiste davon gefällt mir sehr gut. Es sind richtig gute Songs."

Anders: "Darunter Aufnahmen mit Aerosmith, Van Halen oder Bob Dylan. Stücke, die er für Cher, Liza Minelli, Diana Ross und Wendy O. Williams geschrieben hat und jede Menge Kiss-Songs, die es auf keins der bislang 20 Studio-Alben geschafft haben."

Schauen: "Weil sie so schlecht sind oder warum?"

"Stellenweise überraschend gut"

Anders: "Nein, die sind stellenweise sogar überraschend gut, vor allem die drei Stücke mit Dylan, die Ende der 80er entstanden sind und die Gene nur deshalb nicht veröffentlich hat, weil er nicht wusste, wohin damit. Denn: Auf ein Kiss-Album hätten sie nun wirklich nicht gepasst. Wie "Na, Na, Na, Na, Na" - in das wir einfach mal reinhören…"

Musik: Gene Simmons & Bob Dylan – "Na, Na, Na, Na"

Schauen: "Stimmt, das klingt jetzt wirklich nicht nach Kiss."

Anders: "Nein, kein bisschen. Und das gilt für rund 50 Prozent des Materials: Da präsentiert sich der Mann, der ja nie als großer Songwriter und Musiker galt, wirklich als überraschend talentiert und vielseitig, spielt stellenweise alle Instrumente selbst und sorgt auch für wirklich amüsante Momente: Etwa mit seinen ersten Gehversuchen aus dem Jahr 1966, damals war er 16 und großer Beatles-Fan."

Gene Simmons: "Sie traten in der Ed Sullivan Show auf, die damals von der Hälfte der US-Bevölkerung am Fernseher verfolgt wurde. Was etwa 75 Millionen Menschen entsprach. Und die Beatles haben mein Leben für immer verändert. Nach dem Motto: "Jetzt weiß ich, was ich will." Denn wenn Du Rockmusik machst, kannst du noch so bescheuert aussehen, noch so eine schlechte Frisur haben und noch so einen heftigen Akzent sprechen - die Mädchen mögen Dich trotzdem."

Anders: "Diese Erkenntnis hat sich in Stücken wie "My Uncle Is A Raft" niedergeschlagen. Hier ist der junge Gene - oder wie der Sohn israelischer Einwanderer damals noch hieß: Eugene Klein."

Musik: "My Uncle Is A Raft"

Schauen: "Also eine kurzweilige Angelegenheit. Aber wie bei Allem bei Kiss geht es um Kunst und Kommerz, es geht um Geld: Was genau kostet diese Box?" 

Anders: "Stolze 2000 Dollar pro Box. Das wirft die Frage auf, wer sich das leisten kann, wie viele Exemplare Gene Simmons letztlich davon verkauft. Er zählt auf die zahlungskräftige Klientel, die auch teure VIP- oder Gold Circle-Tickets für Kiss-Konzerte kauft oder seine Marketingstunts mitmacht, wie den Kiss-Sarg oder das Kiss-Auto oder Bässe in Form einer Axt, da scheint er durchaus eine Zielgruppe zu haben. Weswegen er eine Auflage von ein paar Tausend Boxen anstrebt, die er - jetzt kommt der Clou - den Käufern persönlich übergibt!"

Schauen: "Nicht wirklich..."

Anders: "Doch! Er verbringt 2018 damit, um die Welt zu reisen und die Boxen persönlich zu übergeben. Und das ist meiner Meinung nach mindestens so originell wie der Tresor an sich und erklärt den hohen Preis. Der geht nämlich - so sagt Gene - komplett für Flüge, Hotels, Verpflegung und Security drauf. Bei entlegenen Wohnorten zahle er sogar noch drauf, was aber nicht so schlimm sei, denn: 

"In erster Linie für mich"

Gene Simmons: "Ich bin reich. Ich kann machen, was ich will. Und das hier ist in erster Linie für mich. Ich will die Fans treffen und die Kinder, die zu meinen Songs gezeugt wurden. Ich will ihre Kiss-Tattoos sehen und es genießen." 

Anders: "Also im Grunde ein Projekt fürs eigene Ego, um Bewunderung und Begeisterung zu tanken und sich kräftig feiern zu lassen. Und für einen Obolus von 50.000 Dollar spielt Gene auch ein zweistündiges Konzert in Eurem Wohnzimmer oder setzt sich zum Abendessen mit an den Familientisch."

