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StartseiteBüchermarktMonster, Dämonen und eine Reise zu sich selbst05.02.2017

Klassiker der chinesischen LiteraturMonster, Dämonen und eine Reise zu sich selbst

Xiyoujis Roman "Die Reise in den Westen" gehört zu den Klassikern der chinesischen Literatur und dient bis heute als Vorlage für Bühnenaufführungen, Comics und Filme. Die auf 1.300 Seiten erzählte Geschichte über die abenteuerliche Reise des Mönches Xuanzang ist nun zum ersten Mal vollständig ins Deutsche übersetzt worden.

Von Helwig Schmidt-Glintzer

Sitzender Buddha, China 7./8. Jhd. (Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto: Jürgen Liepe)
Um zur Erleuchtung zu gelangen, müssen die fünf Helden in Xiyoujis Roman zahlreiche Abenteuer und Prüfungen bestehen. (Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto: Jürgen Liepe)
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Es geht um die abenteuerliche Reise des Mönches Xuanzang, alias Tripitaka, nach Indien, eingebettet in eine reich ausgeschmückte, sich über 100 Kapitel und in der deutschen Übersetzung über mehr als 1.300 Seiten erstreckende Erzählung. Der Roman ist einer der vier großen "klassischen Romane" Chinas und beerbt eine Jahrhunderte alte Erzähltradition.

Die anderen drei dieser auch als "Vier außergewöhnliche Bücher" bekannten und ebenfalls in der Zeit um 1600 in die heutige Fassung gebrachten Romane sind:

- die "Darlegung der Geschichte der Drei Reiche", eine vielleicht treffender noch als Epos oder sogar als Heldenepos zu bezeichnende Darstellung der historischen Ereignisse aus dem frühen 3. Jahrhundert n.Chr. über den Zusammenbruch der Han-Dynastie und den Beginn der Zeit der Reichsteilung.

– der Roman "Die Räuber vom Liangshan-Moor" über den Rebellen Song Jiang und seine 36 Gefolgsleute, die sich gegen die Regierungstruppen zunächst durchsetzen, sich dann aber ergeben und schließlich die Regierungstruppen bei der Wiederherstellung der Ordnung unterstützen.

– sowie "Der Goldene Lotos", ein Titel, der auch als "Schlehenblüten in Goldener Vase" übersetzt wird und in dem die Geschichte des Herrn Ximen und seiner Familie, insbesondere seiner Frauen, als ein Sittengemälde über die Zeit des 12. Jahrhunderts ausgebreitet wird.

So sehr diese umfangreichen, in100 oder mehr Kapitel gegliederten Romane seit ihrer Entstehung vor etwa 500 Jahren immer wieder die Vorlage für Bühnenstücke und volkstümliches Theater abgaben, waren sie doch für ein Lesepublikum geschrieben, für eine gebildete Öffentlichkeit, die seit dem 16. Jahrhundert Erbauung und Vergnügen suchte und auch sonst den Künsten gegenüber aufgeschlossen war.

Die Erinnerung an die Geschichtenerzähler und die Traditionen des mündlichen Vortrags findet sich noch in den Schlussformeln der Kapitel, die so oder ähnlich enden:

"Und da wir nicht wissen, wie es in der Folge um Heil und Unheil stand, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet."

Der Weg geistiger Läuterung

In dem Roman "Die Reise in den Westen" wird die Expedition des Mönches Xuanzang für ihn und seine Begleiter zu einem Weg geistiger Läuterung, der sich vordergründig im buddhistischen Kontext abspielt, zugleich aber den Vervollkommnungsprozess der daoistischen inneren Alchemie darstellt.

Der Roman beginnt mit seiner Hauptfigur, dem späteren Affenkönig, und berichtet von dessen Geburt aus einem Stein und wie er sich schrittweise vervollkommnet, vor allem Wagemut zeigt und so zum Affenkönig wird. Als er sich nach langen Jahren der Vergänglichkeit und Endlichkeit des Glücks im Affenreich bewusst wird und von der Existenz des Buddha erfährt, verlässt er auf einem selbst gezimmerten Floß sein Reich, und ein starker Wind treibt ihn bis zum nordwestlichen Ufer des Kontinents Jambudvipa – und so wird der Roman gewissermaßen zu einer Beschreibung des Universums mit China und dem Weg nach Indien im Zentrum:

"Er verließ sein Floß und sprang ans Ufer. Hier sah er die Menschen beim Fischfang, bei der Wildgansjagd, beim Muschelsammeln und Salzschürfen. Während er auf sie zuging, machte er sich das Vergnügen, wilde Grimassen zu schneiden, sodass alle entsetzt auseinanderstoben. Einen, der nicht schnell genug war, packte er sich, riss ihm das Gewand vom Leibe und kleidete sich selbst nach Art der Menschen. Dann ging er mit gewichtigen Schritten voran und wanderte durch viele Bezirke und Städte.

