Freitag, 24.11.2017
StartseiteCorsoMehr als nur der Zweite von links24.08.2017

Klangbiografie von Karl BartosMehr als nur der Zweite von links

Mit Kraftwerk hat Karl Bartos die Pop-Welt erobert und die elektronische Musik mit erfunden. "Wir orientierten uns nicht an irgendetwas am Musikmarkt", erzählt er im Corsogespräch über seine Autobiografie "Der Klang der Maschine", mit der er der Musik von Kraftwerk eine neue Perspektive geben will.

Karl Bartos im Corsogespräch mit Achim Hahn

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Der deutsche Musiker Karl Bartos. Von 1975 bis 1991 gehörte er der Band Kraftwerk an. (Patrick Beerhorst)
Der deutsche Musiker Karl Bartos. Von 1975 bis 1991 gehörte er der Band Kraftwerk an. (Patrick Beerhorst)
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Achim Hahn: Fast 16 Jahre gehörte Karl Bartos ja zum klassischen Line-up von Deutschlands wohl weltberühmtester Band "Kraftwerk". Doch sein Name wurde erst richtig bekannt, als er 1991 die Band verließ. Dabei war sein Anteil an den Hits, die Kraftwerk  Pop-Kult werden ließen, kaum zu unterschätzen. Doch die "Düsseldorfer Elektro-Combo", wie er sie manchmal nennt, ist nur ein - wenn auch sehr bedeutendes - Kapitel in seiner Musiker-Autobiografie "Klang der Maschine". Schönen Guten Tag, Herr Bartos.

Karl Bartos: Guten Tag.

Hahn: Seit Sie 13, 14 waren, haben Sie Musik gemacht, wie Sie schreiben, von der Beatband bis zur Opernaufführung, von den Beatles bis zu Stockhausen. Denn Sie sind ja auch klassisch ausgebildet. Dann kam der Anruf dieser Düsseldorfer Band, die einen Schlagzeuger suchte, und daraus wurden fast 16 Jahre Kraftwerk - Morgen kommt Ihre Autobiografie in die Läden: Welchen Stellenwert hat Kraftwerk darin?

Bartos: Naja. Es ist ja nicht zu übersehen und nicht zu überhören, heute ist ja - wie Sie auch schon sagten eingangs - Kraftwerk ein Exportartikel aus Deutschland und wird auch sehr im Ausland wertgeschätzt. Und ich denke, in meiner Autobiografie ist es ein wirklich interessanter Teil, in meiner Klangautobiografie meines Lebens. Wir haben einige Musik gemacht, die auch - so scheint es mir jetzt - einigen Bestand hat.

"Das Leben ist eine Sache, die man schwer begreift"

Hahn: Warum war es Ihnen wichtig, eine eigene Biografie zu schreiben?

Bartos: Es hängt wahrscheinlich mit meinem Lebensalter zusammen und ich beobachte, dass viele Menschen, wenn sie so etwas älter werden, auch mal zurückblicken, weil das Leben ist ja eine Sache, die man schwer begreift. Und wenn man einige Zeit gelebt hat, dann ist es gut, mal zurückzublicken, um zu sehen, was in der Vergangenheit so war. Weil die Gegenwart ist sehr, man ist sehr beschäftigt mit den Dingen, die man zu erledigen hat, die Zukunft, weiß niemand, wie die aussieht. Nur in der Vergangenheit werden vielleicht Muster erkennbar und man kann daraus etwas lernen für das Leben, für die Zukunft.

Wir haben noch länger mit Karl Bartos gesprochen - Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Hahn: Dann blicken wir mal zurück. Was war denn vor dem Hintergrund Ihrer klassischen Ausbildung damals eigentlich Ihr erster Eindruck von Kraftwerk? imponierte Ihnen diese Band?

Bartos: Na ja. Sie imponierte mir in dem Sinne, als sie Schallplatten machte. Und man fand damals - das ist vielleicht heutzutage schwer zu verstehen - aber man fand schwer Zugang zur Schallplattenindustrie aus dem regionalen Bereich. Also es war ja nicht so, dass alle Leute jetzt darauf gewartet hätten und man einen sogenannten Schallplattenvertrag bekommt, und Kraftwerk war durchaus damals schon überregional bekannt. Und das war das besondere an der Band.

"Musik war Teil unseres gemeinsamen Lebens"

Hahn: Wie wurden Sie denn von diesen Jahren bei Kraftwerk geprägt, und wie haben Sie - aus Ihrer Sicht - die Band beeinflusst?

Bartos: Also ich schreibe immer im Buch, unser Zusammensein, da benutze ich die Methaper "eine einzige Unterhaltung". Und diese Unterhaltung, die wir hatten, setzten wir in Musik um. Und die Musik war nicht etwas, was wir so in unserer Freizeit machten oder so, das war schon Teil unseres gemeinsamen Lebens. Und deshalb bezeichne ich auch meine Klangbiografie als "Leben im Klang der Musik".

