Montag, 11.12.2017
StartseiteForschung aktuellLösen Vulkanausbrüche Aufstände aus?18.10.2017

Klima und GeschichteLösen Vulkanausbrüche Aufstände aus?

Das Klima beeinflusst das Leben vieler Menschen. Und laut einem Team unter anderem aus Klimaforschern und Historikern schreibt es sogar Geschichte. Die Forscher stellen in einem Aufsatz einen Zusammenhang zwischen Vulkanausbrüchen und Revolten im alten Ptolemäer-Reich her.

Von Dagmar Röhrlich

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Lavasee des Nyiragongo (Bettina Rühl)
Wird hier Geschichte gemacht? Forscher haben jetzt einen Zusammenhang zwischen Vulkanausbrüchen und Aufständen im alten Ägypten hergestellt (Bettina Rühl)
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Fast drei Jahrhunderte lang regierten die aus Griechenland stammenden Ptolemäer Ägypten: zwischen 305 und 30 vor Christus. In dieser Zeit entstand die Große Bibliothek und der Leuchtturm von Alexandria, der Stadt, in der Euklid und Archimedes lebten. Es war eine Zeit des Wohlstands, in der es jedoch immer wieder zu blutigen Revolten der Ägypter kam. Könnten Klimaveränderungen der Auslöser gewesen sein? Im Gefolge starker Vulkanausbrüche an ganz anderen Orten der Welt? Michael Sigl vom Paul Scherer Institut im schweizerischen Villigen ist dieser Frage nachgegangen:

"Diese Vulkanausbrüche können den Monsun kurzfristig stören. Jeden Sommer kommt ein Ausläufer vom Indischen Monsun und bringt dann im Hochland von Äthiopien Niederschlag. Im Fall eines Vulkanausbruchs kommt es eben zu einer Abkühlung in der Nordhemisphäre, und dadurch kommt einfach der wichtige Niederschlag nicht mehr im Hochland von Äthiopien an."

Vulkanausbrüche ließen Nil-Wasserstand sinken

Von diesem Niederschlag hängt es ab, ob es Nilhochwasser geben wird oder nicht, erklärt Francis Ludlow, Historiker am Trinity College in Dublin und Mitautor:

"Blieb die jährliche Nilüberflutung aus, konnte kein Getreide angebaut werden, und es gab Hungersnöte. Die Ptolemäer importierten in Krisenzeiten Getreide. Gelang das nicht, gab es Revolten. Die meisten scheinen nach großen Vulkanausbrüchen aufzutreten."   

Dieser Zusammenhang ergab sich aus der Auswertung von Eisbohrkernen aus Grönland und der Antarktis. In einem früheren Projekt war es gelungen, für die vergangenen 2500 Jahre rund 300 große Vulkaneruptionen aufs Jahr genau zu datieren. Francis Ludlow:

"Die Historiker des Teams nahmen sich die Papyri vor. Sie wollten sehen, wie sich der Wasserstand des Nils nach den Ausbrüchen entwickelt hat. Die Aufzeichnungen aus ptolemäischer Zeit erwiesen sich als zu ungenau. Deshalb analysierten die Forscher zunächst die Daten des 'Nilometer': einer Zeitreihe von Pegelmessungen zwischen 622 und 1902 nach Christus. Den Eisbohrkernen zufolge fallen in diese Periode rund 60 Eruptionen. Und der Abgleich belegte: Sie ließen den Wasserstand des Nils sinken."

"Dadurch, dass wir so eine lange, kontinuierliche Zeitreihe von Vulkanismus hatten, konnten wir jetzt wirklich mal die sozialen Indikatoren vergleichen, wie die sich relativ zu starken Vulkanausbrüchen sich verhalten", sagt Michael Sigl. "Darum haben wir einfach die größten Vulkanausbrüche in dieser Phase genommen, das waren 18 sehr starke Eruptionen. Und dann haben wir gesehen: Im Ausbruchsjahr ist die Wahrscheinlichkeit, dass interne Revolten auftreten größer als sonst und auch größer, als man erwarten würde, wenn es rein zufällig wäre."

Acht von zehn Unruhen kamen kurz nach Eruption

Acht der zehn großen Unruhen ereigneten sich innerhalb von zwei Jahren nach einer Eruption. Und anscheinend hatten die Ausbrüche für die Antike weltpolitische Folgen. Francis Ludlow:

"So rückte Ptolemäus III. im Jahr 245 vor Christus zwar bis Babylon vor – musste dann jedoch wegen einer Revolte nach Ägypten zurückkehren, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen."

Die Forscher werten ihre Einsichten in die überraschend weitreichenden sozialen Folgen von Klimaveränderungen auch als Warnung. Versuche, mittels Geo-Engineering den kühlenden Effekt von Vulkanausbrüchen zu imitieren, dürften unerwünschte Nebenwirkungen haben. Die Vergangenheit beweise, dass der Wasserhaushalt empfindlich gestört werde. Und zwar insbesondere in Monsunregionen, wo viele Menschen leben und Wasser heute schon knapp ist.

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