Auf Marktplätzen lernte er Sitten und Sprachen der Menschen kennen, aß bei Tage und ruhte nachts, immerzu mit dem einen Ziel im Herzen, die Lehren der Buddhas, Unsterblichen und Heiligen zu finden, um das Rezept für ein ewiges Leben zu erlangen. Doch er sah, dass die Menschen alle nur nach Ruhm und Reichtum strebten; kein Einziger kümmerte sich um das Leben selbst."

Bald trifft der Affenkönig auf den Meister Subhuti, der ihm den Namen gibt: "Sohn, der die Leerheit erkennt", Sun Wukong, was in folgendem Vers erläutert wird:

"Im Beginn der großen Schöpfung

War kein Name je zu nennen,

Will man starre Leerheit brechen,

Muss man Leerheit erst erkennen!"

Das Erlangen der Unsterblichkeit

Sun Wukong lernt die Lehre vom ewigen Leben und erlangt die Unsterblichkeit. Durch den Wunder wirkenden "Wunscherfüllenden Goldreifstab" mit übernatürlichen Kräften ausgestattet, wird er zum Unruhestifter, zum Urbild Ansprüche stellender und aufbegehrender Dreistigkeit und Frechheit, den selbst der Jadekaiser, die höchste Gottheit, nicht in die Schranken zu weisen in der Lage ist. Stets bleibt der Affenkönig siegreich, wie in dem mit dem Prinzen Nata geführten Kampf. Als dieser sich in ein dreiköpfiges und sechsarmiges Ungeheuer verwandelt und er zu unterliegen droht, setzt Sun Wukong seine eigenen Kräfte ein:

"Mit dem Ruf 'Verwandlung!« wurde auch er dreiköpfig und sechsarmig, schwang den Goldreifstab in den Wind, dass auch dieser sich verdreifachte, und stellte sich mit drei Stäben in sechs Händen zur Wehr.

Dieser Kampf ließ regelrecht Berg und Tal erbeben, während die beiden an die 30 Runden lang ihre überragenden Zauberkräfte austobten. Bald wurden aus den sechs Waffen des Prinzen Tausende und Abertausende, auch Wukongs Goldreifstab erschien tausend- und abertausendfach, sodass in halber Höhe Regentropfen und Sternschnuppen durcheinanderzuwirbeln schienen, ohne das geringste Anzeichen von Sieg und Niederlage. Wukong aber, flink wie er war, zupfte sich mitten in dem Gewirbel ein Pelzhaar aus und rief 'Verwandlung!'.

Auf der Stelle wurde es zu einem Doppelgänger, der nun ebenfalls mit einem Goldreifstab bewaffnet Nata in Schach hielt, während Wukong selbst mit einem Satz hinter den Prinzen sprang und auf seinen linken Arm zielte. Nata versuchte auszuweichen, doch es war zu spät, und er wurde getroffen. Unter quälenden Schmerzen ergriff er die Flucht, machte seine Verwandlung rückgängig und kehrte als Verlierer ins Lager zurück."

Die Wiederherstellung der weltlichen Ordnung

Diese Überlegenheit verleitet den Affenkönig dazu, seinen Ehrgeiz zu steigern, und er wird selbst zum Unhold. Zwar gelingt es den göttlichen Ordnungskräften, ihn festzusetzen, doch bleibt er unverletzlich. Erst Buddha selbst, dem er gesteht, dass er "den Himmel erwerben", also "dem Jadekaiser den Thron streitig machen will" vermag Sun Wukong in die Schranken zu weisen und so die weltliche Ordnung vor dem Störenfried zu retten. Der Jadekaiser bedankt sich ausdrücklich und Buddha hält Sun Wukong fortan gefangen.

Nach dieser Exposition folgt im achten Kapitel die Wende. Zurück in seinem Tempelreich erklärt Buddha, er wolle seine Heiligen Schriften in die "östlichen Gefilde" bringen lassen. Die Bodhisattva Guanyin, die buddhistische Göttin der Barmherzigkeit, übernimmt den Auftrag, dort im Osten einen Gläubigen zu finden, der bereit ist, diese mehr als 15.144 Schriftrollen aus dem Lande Buddhas nach China zu holen. Sie erhält von Buddha den Auftrag, der ihr fünf Schätze überreicht, die das Vorhaben gelingen lassen sollen:

"Buddha ließ Ananda und Kasyapa eine brokatene Mönchsrobe und einen mit neun Ringen verzierten Priesterstab bringen und sprach: 'Diese beiden sind für den Schriftenholer selbst. Wenn er den festen Entschluss gefasst hat, hierherzukommen, soll er diese Mönchsrobe anziehen, denn diese wird ihn vom Kreislauf der Wiedergeburten befreien, und er soll diesen Priesterstab halten, denn er wird ihn vor verderblichen Einflüssen schützen.'