Hahn: Vor vier Jahren kam nach diversen anderen CDs Ihr zweites Soloalbum "Off the records" heraus, das als beste "Kraftwerk"-Platte seit 30 Jahren gefeiert wurde - zeitgleich übrigens mit einem Kraftwerk-Originalalbum, auf das zwar eine gefühlte Ewigkeit gewartet wurde, das aber bei der Kritik dann doch eher als langweilig durchfiel. Ich hab beim Lesen so das Gefühl gehabt, das war für Sie schon eine gewisse Genugtuung. Denn Ihre Rolle bei Kraftwerk war ja mehr als nur robotermäßige Bühnenzuarbeit als zweiter von links, als der Sie oft bezeichnet werden.

Bartos: Wir hören jetzt seit 40 Jahren die Geschichte von Kraftwerk, die ein Mensch erzählt, ein früherer Kollege von mir. Ich glaube, es ist ganz gut, wenn auch eine weitere Perspektive dieser Geschichte erzählt wird, das kann nur positiv sein. Wenn Sie von Genugtuung sprechen, dann sind das Ihre Worte und das können Sie gerne denken, aber kommentieren möchte ich das nicht.

"Wir standen uns gegenüber und haben improvisiert"

Hahn: Zur Selbststilisierung von Kraftwerk gehörte auch immer diese Verschlossenheit. In Ihrem Buch werden aber jetzt auch erstmals Einblicke in den Schaffensprozess im legendären Kling-Klang-Studio gewährt. Wie sah der denn nun aus? Sie sprachen gerade von der Dialogform der Komposition.

Bartos: Was ich für das wichtigste halte, was wir überhaupt geschafft haben, das waren diese sogenannten Writing Sessions. Wir standen in unserem Kling-Klang-Studio wie ein Streichquartett oder eine Jazz Combo standen wir uns gegenüber und haben improvisiert. Das heißt, das wichtige beim Schöpfungsprozess war, dass wir den Moment musikalisch gestalteten, das, was wir gerade dachten. Wir orientierten uns nicht an irgendetwas am Musikmarkt oder an einer anderen Musik, an Housemusik oder an elektronischer Tanzmusik. Das war das, was ich nenne in diesem Buch, die "autonome Fantasie".

Hahn: Wie sah denn Ihr persönlicher kompositorischer Anteil aus? Zum Beispiel an so einem großen Kraftwerk Hit "Das Model"?

Bartos: Also beispielsweise "Das Model", von mir stammt der B-Teil. Aber auch dann später in dem nächsten Album, das ist also wirklich die Zeit, wo diese Writing Sessions stattfanden. Ich erinnere mich an ein Stück, was ich zuhause auf dem akustischen Klavier improvisiert hatte, ich brachte das eines Tages mit in das Studio und dann stellte ich mich an Florians Synthesizer und spielte (summt die Melodie). Und Ralf antwortete sofort, instant mit seinem Bass (imitiert den Bass). Und der Song, der daraus entstand, hieß "Computerliebe" und das spielte sich quasi von selbst.

Hahn: Eine Melodie, die ja später auch von Coldplay sehr berühmt geworden ist.

Bartos: Genau. Und die habe ich zuhause auf meinem Klavier improvisiert in der Musikschule.

"Ich habe gemerkt, dass mir Schreiben ganz gut bekommt"

Hahn: Jetzt klingt das alles recht positiv, harmonisch. Sie sind aber dann, nach etwa 15 Jahren ausgestiegen. Warum war das damals so? Das Verhältnis zu Ralf Hütter war ja sehr, sehr positiv, letztendlich verkehren Sie jetzt nur per Anwalt mit ihm. Was hat sich geändert?

Bartos: Es gibt natürlich viele Gründe. Einmal war es der Leistungssport, dann war es auch die Digitalisierung. Die Digitalisierung brachte den Computer und wir haben uns nicht mehr in die Augen geschaut, sondern auf den Monitor des Computers.

Hahn: Wohin geht es bei Ihnen musikalisch weiter? Gibt es ein neues Album?

Bartos: Erst mal nicht. Also ich habe jetzt gerade aufgehört und habe das Buch selber gelesen, also ich war ganz erstaunt, wie sich das so durchgehend anfühlt und ich muss es auch noch mal lesen und noch mal. Ich habe gemerkt, dass mir Schreiben ganz gut bekommt und dass ich da Spaß dran empfinde. Weil es ist ja relativ schwer, über Musik zu schreiben, das werden Sie wissen. Und mir hat das wirklich etwas gebracht und vielleicht schreibe ich direkt noch ein Buch.

Hahn: Karl Bartos - vielen Dank für dieses Corsogespräch und viel Erfolg mit Ihrer Autobiografie "Der Klang der Maschine", 605 Seiten, erschienen bei Bastei-Lübbe und ab morgen in den Läden zu kaufen.

Bartos: Auf Wiedersehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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