Schauen: "Das wäre natürlich eine reizvolle Vorstellung: Gene Simmons in voller Montur, samt Axt-Bassgitarre und vollem Schmink-Ornament am Abendbrottisch sitzen zu haben. Aber geht das nicht auch ohne das ganze Brimborium? Kann man sich die Stücke nicht einfach aus dem Netz ziehen?"

Anders: "Nein, er bietet sie nur in haptischer Form an - also nur als Box, und das ist eine Kampfansage an die Streamingdienste und die sozialen Netzwerke, mit denen Gene schlechte Erfahrungen gemacht hat, und er hat sich auch erst mit Händen und Füßen geweigert, uns überhaupt ein paar Hörbeispiele für dieses Gespräch zur Verfügung zu stellen. Das war ein wochenlanges Hin und Her."

Musik: Gene Simmons - "Are You Ready"

Schauen: "Nach wochenlangem Hin und Her hat Marcel Anders es geschafft, noch ein Stück aus Gene Simmons protziger Schatzkiste herauszulotsen: "Are You Ready". Das Stück wurde 1998 für das Album "Psycho Circus" geschrieben, ist aber nie zur Veröffentlichung gelangt. Jetzt ist Gene auch schon 68 und hat so ziemlich alles erreicht, was man im Musikgeschäft erreichen kann. Denkt der da zwischendurch auch mal an Aufhören. Stichwort Ozzy Osbourne?"

Nicht die Konstitution eines Mick Jagger

Anders: "Ja, natürlich. Aus dem einfachen Grund, weil ihm das stundenlange Schminken und der schwere Bühnenpanzer immer mehr abverlangen, das gibt er auch ganz offen zu. Und er sagt er ganz offen, dass er nicht die Konstitution eines Mick Jagger hätte."

Gene Simmons: "Ich kann nicht machen, was Mick macht. Aber er kriegt auch nicht hin, was ich tue. Wenn man ihn in meine zehn Zentimeter hohen Drachenstiefel und meine 30 Kilo schwere Rüstung steckt, würde er nach der Hälfte der Show kollabieren. Und auch wir kriegen das nicht mehr hin, wenn wir 74 sind. Das wäre wenig überzeugend."

Anders: "Er hofft aber noch auf ein weiteres Album und eine Welttournee mit Kiss, das dürfte es dann gewesen sein, einfach, weil er nicht zur Selbstparodie werden möchte. Momentan bestünde da aber noch gar keine Gefahr."

Riesiger Urwald

Gene Simmons: "Ich fühle mich toll. Ich sehe gut aus, habe jede Menge Kraft und meine Hände zittern nicht. Außerdem habe ich noch Haare auf dem Kopf - und viel mehr auf dem Rücken und im Schritt. Da wuchert ein richtiger Urwald. Ich wache morgens auf und denke: "Woher kommt das bloß?"

Schauen: "Und auch daran merkt man, wie lange es diese Band eigentlich schon gibt. Hart an der Grenze!"

Anders: "Definitiv. Und das ist diese Rockstar-Seite von Gene Simmons. Nämlich dieses arrogante Kokettieren mit dem eigenen Reichtum und der Potenz. Etwa, was die Fertigkeiten seiner berühmten, langen Zunge betrifft. Das ist der Mythos, den er vermarktet - und zwar sehr erfolgreich. Aktuell ist er Marketing-Berater des britischen Automobilherstellers McLaren, er produziert auch noch seine eigene Cola, veröffentlicht Bücher und Comics, und erhält mehrmals im Jahr Masterclass-Seminare ab."

Schauen: "Und was genau kann ma da lernen?" 

Anders: "Bassspielen und Komponieren, in kleinen Gruppen und mit schriftlicher Erfolgsgarantie. Tja, und als ich die hinterfragt habe, hat er mal eben einen Song mit mir geschrieben."

Schauen: "Ihr habt einen Song geschrieben? Wie ging das genau vonstatten?"

Anders: "Er hat einen Beat vorgeben, den ich mit den Händen auf meinen Oberschenkeln weiterführen sollte. Dann hat er gefragt, was mich an vor unserem Treffen am meisten geärgert hätte.  Das war verlorenes Gepäck am Flughafen Tegel in Berlin und daraus wurde dann "I´m A Screamer, Not A Dreamer" von der Simmons/Anders-Band. Mal schauen, wann wir die Nummer aufnehmen, aber selbst, wenn daraus nichts wird - die halbe Stunde mit Gene Simmons werde ich so schnell nicht vergessen."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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