Mit einer tiefen Verbeugung nahm Guanyin die Sachen entgegen. Nun überreichte ihr Buddha drei Ringe und sprach: 'Diese Schätze sind sogenannte 'Verengungsreife'. Zwar sehen alle drei gleich aus, doch sind sie verschieden im Gebrauch. Drei magische Formeln gehören dazu, nämlich der 'Goldspruch', der 'Verengungsspruch' und der 'Bannspruch'.

Falls Ihr unterwegs auf einen Dämon mit übergroßen magischen Kräften stoßt, dann sollt Ihr ihn zum Guten bekehren und ihn veranlassen, dem Schriftenholer als Jünger zu dienen. Falls er nicht gehorchen will, könnt Ihr ihm einen dieser Reife aufsetzen, der umgehend mit seiner Kopfhaut verwachsen wird. Spricht man dann die passende Formel dazu, werden ihn so starke Kopfschmerzen plagen, dass seine Augen hervortreten und ihm das Hirn zu bersten scheint. Auf diese Weise wird er sicherlich unserer Lehre folgen.'"

Die stärksten Widersacher sollen zu Verbündeten gemacht werden, um so alle Gefahren auf der Reise zu meistern.

Guanyin macht sich an die Ausführung des Auftrags und findet Xuanzang alias Tripitaka in der Hauptstadt Chang'an, und nach ausführlicher Schilderung und nachdem er Robe und Stab Buddhas aus der Hand des Kaisers Taizong erhalten hat, macht der sich auf die Reise. Bald trifft er auf den immer noch gefangenen Affenkönig Sun Wukong, der sich mit den Worten vorstellt:

"Ich bin derjenige, der vor fünfhundert Jahren im Himmelspalast einen großen Aufruhr gemacht hat, der Himmelsebenbürtige Große Heilige.

Nur weil ich mich gegen die Obrigkeit gewendet habe, hat mich der Buddha hier eingekerkert. Vor einiger Zeit aber ist die Bodhisattva Guanyin auf Geheiß des Buddha in den Osten gegangen, um einen Menschen zu suchen, der die Heiligen Schriften holt.

Da habe ich sie gebeten, mich zu befreien. Sie hat mir dann geraten, mich der buddhistischen Lehre zu widmen und den Schriftenholer auf dem Weg zu Buddha im Westen nach Kräften zu beschützen; am Ende werde der Erfolg belohnt. Deshalb hielt ich seither Tag und Nacht Ausschau, ob nicht endlich jener Meister vorbeikäme, der mich befreien sollte. Ich bin gewillt, Euch auf der Reise in den Westen zu beschützen und Euer Schüler zu werden."

Zunächst muss Tripitaka selbst seinen Schüler noch einmal bändigen, wobei ihm die magische Kraft des Verengungsreifs Buddhas hilft, den ihm Guanyin überlassen hatte. Von da an ist Sun Wukong der Nothelfer in allen Fährnissen.

Vervollständigung der Pilgergruppe

Es folgt nach und nach die Vervollständigung der Pilgergruppe, ganz nach dem von Guanyin vorgesehenen Plan. Zunächst kommt es zu der Begegnung mit einem Drachen, der in ein Reittier verwandelt wird um dem Schriftenholer als Pferd zu dienen. In der Folge treffen der Pilger und sein Begleiter dann auf einen Unhold in Ebergestalt dem Guanyin bereits den Namen Zhu Wuneng ("der die Fähigkeiten erkennt") gegeben hat und der sich nun auch als Schüler Tripitaka anschließt und von diesem den Namen Bajie ("Acht Abstinenzen") erhält und seither Zhu Bajie heißt. Nach weiteren Abenteuern wird als vierter im Bunde der Pferdeführer Sha Wujing ("Sand, der die Reinheit erkennt") gewonnen. Alle unterstützen nun den Schriftenholer und erwerben so Verdienste auf ihrem Weg zur Vervollkommnung. Die Gruppe ist nun vollständig, und das Kapitel endet:

"Ein Herz und eine Seele, schritten Meister und Schüler nun gemeinsam gegen Westen aus. Und wie sie ihr Werk weiter zur Vollendung brachten, hört ihr im nächsten Kapitel."

