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StartseiteKultur heuteKleines Fernsehspiel27.04.2013

Kleines Fernsehspiel

Mit Thomas Arzts "Alpenvorland" hat der Heidelberger Stückemarkt begonnen

Das Heidelberger Theaterfestival Stückemarkt eröffnete in diesem Jahr mit "Alpenvorland". Das preisgekrönte Stück des 30-jährigen Österreichers Thomas Arzt lässt befürchten, dass der Markt kurz vor dem Kollaps steht.

Von Christian Gampert

Michael Kamp, Friedrich Witte, Evamaria Salcher und Dominik Lindhorst schwofen im "Alpenvorland". (Florian Merdes)
Michael Kamp, Friedrich Witte, Evamaria Salcher und Dominik Lindhorst schwofen im "Alpenvorland". (Florian Merdes)

Das Problem des Marktes ist, dass er ständig Neues hervorbringen muss und keine Ruhe kennt. Das ist beim überhitzten Finanzmarkt nicht anders als beim Stückemarkt: Hier besteht der Zwang, Preise zu vergeben, obgleich nicht viel zu preisen ist. Und man erst mal arbeiten müsste. Im letzten Jahr gewann Thomas Arzt den Autorenwettbewerb des Heidelberger Stückemarkts mit einem Werk, das sich angeblich an Ödön von Horváth anlehnt, was nur sehr vage stimmt, ein vorgeblich "reiches, farbiges, pralles Stück voller Lebensgier, Verzweiflung und gemeiner Pointen", so die Jury. Wer das Stück liest, muss zu dem Schluss kommen, dass die Juroren schon ziemlich ermattet waren, als sie das schrieben. Und dass der Markt kurz vor dem Kollaps steht.

Thomas Arzt hat in Wien, wo er lebt, mit "Grillenparz" einen schönen Erfolg gehabt: ein dunkles Drama über eine Firmenfeier, wo alle über alle herfallen. Das wurde in der grandiosen Performance-Regie von Nora Schlocker mitten im Publikum gespielt. "Alpenvorland", mit dem Arzt in Heidelberg gewann, nimmt die Ur-Situation von Firmenfeier, Klassentreffen, Grillparty und großer Abrechnung noch einmal auf, es ist eine Reprise. Das Stück will die Situation der heute Dreißigjährigen beleuchten, ihre wirren Beziehungen und schon enttäuschten Hoffnungen auf sinnvolle Arbeit; unterbrochen wird das durch Monologe, die in Heidelberg meist ins Mikrophon gebellt, gesäuselt, gesungen werden. Und der Musiker Wendelin Hejny baut schon mal eine große Drohkulisse auf.

Also, das ist mindestens "Spiel mir das Lied vom Tod", dabei kommen dann nur Leute auf die Bühne, die aus einem dramaturgischen Lego-Baukasten stammen, aus dem Kinderzimmer, die aber irgendwie erwachsen sein müssen. Es geht um Ökobratwürste und das Haus am Stadtrand, um das Hirn als biologische Masse und den Mittelstand, der sich auflöst, um Missbrauch durch den Lehrer und die Unterdrückung der Frau, um schwule Schwärmerei und den Selbstmord der Eltern – ziemlich viel Holz für ein einziges Theaterstück. Der eine guckt Pornos am Nachmittag, nachdem ihn seine Jugendliebe verlassen hat, der andere tummelt sich im Chatroom; die eine beklagt sogenannte "spermadurchsetzte Spielregeln" im sowieso schwanzgesteuerten Business, die andere ist schwanger – aber von wem eigentlich? Von Moritz? Von Bimbo (er heißt wirklich so)? "Es könnte auch Alf gewesen sein". Naja, da kann man schon mal den Überblick verlieren, auch als Autor. Also schnell noch einen Monolog einschieben, es spricht der Vater über die böse Welt.

"Es gibt Schulen, da laufen die Ausländer mit Maschinengewehren rum, Sohn. Es gibt Gegenden, da machst du deinen Spaziergang im Hinterhof, Ghetto-Sohn, und schau ins Paradies, Sohn … diese deine Welt … bumm … bumm …"

Der Regisseur Jens Poth versucht, die Schwächen der Stückvorlage zu überspielen und zu überbrüllen. Er verwendet ritualisierte Formen und Pantomimen und Standbilder und treibt die Schauspieler vor allem zu Beginn in ein beständiges Over-Acting. Vor allem aber hat er fast gar nichts gekürzt, so dass das thematische Sammelsurium des Autors in nervender Länge dargeboten wird. Die Regie wärmt sich an einem künstlichen Lagerfeuer und schmeißt die Figuren in ein putziges Planschbecken, das ist so der intellektuelle Level. Zwischendrin dürfen die Jungs sich einseifen wie bei Dick und Doof, und die Frauen zicken sich ausführlich an.

Angeblich sind das ja die Höhepunkte der Nachwuchsdramatik, aber, mit Verlaub: Dieses Kaleidoskop jugendlicher Unglücksfälle reicht nicht einmal für ein kleines Fernsehspiel. Das Theater hat immer weniger mit Literatur zu tun (die wenigen dialektalen Feinheiten des Österreichers Thomas Arzt werden einfach beiseitegespielt), aber immer mehr mit dialogisiertem Besinnungsaufsatz und müden Alltags-Parodien. Egal, ob man aus der Kirche austritt oder dem Handyanbieter kündigt – "ich war in der Stimmung, Schluss zu machen", sagt die schwangere Vroni. Dabei ist das doch erst der Anfang des Stückemarkts. Wahrscheinlich muss sich Frau Merkel einschalten mit einer großen Finanzspritze oder die Europäische Zentralbank. Dann wird auch am Theater alles besser.

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