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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteDie neue PlatteDie wiederentdeckten Wranitzkys20.03.2016

Klassische MusikDie wiederentdeckten Wranitzkys

Wer bisher noch nie etwas von Paul oder Anton Wranitzky gehört hat, muss sich nicht weiter grämen. Die Namen der Halbbrüder sind in Vergessenheit geraten. Im späten 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts spielten die zwei allerdings eine wichtige Rolle im Wiener Musikleben. Das Münchener Kammerorchester hat nun eine CD mit Werken der beiden Musiker herausgebracht.

Von Jochen Hubmacher

Detailaufnahme eines Cellos (picture alliance / dpa / Lehtikuva Nukari)
Paul Wranitzky war im 18. und 19. Jahrhundert eine prägende Figur im Wiener Musikleben. (picture alliance / dpa / Lehtikuva Nukari)

Wer bisher noch nie etwas von Paul oder Anton Wranitzky gehört hat, der muss sich eigentlich nicht weiter grämen. Zwei Namen, untergegangen im Strom der Musikgeschichte, wie so viele andere, heute überragt von ihren Zeitgenossen, Mozart, Haydn oder Beethoven. Und wer dann doch mal einen Blick ins Lexikon wagt, weil vielleicht gerade eine CD-Neuerscheinung auf dem Schreibtisch gelandet ist, Werke der Halbbrüder Wranitzky mit dem Münchener Kammerorchester, der findet dann unter W wie Wranitzky, Paul in der Allgemeinen Deutschen Biografie von 1898 folgenden Eintrag:

"Wranitzky war gewissermaßen ein "Papa Haydn" in riesiger Verkleinerung, aber eben in dieser Verflachung und Vergröberung vom schalkhaft Humoristischen zu trivialer Lustigkeit für den grobkörnigen Geschmack der breiten Schichten des Biedermeierthums berechnet. Seine Symphonien sind lustig gestimmt, volksthümlich gehalten und neigen offen zum Bänkelsang hin. Den von Haus aus wenig originellen Melodien ist längst der Reiz der Neuheit abgestreift, die Ausführung erscheint flüchtig, Hausbackenheit waltet darin vor."

Wer nach diesen Zeilen keine große Lust mehr verspürt, die beim Label Sony erschienene CD überhaupt in den Player zu schieben, den kann ich verstehen. Es wäre jedoch eine verpasste Chance.

Paul Wranitzky
1. Satz: Allegro
Aus: Sinfonie D-Dur, op. 16. Nr. 3

Die ersten Takte der Sinfonie D-Dur, op. 16 Nr. 3 von Paul Wranitzky. Entstanden ist sie in den Jahren 1791/92 und Hand aufs Herz, es gibt weitaus weniger spannende Musik von weitaus berühmteren Zeitgenossen. Will sagen: Von den mehr als 50 Sinfonien, die Paul Wranitzky komponiert hat, sind garantiert nicht alle so hausbacken und uninspiriert, wie uns das die Allgemeine Deutsche Biografie glauben machen will. Noch dazu, wenn der Musik mit solcher Spielfreude und Liebe zum Detail begegnet wird wie hier vom Münchener Kammerorchester unter der Leitung des Briten Howard Griffiths.

Es steht außer Frage, dass der aus Mähren stammende Paul Wranitzky Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts eine der prägenden Figuren im Wiener Musikleben war. Zunächst als Orchesterdirektor am Kärtnertortheater, später dann in gleicher Funktion am Burg- und Hoftheater. Haydn und Beethoven schätzten Wranitzky als Dirigenten. So leitete er etwa die Uraufführung von Beethovens erster Sinfonie. Sein Verhältnis zu den Mozarts muss so gut gewesen sein, dass er nach dem Tod von Wolfgang Amadeus für dessen Witwe als Mittelsmann fungierte, als es darum ging, den handschriftlichen Nachlass zu verkaufen.

Der Komponist Paul Wranitzky setzte 1789 mit seiner Oper "Oberon" ein dickes Ausrufezeichen. Angeblich soll der grandiose Erfolg von "Oberon" den Theatermacher und Librettisten Emanuel Schikaneder massiv befeuert haben, eigene Opernpläne zu realisieren. Und zwar gemeinsam mit Wolfgang Amadeus Mozart. Das Ergebnis kennen wir heute als "Die Zauberflöte"

Sämtliche Werke der vorliegenden CD-Aufnahme sind Ersteinspielungen.

Neben der D-Dur Sinfonie findet sich darauf auch Paul Wranitzkys 1794 erschienenes Cellokonzert mit der jungen Schweizerin Chiara Enderle als Solistin.