Monster, Dämonen, wilde Kämpfe und Prüfungen

So bewegt sich die Fünfergruppe aus dem Mönch Tripitaka, Sun Wukong, Zhu Bajie, Sha Wujing und Drachenpferd nach Westen und besteht vielerlei Gefahren und Abenteuer, Kapitel für Kapitel, Episode für Episode – als spannende Lektüre ebenso wie als Stoff für den Erzähler und die übers Land ziehenden Schaustellertruppen. Die wiederholte Gefangennahme und Befreiung der Pilger und die Durchsetzung gegen Monster, Dämonen, Tiergeister und maskierte Gottheiten sowie wilde Kämpfe mit kühnen akrobatischen Aktionen machen die zahlreichen Prüfungen Xuanzangs und seiner Begleiter zu einer Ereignisfolge daoistisch-alchemischer Welt- und Gefahrenbewältigung mit Witz und List und einem großen Unterhaltungswert.

Sun Wukong sorgt mit seinen Aktionen und seinem Eigensinn für die Dramatik in den Episoden, die auf Dorfplätzen, in Filmen und Comics über Jahrhunderte zur Aufführung kamen und zum weit verbreiteten Überlieferungsbestand Chinas wurden, aber auch in anderen Ländern Verbreitung fanden, wie etwa in Japan, und bis heute immer wieder aufgerufen werden. Gegen Ende des Romans erreichen die Pilger im 98. Kapitel das "Buddhaland des Westens" und nach Überquerung eines breiten Stroms den Palast des Buddha Shakyamuni, der Xuanzang gegenüber beschreibt, wie er China sieht:

"Zwar begründete bei Euch Konfuzius seine Lehre der Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Ethik und Weisheit, und die Herrscher aller Dynastien bestrafen Vergehen mit Gefangenschaft, Exil, Erhängen oder Enthauptung, aber dennoch verharren die Menschen in ihrer Verblendung, lassen sich gehen und kennen keinerlei Tabus! Darum habe ich hier nun das Tripitaka, die drei Körbe Heiliger Schriften. Sie vermögen die Menschen aus Kummer und Not zu erlösen und über die Ursachen vergeltender Schicksalsschläge aufzuklären. [ ... ] Da Ihr aus weiter Ferne hierher gepilgert seid, will ich Euch all dies mitgeben."

Der Kern aller drei Religionen

Bei der Übergabe der Heiligen Schriften richtet Buddha an die Reisegruppe folgende Worte:

"Diese Heiligen Schriften sind von unermesslichem Segen. Obschon sie unsere Ansicht darstellen, handelt es sich in Wirklichkeit um den Kern aller drei Religionen. Wenn Ihr nun auf Euren Kontinent Jambudvipa zurückkehrt und dort allen Wesen diese Schriften offenbart, sollen diese niemals achtlos behandelt werden.

Nur wer ein reinigendes Bad genommen und gefastet hat, soll diese Schriften aufschlagen. Schätzt sie hoch und nehmt sie ernst! Sie enthalten das tiefe Geheimnis, wie der Mensch unsterblich werden und das große Dao vollenden kann, es ist eine wunderbare Lehre über die große Schöpferkraft der Natur!"

Mit den "Drei Religionen" sind Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus gemeint – und tatsächlich vereinigt der Roman Maximen und Weltbeschreibungen aus allen drei Lehren.

Am Ende des Berichts werden noch einmal alle Abenteuer aufgezählt, 80 an der Zahl, doch weil erst die magische Zahl 9 X 9, also 81 zur Vollendung führt, muss noch ein letztes Abenteuer bestanden werden. Danach liefern sie die Schriften in der Hauptstadt Chang'an ab und berichten von der Gewinnung der Schriften – es sind nun 5.048 Rollen – aus der Hand Buddhas. Mit einem Text des Kaisers, der zum Vorwort zur Ausgabe jener Sammlung Heiliger Schriften Buddhas wurde, endet die Erzählung und zum Schluss kehrt die Reisegruppe auf einer Wolke aufsteigend zu Buddha zurück, der jeden einzelnen anspricht und belohnt.

