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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturKleinste Spuren vom großen Ganzen10.10.2011

Kleinste Spuren vom großen Ganzen

Heinrich Wille: "Ein Mord, der keiner sein durfte: Der Fall Uwe Barschel und die Grenzen des Rechtsstaates"

Endgültig geklärt ist der Tod von Uwe Barschel am 11. Oktober 1987 im Genfer Hotel "Beau Rivage" bis heute nicht. Heute, da er pensioniert ist, darf aber endlich der Lübecker Staatsanwalt Heinrich Wille sein Buch über den Fall Barschel veröffentlichen, für den er selbst zuständig war.

Von Christiane Florin

Uwe Barschel am 18. September 1987. (AP Archiv)
Uwe Barschel am 18. September 1987. (AP Archiv)

Im Anfang war das Ehrenwort.

"Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind. Ich danke Ihnen."

Das beteuerte der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel am 18. September 1987 vor der Presse. Wenige Tage zuvor hatte der "Spiegel" aufgedeckt, dass der CDU-Mann seinen SPD-Konkurrenten Björn Engholm ausspionieren ließ. Wenige Wochen später war Uwe Barschel tot.

Was war geschehen? Und warum? An Antworten versuchten sich Wichtigtuer und Verschwörungstheoretiker. Heinrich Wille ist kein Wichtigtuer. Er ist wichtig. Im Dezember 1992 wurde er Leitender Oberstaatsanwalt in Lübeck, in seinem Zuständigkeitsbereich fiel der Fall Barschel.

Wille sorgte für eine spektakuläre Wende: Ende 1994 begann die Staatsanwaltschaft Lübeck, wegen des Verdachts auf ein Kapitalverbrechen zu ermitteln. Mit anderen Worten: Die Zweifel am Suizid wurden amtlich, die Mordthese begann ihren Marsch durch die Institutionen. Von diesem langen Marsch erzählt Willes Buch "Ein Mord, der keiner sein durfte".
Im Vorwort schreibt der frühere Spiegel-Chef Stefan Aust:

Alle Ermittlungsergebnisse und Obduktionsbefunde deuten darauf hin, dass Barschel nicht allein war, als er die tödlichen Medikamente in der Badewanne zu sich nahm, und dass er nicht freiwillig in die Badewanne stieg, um dort zu sterben. Seine Enthüllungsdrohungen dürften für gewisse Gruppierungen ein Motiv gewesen sein.

Die Vokabel "Ehrenwort" ist seit jenen Herbsttagen des Jahres 1987 verbrannt, und doch liest sich das neue Buch wie eine Ehrenrettung. Nicht für Uwe Barschel, schon gar nicht für die Justiz, sondern für den Autor. Denn Heinrich Willes Wirken ist umstritten. Er galt vielen Kommentatoren als der Staatsanwalt, der sich verrannt hatte. Wie ein Besessener wirkt Wille allerdings nicht. Es gab Anfang der 90er-Jahre neue Spuren, zudem lagen Gutachten über den Giftcocktail in Barschels Magen vor. Vorsichtig formuliert der Ermittler:

"Kein einzelner der in dieser Zeit bekannt gewordenen Gesichtspunkte führte dazu, dass Staatsanwalt Sela und ich schließlich doch den Anfangsverdacht eines Kapitalverbrechens bejahten. Es war vielmehr die Gesamtheit aller Verdachtsmomente, die uns zu diesem Schluss brachten."

Das Verfahren wurde zwar 1998 eingestellt, Heinrich Wille aber hält einen Mord für wahrscheinlich. Wer sind die Tatverdächtigen, die "gewissen Gruppierungen", von denen im Vorwort die Rede ist? Die U-Boot-Geschäfte einer Kieler Werft mit dem Apartheidsregime in Südafrika könnten eine Rolle spielen. Möglicherweise war Barschel auch in die Iran-Contra-Affäre verstrickt, also in die geheimen Waffenlieferungen der USA an den Iran.