Paul Wranitzky
1. Satz: Adagio non troppo
Aus: Konzert für Violoncello und Orchester, op. 27

Chiara Enderle gehört zu den jungen Musikern, die von der Züricher Orpheum Stiftung gefördert werden. Deren künstlerischer Leiter ist der britische Dirigent Howard Griffiths. Und hier schließt sich der Kreis. Zum 25-jährigen Bestehen der Stiftung wurde die jetzt erschienene CD mit Howard Griffiths am Dirigentenpult des Münchener Kammerorchesters aufgenommen. Als eine Art klingende Visitenkarte für junge Solisten, aber, und das ist clever konzipiert, nicht mit Standardrepertoire, sondern mit Ersteinspielungen. Und die versprechen wiederum eine größere mediale Aufmerksamkeit.

Howard Griffiths kann man bezüglich der Musik von Paul Wranitzky als Wiederholungstäter bezeichnen. Bereits 2006 veröffentlichte er damals mit der NDR-Radiophilharmonie eine CD mit Sinfonien.

Chiara Enderle ging es dagegen wie wohl den meisten Cellisten dieser Welt. Sie hatte bis vor Kurzem noch nie etwas von Paul Wranitzky oder dessen Konzert gehört. "Ein extrovertiertes, virtuoses Werk, das sie an die Cellokonzerte von Haydn und Boccherini erinnert", wie sie im CD-Booklet schreibt. Und ein Werk, das, je länger sie sich damit beschäftigt hat, ihren Respekt wachsen ließ vor den Cello-Virtuosen der damaligen Zeit. Die "müssen wirklich was drauf gehabt haben", stellt Chiara Enderle lapidar fest. Und mit ihrer eigenen Interpretation liefert sie gleichzeitig den Nachweis, dass auch sie es zweifellos drauf hat.

Paul Wranitzky
3. Satz: Finale Rondo – Allegro di molto
Aus: Konzert für Violoncello und Orchester, op. 27

Neben Paul Wranitzky spielte auch dessen Halbbruder Anton eine wichtige Rolle im Wiener Musikleben des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. In erster Linie als Geigenvirtuose und Lehrer. Er gilt als einer der Begründer der Wiener Geigerschule. Zu seinen Studenten gehörte etwa Ignaz Schuppanzigh, der später nicht nur wiederum Ludwig van Beethoven im Geigenspiel unterrichtete, sondern mit seinem Quartett auch etliche Beethoven-Streichquartette uraufführte. Anton Wranitzkys kompositorisches Oeuvre ist um einiges überschaubarer als das seines Halbruders. Im Zentrum stehen 15 hochvirtuose Violinkonzerte, die die heraufdämmernde Epoche der Romantik bereits erahnen lassen. Das 1803 veröffentlichte C-Dur Konzert, op. 11, hat die georgische Geigerin Veriko Tchumburidze nun erstmals auf CD eingespielt.

Anton Wranitzky
2. Satz: Adagio. Romanza cantabile
Aus: Konzert für Violine und Orchester C-Dur, op. 11

Wie Chiara Enderle verfügt auch die Geigerin Veriko Tchumburidze über ein enormes musikalisches Potenzial. Sicher gibt es da und dort mal eine Passage, die noch besser mit dem Orchester zusammen oder sauberer intoniert sein könnte. Geschenkt – was sich unterm Strich vermittelt, ist die leidenschaftliche Energie und Neugierde, mit der sich die jungen Solistinnen den Konzerten von Anton und Paul Wranitzky widmen.

Howard Griffiths und das exzellente Münchener Kammerorchester veredeln diese beim Label Sony erschienene CD. Insgesamt also ein eindrucksvolles Plädoyer für zwei vergessene Komponisten, die sich auf Augenhöhe mit den Hausgöttern der Wiener Klassik bewegten und deren Werke eine spannende Repertoireergänzung darstellen. Zum Schluss der Sendung noch das Finale aus Anton Wranitzkys C-Dur Violinkonzert.

Anton Wranitzky
3. Satz: Finale alla Polacca. Allegretto
Aus: Konzert für Violine und Orchester C-Dur, op. 11

Besprochene CD:
Anton Wranitzky: Konzert für Violine und Orchester C-Dur, op. 11; Paul Wranitzky: Sinfonie D-Dur, op. 16. Nr. 3, Konzert für Violoncello und Orchester, op. 27
Veriko Tchumburidze, Violine; Chiara Enderle, Violoncello; Münchener Kammerorchester; Ltg.: Howard Griffiths
Label: Sony Classical, LC: 06868, EAN: 888751271227

 

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