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StartseiteFirmenporträtFitness für Schwindelfreie 19.05.2017

KlettersportFitness für Schwindelfreie

Teil 1 der Reihe "Fitness macht business"

Die Fitnessindustrie zählt zu den boomenden Branchen. Fünf Milliarden Euro Umsatz machten die rund 7.600 Clubs in Deutschland im vergangenen Jahr. In einem davon können schwindelfreie Sport-Begeisterte hoch hinaus. Zu den Erfolgsrezepten der Betreiber zählt die hohe Variabilität der Kletterwände.

Von Mirko Smiljanic

Fabian Platz hängt am 10.03.2017 in der neuen Kletterhalle des Alpenvereins Sektion Weimar (Thüringen) am Sicherungsseil. Die für etwa 1,5 Millionen Euro gebaute Halle wurde am 04.03. eröffnet. Foto: Candy Welz/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (dpa/Candy Welz)
Klettern: Ein Sport nur für Schwindelfreie. Am Anfang sei eine gewisse Angst völlig normal, sagen Kenner. (dpa/Candy Welz)
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Eine Kletterhalle bei Köln. 16 Meter ragen die Wände senkrecht in die Höhe, in den oberen Bereichen wie im richtigen Gebirge mit mächtigen Überhängen versehen. Für Kletterlaien fiese Schikanen, die ohnehin kaum jemand meistern kann. Fast jedenfalls. Eine Gruppe 14-jähriger Mädchen bereitet sich mit strahlenden Augen auf genau diese Tour vor. 

"Ja, man fühlt sich irgendwie so frei, vor allen Dingen, wenn man sich dann runterfallen lässt. Das Abseilen macht am meisten Spaß," erzählt die eine. Ihrer Freundin gefällt, "dass man ein gutes Gefühl hat, weil man weiß, dass der andere einem sichert, ja, es macht einfach Spaß."

Konzentriert setzt das erste Mädchen den rechten Fuß auf einen kleinen Tritt, während sie mit beiden Händen über dem Kopf Halt sucht an ebenso kleinen Griffen. Langsam stemmt und zieht sie sich nach oben, immer gesichert von einer Freundin, die das Sicherungsseil vorsichtig nachzieht. Der erste Meter ist geschafft! Befürchtungen vor unsicheren Griffen und Tritten muss niemand haben, Kletterwände sind stabil gebaut.

"Erst einmal gibt es eine Unterkonstruktion, die der Statiker auch berechnen muss, wir bauen die komplett aus Holz. Dann werden spezielle Paneele, die ein bestimmtes Bohrraster haben, an denen nachher die Griffe befestigt werden und die auch eine spezielle Quarzsand-Harzbeschichtung haben, die werden auf die Unterkonstruktion aufgeschraubt. So entsteht eine Kletterwand," sagt Herbert Büttgen, Geschäftsführer der "OnTop Klettern - Gesellschaft für Freizeitsport mbH" in Wesseling bei Köln.

Firmengründung aus der Not heraus

Gegründet hat Büttgen die Firma 1994, ein wenig aus der Not heraus, wie er sagt, es gab damals kaum Anbieter von Kletterwänden, also hat er eigene konstruiert:

"Daraufhin bekamen wir immer mehr Anfragen von offiziellen Seiten wie der Bundeswehr, von verschiedenen Schulen, die dann auch Nachfrage nach Kletterwänden hatten, so haben wir ganz klein angefangen. Das hat sich dann immer mehr professionalisiert, heute arbeiten 14 Mitarbeiter hier in der "OnTop", wir bauen Kletterwände in ganz Europa, es gibt auch Ausreißer, dass wir schon mal eine Kletterwand in Dubai gebaut haben, aber das ist für uns die Ausnahme."

Der Jahresumsatz liegt bei 1,5 Mio. Euro, Tendenz steigend. Zu den Erfolgsrezepten zählt die hohe Variabilität der Kletterwände aus Wesseling. Egal, welche Schwierigkeitsgrade ein Kunde wünscht, alles lässt sich vergleichsweise einfach umsetzen. Regelmäßige Bohrungen überziehen als enges Raster die Wände, jede Bohrung bietet Platz für einen Griff. Große, handliche mit tiefen Mulden sind dabei, aber auch winzige, an denen gerade mal ein Finger Halt findet.

"Diese Griffe ergeben halt durch die Farben Routen, abhängig von der Griffgröße und der Ausrichtung ergibt das dann einen Schwierigkeitsgrad, da spielt dann auch der Abstand der Griffe mit rein. Der Schwierigkeitsgrad fängt bei zwei an und hört bei elf, maximal zwölf auf," sagt Hendrik Buschulte, Projektingenieur bei "OnTop Klettern". Die Sicherheitsanforderungen an Kletterwänden sich hoch, mittlerweile sind sie TÜV-zertifiziert. Gleiches gilt für die Sicherungsseile, erläutert Buschulte:

"Das ist eine Besonderheit! Wir als OnTop haben ein eigenes Sicherungsgerät entwickelt, das ist die Top-Stopp-Seilbremse, mit der Seilbremse erreiche wir, dass der Sichernde maximal zehn bis fünfzehn Prozent vom Körpergewicht des kletternden halten muss. Und das geht mit den bloßen Händen! Das vereinfacht, den Sicherungsvorgang für Kinder und Anfänger ganz erheblich."

Penible Planung steht an erster Stelle

Kinder und Anfänger können und sollen sich gegenseitig sichern. Das fördert die gegenseitige Verantwortung und ein Gefühl von Sicherheit beim Kletternden. Am Anfang, so Henrik Buschulte, sei eine gewisse Angst völlig normal, mit jeder erfolgreich absolvierten Tour baut sie sich aber immer mehr ab. Gleiches gilt für die Sicherheit der Wände selbst, bei denen – so Hendrik Buschulte – penible Planung an erster Stelle stehen. 

"Der Ablauf funktioniert so, dass unsere Vertriebsmitarbeiter rausfährt, guckt sich die Gegebenheiten an, nimmt die Wünsche des Kunden auf, erstellt dann gemeinsam mit dem Kunden einen Entwurf, der wiederum wird dann digital an mich, dem Konstrukteur, übergeben, ich schau mir dann dieses Modell an und überleg mir dann, wie die einzelnen Platten, die einzelnen Elemente zu setzen sind, damit das nachher mit jedem einzelnen Balken und jeder einzelnen Schraube eine Kletterwand ergibt, die dann auch hält und ihre Funktion erfüllt."

Klettern hat sich zu einem Breitensport entwickelt. Vom simplen Kraxeln bis zum hochanspruchsvollen Freeclimbing – für alle Ansprüche hat "OnTop" Angebote im Portfolio. Unangefochtener Marktführer sind die Wesselinger Ingenieure aber auf dem Gebiet des therapeutischen Kletterns. Herbert Büttgen: 

"Das sind in der Regel sehr einfache Kletterwände, die in der Neigung verstellbar sind, aber die Auswahl der Klettergriffe spielt für die Therapeuten, ob nun Physio- oder Ergotherapeuten, eine ganz große Rolle."

Mittlerweile haben die Mädchen ihre Klettertour absolviert: "Ich lass Dich jetzt runter", ruft die eine. War es anstrengend? "Geht, nur meine Finger tun weh."

(*) Anmerkung der Redaktion: Der Reihentitel wurde geändert.

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