Zu Tripitaka sagt Buddha:

"Heiliger Priester! In deinem vorigen Leben warst du mein zweiter Jünger, und dein Name lautete Meister Goldzikade. Weil du meinen Reden nicht achtsam gelauscht und die Große Lehre geringgeachtet hast, ist deine Seele verstoßen und zur Wiedergeburt in den Osten geschickt worden. Heute dürfen wir uns darüber freuen, dass du dich von neuem dem Buddhismus zugewandt, die Gebote eingehalten und im Sinne unserer Lehre gelebt hast. Deine Pilgerreise zu den Wahren Schriften ist ein außerordentliches Verdienst, dafür steht dir die Beförderung in einen hohen Stand zu: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Tugendreichen Buddha Candana. [ ... ]"

Auch die anderen werden belohnt und befördert, und so lässt sich der Roman als Anleitung zum rechten Handeln mit der Aussicht auf Belohnung lesen. Die Expedition zur Erlangung der Lehren wird für die Mitglieder der Pilgergruppe, allen voran für den Affenkönig Sun Wukong, zur Einübung der Maximen des Buddhismus, keinen Mutwillen zu treiben und vor allem nicht zu töten, sondern Barmherzigkeit zu üben – und zugleich gilt es doch auch, den Kampf aufzunehmen, Gefahren abzuwehren und Dämonen zu vertreiben. Die Moral des ganzen Romans lässt sich in dem Satz zusammenfassen: "Man muss genau zwischen Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge unterscheiden, man darf für Gespenster kein Mitleid haben, sondern muss sie entschieden vernichten."

Dabei steht der Affenkönig Sun Wukong für Mut und Kühnheit, aber auch für List und Verschlagenheit, für Frechheit und Provokation. Er besitzt die dem Affen in der Mythologie Chinas immer schon zugeschriebenen übernatürlichen Kräfte. Doch wie der Große Herrscher Yu einst den Flussgott in Gestalt eines Affen bändigte, indem er diesen an einen Berg kettete, sodass er keine weitere UNOrdnung stiften kann, so wird Sun Wukong gebändigt, als er im Himmel Unruhe und Verwirrung stiftet.

Als man im 20. Jahrhundert die alten Religionen ablegen und auf Buddha verzichten zu können glaubte, blieb die Gestalt des mutwilligen Störenfrieds übrig. Auf ihn beriefen sich gerne Revolutionäre; so auch als prominentester Mao Zedong, der sich mehrfach mit Sun Wukong und dessen Auflehnung gegen den Himmelskaiser identifizierte und einen "Aufruhr im Himmel" ausdrücklich forderte.

Doch auch ihm war klar, dass solchem aufrührerischen Treiben zur rechten Zeit Einhalt geboten werden muss. So beanspruchte er für sich eine Doppelrolle: er ist zeitweise Aufrührer und Unruhestifter, als Sun Wukong, und dann wieder ist er Buddha und damit die Instanz, die den übermütigen Affen in die Schranken weist. Er wollte die absolute Freiheit selbst behalten und das Gesetz des Handelns nicht aus den Händen geben. Es erwies sich aber bald, dass solch eine "innerweltliche" Lösung keinen dauerhaften Bestand haben konnte.

Die relative Herrschaft

Mit dem Aufruhr im Himmel aber ist weiter ebenso zu rechnen wie mit der Beschränktheit der Macht des Jadekaisers. Darin übrigens ist die in der chinesischen Kultur fest verankerte Ambivalenz gegenüber aller Herrschaft begründet, die immer nur relativ ist und sich nur über längere oder kürzere Zeiträume behaupten kann.

Wie aber, so lautet die bis heute aktuelle Frage, soll nach Unruhe und Veränderung die Ordnung wiederhergestellt werden? Man geht wohl richtig in der Annahme, dass die Abenteuer des Affenkönigs Sun Wukong auch zukünftige Generationen fesseln werden und dass deswegen der Gestalt des Buddha und den Lehren von der Läuterung des wundermächtigen Affenkönigs auch in Zukunft größere Bedeutung zukommen wird als selbst der Person eines Großen Parteivorsitzenden.

Das Versprechen der Erlösung wird dem Affenkönig bereits ganz zu Anfang des Romans in Aussicht gestellt, in gedichteten Versen, wie sie immer wieder in die Erzählungen und Berichte des Romans eingestreut sind:

"Die Fünf Wandlungsphasen sammle nun,

Dann kehre sie in ihrer Wirkung um;

Und wenn das große Werk vollendet ist,

Sei Buddha und Unsterblicher nach Lust!"

Xiyouji: "Die Reise in den Westen. Ein klassischer chinesischer Roman. Mit 100 Holzschnitten nach alten Ausgaben". Übersetzt und kommentiert von Eva Lüdi Kong. Stuttgart, Reclam 2016, 1.320 Seiten. 88,00 Euro. ISBN 978-3-15-010879-6. Auch als E-Book erhältlich.

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