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Seit 10:30 Uhr Nachrichten
StartseiteCampus & Karriere"kisswin" startet durch28.10.2008

"kisswin" startet durch

Entscheidungshilfe für junge Wissenschaftler

24.000 junge Wissenschaftler in Deutschland haben die Promotion in der Tasche und müssen sich nun entscheiden, ob sie raus ins Arbeitsleben gehen oder eben doch an der Hochschule bleiben. Um dem wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland ein paar mehr Informationen über Wege an der Hochschule an die Hand zu geben, hat das Bundesbildungsministerium eine Internetseite geschaltet: "kisswin.de" steht für "Kommunikations- und Informationssystem wissenschaftlicher Nachwuchs".

Von Esther Körfgen

Die initiative "kisswin" will Nachwuchsforschern helfen.  (Stock.XCHNG / Olivia Castells)
Die initiative "kisswin" will Nachwuchsforschern helfen. (Stock.XCHNG / Olivia Castells)

Der Weg junger Wissenschaftler an deutschen Hochschulen ist lang und steinig. Die meisten schlagen sich mit befristeten Verträgen durch, ohne zu wissen, ob und wie es weiter geht und ob am Ende eine Professur winkt. Diesem Elend will das Bundesbildungsministerium mit mehr Informationen abhelfen, gebündelt auf der Internetplattform "kisswin". Petra Jung gibt heute auf der Tagung den Startschuss dazu:

"Wir möchten Informationen geben über Förderprogramme. Wir möchten zeigen: Deutschland ist gar nicht so schlecht, wie es immer gesagt oder gemacht wird, wir möchten zeigen, es hat sich sehr viel getan in Deutschland durch die Exzellenzinitiative, durch den Hochschulpakt. Wenn man diesen Wissenschaftlern frühzeitig Wege eröffnet, wie sie ihren Weg finden - das möchten wir auf der Tagung zeigen -, die gut sind und weil sie gut sind, dort sind wo sie da hin gekommen sind."

Schön, dass sich überhaupt mal jemand mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs beschäftigt: das sagt die Berliner Landesvertretung Akademischer Mittelbau, eine Interessensvertretung der wissenschaftlichen Mitarbeiter. Nicht Unkenntnis von Förderwegen sei das Problem, sondern Stellenmangel an den Hochschulen - und zwar unterhalb der Professur, wie die Juniorprofessur zum Beispiel.

"Das ist etwas, was dringend geändert werden müsste. An Ostuniversitäten gab es so etwas wie einen Mittelbau, der auf festen Stellen saß, das ist ja jetzt alles mehr oder weniger weggefallen, es gibt nur noch ganz wenig akademische oder wissenschaftliche Mitarbeiter, die eine unbefristete Angestelltenstelle haben, und das ist mehr oder weniger immer weiter zurückgefahren worden."

Petra Jordan von der Landesvertretung akademischer Mittelbau hat als Referentin für Lehre und Studium eine der wenigen Festanstellungen an der TU Berlin. Sie hat noch Zeiten erlebt, als es an der Hochschule angestellte Assistenten gab. An ihre Stelle, aber nicht in ihren Rang, ist der "post doc" gerückt. Der die Doktorarbeit abgegeben hat und keine feste Stelle findet, sondern höchstens eine drittmittelfinanzierte Halbtags-Stelle, die an ein Projekt gebunden ist. Und das kann er in der Regel nicht bis zum Ende begleiten, weil er sich um den Anschlussvertrag, das nächste Projekt kümmern muss.

"Nach sechs Jahren Projekttätigkeit hätte ich natürlich gerne mal eine feste Stelle, davon habe ich noch überhaupt keine gesehen, die zu mir passen würde. Tendenziell käme dann natürlich eine Professur, irgendwann. Dafür bin ich aber noch nicht reif, und die klassischen wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen sind ja zur Fortbildung, zur Promotion, die will ich eigentlich nicht mehr machen."

Eine promovierte Wissenschaftlerin Mitte 30 aus Westdeutschland. Sie will ihren Namen nicht nennen, aus Angst vor Konsequenzen an ihrer Hochschule. Sie wünscht sich Verhältnisse herbei wie in Frankreich, Großbritannien oder den USA, wo bis zu drei Viertel der Dozenten unbefristete Stellen haben. Laut dem Bundesbericht für den wissenschaftlichen Nachwuchs hat in deutschen Hochschulen nur etwa jeder fünfte Wissenschaftler einen unbefristeten Vertrag. Der Verdienst der Mittdreißigerin liegt seit Jahren konstant bei rund 1000 Euro im Monat. Von ihrer Rentenlücke will sie lieber nichts hören.

"Ich habe den Eindruck, nach der Doktorarbeit soll ich erst mal verschwinden, mich weiterbilden und mich dann ganz hoch qualifiziert zur Professur bewerben. Und zwischendrin ist irgendwie das große Durchwurschteln. Aber das in einem Lebensabschnitt, wo man ja eigentlich was aufbauen will. Und das ist sehr unbefriedigend."

Sie überlegt, aus dem Unibetrieb auszusteigen, weil sie endlich in der gleichen Stadt wie ihr Freund wohnen bleiben möchte und vielleicht sogar eine Familie gründen will. Und das wiederum sei nicht vereinbar mit einer Karriere an der Hochschule. Wissenschaftlerinnen, denen das gelingt, brauchen einen Mann, der sich um Haushalt und Kinder kümmert - so wie bei der 42-jährigen habilitierten Wissenschaftlerin. Auch sie möchte lieber anonym bleiben, sie hat Hoffnung auf eine Professur. Vor zwei Jahren hat sie ihre Habilitation abgeschlossen und bestreitet seitdem den Lebensunterhalt der Familie mit Lehraufträgen und Einkünften aus selbständiger Tätigkeit.

"In dieser Zeit, wo man sich mit diesen immer unsicheren Aufträgen, die man nur durch intensive Kontaktpflege bekommt, muss man natürlich weiterhin veröffentlichen, man muss publizieren, für Publikationen bekommt man in der Regel nichts bezahlt, man hält Vorträge in der Regel auch nur für die Fahrtkosten oder vielleicht mal ein kleines Honorar von 200 Euro, ist aber drei Tage damit beschäftigt, das sind alles Dinge, die macht man, um seinen Ruf als Wissenschaftlerin weiter zu stabilisieren und auszubauen, aber damit verdient man kein Geld. "

Als Freiberuflerin und Lehrbeauftragte an einer Uni ist sie meist drei Tage die Woche nicht zuhause - ihre Kinder sieht sie selten. Der Kampf um eine Professur verlange eben solche Opfer.

Diese Diskrepanz zwischen dem hohen Ansehen deutscher Professoren und dem geringen des wissenschaftlichen Nachwuchses macht Petra Jordan vom akademischen Mittelbau am meisten zu schaffen:

"Bevor wir Professor sind, sind wir alle keine fertigen Menschen, sondern wir sind in der Ausbildung. Und das ist auch ein Unding. Dass man einfach sagen kann: Mittelbau kann je nach Lage teilweise die Projekte nicht selber einfordern, es kommt nur auf den Professor an, sie sind immer abhängig beschäftigt, das sind überholte Strukturen, die sich heutzutage kein Unternehmen mehr leisten könnte."

Infos unter:

kisswin.de

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