Kalter Krieg, Islamische Revolution, Stasi, CIA, Mossad, Bundesnachrichtendienst, Mafia - der Christdemokrat Uwe Barschel hat weder christlich noch demokratisch von der Waterkant aus in der Weltpolitik mitgemischt. Anscheinend, vielleicht. Zum ständigen Mangel an Beweisen schreibt Wille:

Erneut verlief eine Spur, die vielversprechend erschien und auf deren Existenz es durchaus ernst zu nehmende Hinweise gab, im Sande. Gleichwohl schien mir der zeitgeschichtliche Aspekt der "Iran-Contra-Affäre" auch für das Ermittlungsverfahren, das wir zu führen hatten, nicht belanglos.

Kleinste Spuren sollen vom großen Ganzen erzählen: die Aluflocken an Barschels Schuh, die Giftreste im Whiskyfläschchen aus der Minibar, der Schmutz am Badvorleger. Wille zitiert akribisch Gutachten, fairerweise auch solche, die seine Mordthese nicht belegen. Der Jurist vermittelt jedoch mitnichten nur Akten- und Fakteneinsicht. Er legt auch das Innenleben deutscher Justizbehörden bloß. Blockaden, Widersprüche und Indiskretionen erlebte er regelmäßig.

Ein Rätsel bleibt mir bis heute das Verhalten meiner Vorgesetzten; die meisten einzelnen für sich und in ihrer Gesamtheit. Was hätte man sich vergeben, wenn man uns hätte einfach unsere Arbeit machen lassen?

Das Buch hätte schon 2007 erscheinen sollen, das aber wurde gerichtlich untersagt. Erst nach Willes Pensionierung gilt das Verbot nicht mehr. Der Autor geht mit den Beteiligten hart ins Gericht – vor allem mit dem Lübecker Generalstaatsanwalt Heribert Ostendorf, seinem Vorgesetzten. Pikant ist, was er über das Kompetenzgerangel mit der Gauck-Behörde erzählt. Die hätte eigentlich bei den Ermittlungen helfen sollen, erwies sich jedoch als zäher Gegner. Mit einer "Razzia", so schrieb damals die Bild-Zeitung, habe sich Wille Einsicht in die Stasi-Akten verschafft. "Razzia" ist zwar juristisch nicht korrekt, erfasst aber die Wirkung. Die umreißt Heinrich Wille so:

Das Unheil nahm seinen Lauf. Der Generalstaatsanwalt verhandelte hinter dem Rücken der zuständigen Staatsanwaltschaft und über meinen Kopf hinweg mit der Gauck-Behörde über eine Einigung, die mit einem Kniefall vor der Ikone Joachim Gauck endete. Rechtliche Argumente der Staatsanwaltschaft Lübeck spielten keine Rolle mehr. Warum, das weiß ich bis heute nicht.

Wille ist Sozialdemokrat, ein strammer SPD-Parteisoldat ist er nicht. Der Autor präsentiert sich als unabhängiger Don Quichote in den Mühlen der Justiz.
Bitter bilanziert er:

Was mich nachhaltig störte und das Ermittlungsverfahren weiterhin nachhaltig beeinträchtigte, war die Tatsache, dass es sich um eine Schlappe für den Rechtsstaat handelte.

Wille wirkt verwundet. Seitenlang zitiert er aus verletzenden Zeitungsartikeln. "Seht her, die Herrn Kommentatoren haben sich geirrt!", soll das wohl zeigen. Das Nachkarten mag berechtigt sein, wirkt aber rechthaberisch. Dieser Gestus macht die an sich lohnende Lektüre bisweilen ermüdend. Es ist ein Buch, das geschrieben werden musste im Namen der Gerechtigkeit. Und im Namen der Selbstgerechtigkeit.

Wer weniger Herzblut als Wille für den Fall Barschel vergießt, stellt am Ende fest: Der Mord, der keiner sein durfte, bleibt ein Mordverdacht, für den wasserdichte Beweise fehlen.


Heinrich Wille: "Ein Mord, der keiner sein durfte: Der Fall Uwe Barschel und die Grenzen des Rechtsstaates". Rotpunktverlag, 300 Seiten, 24 Euro

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